Ausgabe 
16.10.1897
 
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9ch, der Kranz des Lebens ist Nur gewebt aus Stunden. Eile, denn die kurze Frist

Ist so bald verschwunden.

Nur, wer strebend Kräfte übt, Sag' mit Recht: Er lebe;

Nur der Zweig, der Trauben giebt, Haftet an der Rebe.

K. Georgi.

Der Majoratsherr.

Roman von Nataly ». Eschstruth.

(Fortsetzung.)

Die leisen, müden, schlurrenden Schritte verklangen hinter der Thüre, und Graf Willibald sank auf den Stuhl nieder, legte die Arme auf das Fensterbrett und drückte das Antlitz darauf nieder.

Ein Schütteln und Beben ging durch seine Gestalt, wie wenn die Verzweiflung einen Menschen mit rauhen Händen packt und schüttelt. Ins Irrenhaus!

Dieser Anschlag krönte alles Elend, welches ihn, den Einsamen, Unglücklichen je heimsuchte!

Eine Pistolenkugel ein Giftpulver würde all dem trostlosen Leben ein wohlthuendes Ende bereitet und den Majoratsherrn von Niedeck von seinem Dasein erlöst haben, welches jeder Freude und jedes Glückes baar wurde. Aber in's Irrenhaus! Mit gesundem Verstand zeitlebens einge­kerkert sein, verurtheilt zu dem schwersten, unerträglichsten Loos, welches je eine Menschenseele gemordet, gefangen, ausgeschlossen, des eigenen Willens, der goldenen Freiheit beraubt, fürchterlich gestraft wie der schwerste Verbrecher" Dieser Gedanke trieb dem verlassenen Mann den Angstschweiß des Entsetzens auf die Stirn.

Warum nicht?!

Stehen die Zeitungen nicht voll der grausigsten Dinge, wie das fin de sidcle die Irrenanstalten mißbrauchen läßt?

Ein Prozeß um den anderen erzählt von den unge­heuerlichsten Dingen, welche sich hinter den Mauern der Nervenheilanstalt abspielen sollen, berichten von mehr wie einer Familientragödie, welche sich im Narrenhaus ab­spielt, warum sollte Vetter Rüdiger, welcher sich nie

scheute, das Leben des unglücklichen, verwaisten Knaben und Jünglings zu vergiften davor zurückschrecken, den unbe­quemen Erbherrn aus diese bequeme Weise aus dem Wege zu räumen?"

Er selber wäscht ja seine Hände in Unschuld! Er folgt nur dem Drängen Anderer, befehligt nur die Meute, welche das Wild in den Abgrund jagt!

Ein dumpfer Schrei der Qual der leidenschaftlichsten Erbitterung bricht über Willibalds Lippen. Er hebt das blasse Antlitz und starrt wie in verzweifelter Anklage zum Himmel. Mild und friedlich fluthet silbernes Licht über sein Haupt.

Durch die nächtlich dunklen Wolken blickt der Mond wie ein Angesicht, welches voll tröstender, unendlich treuer Liebe auf ihn herabblickt. Weich, wie zärtliche Mutterhände streicht der Windhauch durch das Fenster und kühlt seine Stirn.

Nein, er ist noch nicht vergessen da oben!

Es giebt einen gerechten, wahrhaftigen Gott, welcher die Seinen nicht verkommen läßt, welcher auch den Ver- lasfensten und Verlorensten ein Glück beschieden hat, nur die Wege, darauf man es erreicht, sind verschieden und führen gar wundersam durch Nacht zum Licht.

Thränen treten in die Augen Willibalds. Tiefaufseufzend lehnt er sich zurück in den Sessel und starrt voll wehmüthigen Sinnens hinaus in die stille Mondnacht.

Morgen soll er scheiden von hier, wer weiß, ob er wiederkehrt.

Abermals führt ihn das Schicksal in die Residenz, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, die verhaßte Stadt nie mehr zu betreten.

Er denkt zurück an die Jahre, welche er dort verlebt.

Entsetzliche Jahre! Jahre voll bittersten Herzeleids, voll Heimweh und geheimer Qual.

Er entsinnt sich noch jeder Stunde, welche Rüdiger ihm vergällt. Er wird nie den Augenblick vergessen, wo der schöne, schlanke Knabe zuerst vor ihm stand und in ein herz­loses Gelächter ausbrach:Was, dieser Nußknacker ist Willibald? Na, das sage ich Dir, Du kleiner Wispelmann, mit Dir zeige ich mich nicht auf der Straße, sonst bellen uns die Hunde an!"

Da erfuhr das verwaiste Kind zum ersten Male voll roher Deutlichkeit, daß es häßlich sei.

Häßlich! O du furchtbarste aller Heimsuchungen! Häßlich sein an der Seite eines hübschen, allgemein ver­hätschelten und bewunderten Knaben! Häßlich sein! in einem Hause, wo man die Häßlichkeit wie ein Verbrechen erachtete.