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als wäre das ein Zeichen, das ihn verscheuchte, so entfernten sich nun wieder die kaum vernehmlichen, ungewissen Schritte des unsichtbaren Besuchers, bis abermals in der Ferne sich eine Thür zu öffnen und zu schließen schien, und auch der letzte, leiseste Ton verhallte.
Mit einem Seufzer der Erleichterung trat Frau Ina zurück. Nur der Gedanke an Doctor Jaksch und ein schreckhaftes Erbeben der Nerven, das mit diesen Gedanken verbunden war, hatten sie vom Oeffnen der Thür zurückgehalten. Jetzt, als die seltsamen Töne verklungen waren, fand sie rasch ihre Fassung wieder und zündete das vorhin gelöschte Licht von Neuem an. Im Schein seiner ruhigen Flamme — denn auch die zum Fenster hereinströmende Abendluft war unbewegt — beirachtete sie den vertrauten, durch Erinnerung geheiligten Raum, und was an Schrecken und Nervenbeben in ihr war, verschwand vor diesem Anblick. Sie konnte schon wieder versuchen, über ihre Furcht zu spotten, und um das volle, gewohnte Behagen herzustellen, entzündete sich auch die Flamme der Lampe. Dann ergriff sie das Licht, um in die Küche hinauszugehen und sich ein einfaches Abendbrod zu bereiten- ein Blick auf das jetzt wieder sichtbare Zifferblatt hatte ihr gezeigt, daß die Zeiger bereits auf halb neun Uhr wiesen.
Ein unwilliges Lächeln über sich selbst überflog ihr Gesicht, als sie die Thür nun öffnete, und hinausblickend erkannte, daß sie vergessen hatte, die Corridore zu erhellen. Das Lächeln wurde noch heiterer, indem sie an Carolinens Zürnen ob dieser Pflichtversäumniß dachte, und mit raschen Schritten, das Licht in der Hand, ging sie zur Küche hinüber, um die Flamme unter einer Spiritusmaschine zu entzünden, deren bescheidener Dienst ihr für diesen Abend genügte. Während sie den langen Corridor hinuntergeschritten war, an dec Reihe der geöffneten Fenster entlang, die auf Hof und Garten hinunterschauten, hatte sie nichts Ungewöhnliches bemerkt. Ein Blick in den Briefkasten hatte ihr gezeigt, daß er leer war, und daß sie nicht etwa, wie eine leise Hoffnung ihr zuflüstern wollte, trotz ihrer Aufmerksamkeit das Kommen des Boten überhört hätte. Niemand war dagewesen, als jener seltsame, unsichtbare Besucher, der keine Spur seines Kommens zurückgelassen hatte. Jetzt war das Schweigen Herrscher in den Räumen des Hauses, auch draußen waren die Töne des Lebens verstummt, kein Laut drang herüber in die tiefe Stille.
Frau Henninger setzte den Kessel mit Wasser, das ihr zur Theebereitung dienen sollte, auf die bläulichgelb emporlodernde Flamme und traf mit raschen Händen die übrigen Vorbereitungen für ihre Abendmahlzeit. Dann stand sie einen Augenblick und schaute auf das unsichere Flammenspiel unter dem Wasserkessel, bis ihr einfiel, daß jetzt der geeignete Augenblick sei, die Corridorlampen hereinzuholen und anzuzünden. Es waren zwei Lampen, und wenn sie beide zugleich tragen wollte, so konnte sie das Licht nicht mit sich nehmen. Aber sie kannte genau die Stellen, wo sie hingen, und ihre Furcht von vorhin war so völlig geschwunden, daß sie ohne Zaudern „ hinaustrat in die Dunkelheit. Am Fenster, der Äüchenthür gegenüber, blieb sie ein paar Secunden stehen, um ihr Auge an die Finsterniß zu gewöhnen und sich an der frisch hereinströmenden Abendluft zu erfreuen. Es war sehr dunkel geworden, und die schwarzen Baummassen des Gartens zeichneten sich nur undeutlich am Himmel ab, aber die Sterne darüber blinkten freundlich herunter.
