Ausgabe 
16.10.1897
 
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wo man das Häßliche gemein und plebejisch nannte, es ver­spottete und verachtete!

Welch ein Kette unausgesetzter Kränkungen war sein Leben! wie blutete sein feinfühliges und empfindsames Herz unter solcher Grausamkeit!

Er lernte schwer, während Rüdiger spielend auffaßte und behielt.

Willibalds kränklicher Körper konnte nicht Schritt halten mit den geistigen Anforderungen, welche man stellte, und wenn man ihn in der Pflege während verschiedener Krank­heiten auch nicht direct vernachlässigte, so gab man sich doch auch nicht sonderliche Mühe, den Majoratsherrn, dessen Existenz den eigenen Sohn zum Bettler machte, am Leben zu erhalten.

Aber das schwache Leben rang sich dennoch durch all die schweren körperlichen und geistigen Krisen hindurch, gleich­sam zum Hohn für den schönen, kraftstrotzenden Vetter, welcher neben dem kümmerlichen, häßlichen Erbherrn von Niedeck dennoch zusammenschrumpfte, wie der Schatten vor der Sonne!

Jo, das Majorat! das beneidete ihm Rüdiger schon als Kind! Er war klug und egoistisch genug, um schon als Knabe den Werth des Geldes und den guten Klang eines Titels zu ermessen und zu begehren. Er haßte den Glück­lichen, welchem das Schicksal Reichthum und Stellung schon in die Wiege gelegt, und damals reifte wohl schon der Plan in ihm, auf irgend eine Weise den Unbequemen zu entfernen.

Mit der rohen Kraft der Faust durfte er es nicht mehr wagen, seit er einmal bei einem Streit um ein Spiel den schwachen Willibald beinahe zu Tode gewürgt. Der Erzieher sprang noch rechzeitig zu Hilfe, und wich seit jener Zeit nicht mehr von der Seite des Knaben. Seine Sympathien hatten stets dem armen, gequälten Erben gegolten, während sich Rüdiger durch sein herrisches, heimtückisches Wesen im ganzen Hause unliebsam machte.

Auch Rüdigers Vater trat zum ersten Male mit der vollen Strenge und Energie gegen den Sohn auf, als er von dem Vorkommnitz Meldung erhielt. Man trennte die feindlichen Vettern und schickte Willibald auf eine Ritter­akademie. Dort hätte er wohl ein erträgliches Leben führen können, wenn ihn nicht die vielen Kränkungen, welche er im Hause des Oheim erduldet, schon scheu und verbittert gemacht hätten.

Dazu kam, daß Rüdigers bester Freund aus der Residenz sein Zimmergenosse ward und die Quälereien fortsetzte, welche Jener begonnen, er verdarb ihm von vornherein die Stellung bei den anderen Schülern, und Willibald zog sich immer menschenfeindlicher von jedem freundschaftlichen Ver­kehr zurück. Nach seiner Confirmation weilte er kurze Zeit zum Besuch bei dem Onkel, verlebte unerträgliche Wochen, in denen er abermals zur Spielscheibe allen Spottes wurde. Je mehr die Knaben heranwuchsen, desto greller trat der Unterschied zwischen ihnen zu Tage, und je älter Willibald ward, desto bitterer empfand er es, häßlich, linkisch und geistig unbedeutend zu sein. Sein scheues, gedrücktes, menschenfeindliches Wesen stach seltsam ab, gegen die sichere, elegante Gewandtheit des weltmännischen Rüdigers, welcher vielleicht viel weniger gelernt hatte wie der Vetter, aber voll schlagfertiger Unverfrorenheit mit den spärlichen Kennt­nissen brillirte, daß dieselben, unterstützt von seinem ein­nehmenden Aeußeren, alle Welt bewunderte. Je mehr aber Rüdiger sich voller schadenfroher Spottsucht bemühte, den Erbherrn von Niedeck in den Schatten zu stellen und in den Augen der Leute lächerlick zu machen, desto freiwilliger zog sich Willibald von allem Verkehr zurück.

Auf Befehl des Onkel besuchte er die Tanzstunde. Zum ersten Male in seinem Leben schlug sein Herz höher auf bei dem Anblick eines engelhaft schönen, reizenden Mädchens, dessen Goldhaar ihn wie mit süßem, magischem Zauberlicht blendete. Sie war auch freundlich und gütig zu ihm, sie legte sogar ihre Hand lächelnd in die seine, um mit ihm zu tanzen.