Nun wandte sie sich zur Seite und ging einige Schritte den Corridor entlang, um dann plötzlich zurückzufahren und stehen zu bleiben, festgebannt auf ihre Stelle, wie von plötzlicher Lähmung geschlagen. Hatte das vergebliche Warten der letzten Stunden sie fiebern gemacht, daß sie zu sehen meinte, was nicht wirklich war? Versagten die sonst so klaren Augen ihr den Dienst und ließen Phantasiegebilde zu sichtbaren Dingen werden, oder war dort in Wahrheit ein Licht hinter den grün verhangenen Scheiben des kleinen Fensters in der Thür ihres verstorbenen Mannes Zimmer? Ein
Licht, wie sie es schon einmal erblickt hatte an jenem stürmischen Abend, als sie durch diese selbe Scheibe jene rasch vorübergleitende Erscheinung hatte sehen müssen, die seitdem niemals wiedergekehrt war? Sie hatte ihrer Furcht von damals gespottet, sie hatte versucht, die Erscheinung durch Betrug zu erklären, sie hatte die Ereignisse jenes Abends halb schon vergessen, — und doch, als sie nun das grünliche Leuchten wieder erblickte, das aus dem Gemache des Verstorbenen hervordrang, da fühlte sie in dem mächngen Schweigen und in der tiefen Einsamkeit um sich her wieder etwas von dem haltlosen Grausen, das ihr damals das Blut hatte erstarren lassen.
Aber war es denn wirklich eine Wiederholung jener Erscheinung, und täuschte sie nicht vielleicht ein Reflex auf den Scheiben des Fensters, dessen Ursache sie nicht kannte? Sie fragte sich's, indem sie ihre Gedanken und ihre Thatkraft zu sammeln suchte, und ihr Bewußtsein sagte ihr, daß sie Muth fassen und zu dem Fenster herantreten müsse, um zu erkennen, was Wirklichkeit und Täuschung sei. Tief athmend ging sie nun vorwärts bis zu der Thür und legte das Gesicht an die kalten Scheiben, um, wie an jenem Abend, durch die Risse im Vorhang hineinzuspähen in das Gemach. Aber wenn sie gemeint hatte, der Anblick der Wirklichkeit werde ihre Phantasie beruhigen und leere Schattenbilder verscheuchen, so hatte sie sich getäuscht. Wenn sie gehofft hatte, nichts zu finden, als ein von fernher blinkendes Licht, das einen leeren Raum unsicher erhellte, so mußte sie jetzt erkennen, daß diese Hoffnung sie betrogen hatte. Nein, es war keine Täuschung! Was sie gesehen hatte unter den heulenden Klängen des Sturmes an jenem Abend im März, das wiederholte sich ihr jetzt an diesem sommerlichen Frühlingsabcnd, unter dem Dufte der ersten, an der Hauswanü emporrankenden Rosen, den. sie in diesem Augenblick mit jener Schärfe der Sinne bemerkte, die jede große Erregung der Seele begleitet. Wieder erblickte sie vor sich die Gestalt, die sie damals gesehen hatte, halb abgewandt von ihr am Schreibtisch sitzend, unsicher beleuchtet von der Flamme eines Lichtes, die Gestalt des Gestorbenen!
Aber auch diesmal dauerte die Erstarrung, die sie überfallen hatte, nur kurze Zeit. Sie wollte muthig und stark sein, wollte sich nicht unterjochen lassen von den Einflüssen der schweigenden Dunkelheir um sich her, von einer Schwäche der Nerven, die ihr sonst fremd war. Sie griff in ihre Tasche nach dem Schlüssel des Zimmers, den sie lange Zeit bei sich getragen hatte, um in jedem Augenblick zur Enthüllung des vermeintlichen Betruges bereit zu sein, aber sie fand ihn heute nicht und erinnerte sich nun auch, ihn kürzlich wieder in ihren Schreibtisch geschlossen zu haben. Gut, so mußte sie gehen und ihn holen! Lang und dunkel dehnte sich vor ihr der Corridor, aber sie wollte keine Zeit verlieren, indem sie das Licht aus der Küche herbeiholte, und ohne weiteres Ueberlegen machte sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer. Das Ziel aber, zu dem sie strebte, erreichte sie nicht. Wieder hatte sie erst einige Schritte gethan, als ein neues Erschrecken, furchtbarer und lähmender, als Alles zuvor, ihr Halt gebot und ihren Fuß wie mit eisernen Ketten fesselte. Ein Anblick, eine Erfcheinung, unbedeutend und alltäglich an sich, aber an diesem Platz und zu dieser Stunde mit unsäglichem Grausen sie erfüllend, ließ sie erbeben und nach Athem ringen. Was sie erblickte, war nichts, als der schmale Spalt einer Thür, die geöffnet und angelehnt war, dahinter der Schein eines Lichtes, und vor diesem senkrechten Lichtstreifen vorübergleitend ein Schatten, der ihn für einen Moment verdunkelte, um dann zu verschwinden und nicht wiederzukehren. Das war Alles, — aber die Thür, vor der sie stand, war die Thür zu Georgs Zimmer, das fest verschlossen gehalten wurde während seiner Abwesenheit, und der Schatten, den sie langsam hatte vorüberschweben sehen, bewegte sich geheimniß- voll durch denselben Raum, den der geliebte Mann mit seiner Gegenwart erfüllt und belebt hatte! Das war es, was sie so unbeschreiblich erschütterte, das Auftauchen dieses schatten-