Wie ein Rausch dec Wonne, de- leidenschaftlichen Ent­zückens überkam es Willibald.

Er, der so bettelarm an jedem Glücksempfinden war, schien wie betäubt von so viel Unerwartetem, doppelt tief, doppelt gewaltig und glühend zog die erste, junge Liebe in sein Herz.

Zur fünften Tanzstunde erschien Rüdiger, welcher bis dahin krank gelegen.

Sein Eintritt in den Tanzsaal machte allem Glück ein Ende. Mit schnellem Umblick war er orientirt. Er empfand es als ein besonderes Gaudium, demWispelmann" die Flamme abspenstig zu machen. Welch ein Mädchen wäre unempfindlich, wenn seine Eitelkeit gereizt wird! Welch ein Backfischchen macht sich durch einen Verehrer lächerlich, über welchen alle Anderen glossiren?

Mit der schonungslosen Grausamkeit der Kindernatur schwebte das blonde Elfchen in Rüdigers Armen dahin, direct in das feindliche Lager hinein.

Auf dem Heimweg aber erzählte der Sieger voll harm­loser Fröhlichkeit:Die Thea ist ein zu famoser Balg! brillante Witze machte sie, allen Leuten giebt fie Spitz­namen! Weißt Du, wie sie Dich nennt, Willibald? Das goldene Kalb", brillant, was? bei Deinem vielen Geld!"

Der Erbe von Niedeck krampfte schweigend die Hand über dem Herzen, welches in wildem, namenlosem Weh verblutete.

Was er in jener Nacht erlitten, beschreibt keines Menschen Mund, als aber die Sonne sein bleiches, finsteres, schmerz­zerrissenes Antlitz traf, da las sie einen starren Entschluß darin, Willibald von Niedeck wird sich nie im Leben wieder zum Spott eines Mädchenmundes machen! Diese Nacht hatte den Weiberhasser geboren. Und nicht allein sie haßte er, nein, auch für Rüdiger wuchs der Funken des Haffes zur Flamme an. Alles, was er ihm zuvor angethan, war ein Nichts gegen den Mord an seiner jungen Liebe, der einzigen Rose, welche sein dornenreiches Leben getragen.

Die Studienzeit trennte die Vettern abermals und Willibald fand Gründe, das Haus des Vormundes zu meiden.

Erst seine Mündigsprechung zwang ihn zu einem Besuch in demselben.

Wie umgewandelt erschien ihm Rüdiger plötzlich. Innig, freundschaftlich, gewaltsam intim.

Der Pessimist von Niedeck war aber nicht leicht zu täuschen. Der Haß lebte zu frisch und gewaltsam in ihm, um durch ein paar gleißnerische Worte in Freundschaft ver­wandelt zu werden. Er durchschaute den Vetter nur zu bald.

Eine neue Jntrigue sollte dem Majoratsherrn das Majorat entziehen.

Gab es nicht eine Erbschastsclausel, welche sechzehn Ahnen von der künftigen Schloßfrau von Niedeck verlangt?

Dieses sollte ausgenutzt werden.

Thea besaß keine sechzehn Ahnen, heirathete sie Willibald, ward Rüdiger Erbe.

Und diesen Plan verfolgte er ebenso schlau wie hart­näckig. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht. So oft er auch eine Begegnung zwischen Beiden herbeiführte, und so bezaubernd wie Thea dem auch ohne Majorat schwer reichen Grafen zulächelte, es prallte wirkungslos an dem starren, geistlosen Blick ab, mit welchem der Erbherr die reizende Jugendliebe musterte. Als Rüdiger endlich deutlich ward und von der tiefen Neigung der armen Thea sprach, welche sehnsuchtsvoll auf die Erklärung harre, da flammte es in den soviel bespötteltenGlotzaugen" des Wispelmännchens" wunderbar geistreich und ironisch auf, und er sprach:Ei, die kleine Thea ist doch eine gute Christin, und will trotzdem Götzendienerin werden und um dasgoldene Kalb" tanzen?!"

Rüdiger biß sich auf die Lippen. Zum ersten Male im Leben hatte er sich selber die Grube gegraben. Er änderte seine Maxime. Wollte Willibald nicht nach seinen