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miteinander und traten, als sähen sie die Annäherung nicht, die sie im Grillen wünschten.
Die rechte Hand Neuerts preßte sich um den Ledergriff des Koffers, als wollte er ihn zermalmen- die Frage eines Genossen ließ er unbeantwortet und schritt jetzt an der Bühne entlang, unmittelbar vor der ersten Reihe der Zuschauer her zur anderen Seite des Saales hinüber. Er streifte im Gehen fast Marthas lichtblaues Kleid, aber er wandte den Blick nicht zu ihr hin und sprach keinen Gruß- mit zusammengebissenen Zähnen und geradeausblickenden Augen ging er vorüber. Die Backenmuskeln zuckten und arbeiteten auf seinem Gesicht, als bewegten die Kiefer sich krampfhaft unter dem Fleisch.
Er durchschritt eine Thür in der genüberliegenden Saalwand und erreichte rasch den Garderoberaum für die Athleten. Hier war er noch allein, und ein stöhnender Seufzer drang aus seiner Brust. Einen Augenblick setzte er sich nieder, als überkomme ihn eine plötzliche Schwäche, und blickte starr auf eine dunkle Stelle im Fußboden. Dann öffnete er, sich zusammenraffend, den Koffer, holte das Athletengewand hervor und begann sich zu entkleiden. Er prüfte dabei seine Muskeln, ob sie gestählt genug seien- einmal erhob er auch den nackten Arm und schüttelte die Faust in der Richtung der Saales.
Die lauten, sich nähernden Stimmen der Genossen hießen ihn eilen, und bald war der ganze Raum angefüllt mit frischen, jugendlichen Gestalten, die das moderne Gewand von sich warfen im frohem Gefühl, ihre Kraft und Schönheit an diesem Abend offen zeigen zu dürfen. Wie er als Erster die Garderobe betreten hatte, so war Neuert auch mit dem Ankleiden zuerst fertig und ging auf die noch leere, mäßig erhellte Bühne hinaus. Ein kleiner, lichter Fleck zeigte ihm das Loch im Vorhang, und nun Preßte er sein Auge dagegen und starrte unverwandt auf das leicht geröthete, von krausem Blondhaar umspielte Mädchengesicht in der ersten Reihe der Zuschauer. Einmal war es, als fühle sie diesen Blick, der schärf und hart wie ein geschliffenes Schwert zu ihr hinüberdrang- sie bewegte unmuthig den Kopf und strich mit der Hand über die Stirn. Dann aber lächelte sie wieder vor sich hin, ein stilles, gesammeltes Lächeln des Glücks.
Musik begann draußen vor dem Vorhang zu spielen, ein seltsames Orchester von zwei Geigen und zwei Clarinetten. Ohne darauf zu hören, blickte Neuert unablässig hinaus- die Bühne fing an unter den schweren Gewichten zu erdröhnen, die von den Genossen jetzt hereingetragen wurden, — er vernahm es nicht und wandte sich nicht um. Erst als der Vorsitzende des Vereins zu ihm herankam und ihm die Hand auf die Schulter legte, zuckte er leicht zusammen und trat vopt Vorhang zurück auf die jetzt hellerleuchtete Bühne, wo die Kämpfer bereits im Halbkreis sich aufgestellt hatten. Neuert als einer der Kleinsten hatte seinen Platz nahe am linken Flügel, und indem er ihn einnahm, warf er einen scheuen Blick zu Fritz Köhler hinüber, der etwas nach rechts fast in der Mitte der Bühne stand. Dem Manne ebenso sehr wie seiner Tracht galt dieser Blick Neuerts- er wußte aus des glücklichen Nebenbuhlers eigenem Munde, daß Marthas Finger ihm das Gewand geziert hatten. Es war von dunklem Roth, mit satter, brennender Farbe vom helleren Fleischton der Tricots sich abhebend - auf der Brust und den Schultern aber verschlangen ein paar zierlich gestickte Rosenzweige mit blaßroth leuchtenden Blüthen sich anmuthig ineinander. „Ihm die Rosen, mir nur die Bornen!" dachte Neuert und kehrte den Blick wieder ab, um ihn an seiner eigenen Tracht hinuntergleiten zu (affen. Als einziger von allen Genossen trug er Tricots von einem feurigen Roth, ein schwarzes Wamms darüber ohne jeden Schmuck, ohne jede Blume, und von dieser diabolischen Tracht hob das blaffe Gelb seiner Haut an Gesicht und Armen sich fast leichenhaft ab. In glühendem Leben aber brannten seine Augen, und seine Sehnen spannten sich in verhaltener Wuth.
Ein Glockenzeichen ertönte, der Vorhang rollte empor, eine heiße Welle von Menschendunst und Qualm strömte vom
Saal auf die Bühne herein. Mit Gewichtübungen und Kraftproben leichterer Art begann das Spiel, um zu immer größeren Beweisen von Gewandtheit und Stärke vorzuschreiten. Schüchtern zuerst regten sich die Hände zum Beifall, bald aber erklang er lauter und stürmischer, und mit den Gesichtern der Athleten zugleich rötheten sich die der Zuschauer in wachsender Erregung. Ein Ringkampf war schon vorüber, ein Knabe von wenigen Jahren war von seinem Vater unter lautem Jubel des Publikums vorgeführt und mit einem auf die Bühne niederprasselnden Regen von Apfelsinen belohnt worden, als nach kleiner Pause der Vorsitzende wieder hervortrat und einen zweiten Ringkampf ankündigte. Fritz Köhler und Franz Neuert waren die Kämpfer, und nun stellten sie sich einander gegenüber, eine blonde, blauäugige Siegfriedsgestalt der eine, Loke, dem verderblichen, feindlichen Gotte, vergleichbar der andere.
Nach Ringersitte reichten sie sich die Hände zum Gruß, dann nahmen sie Aufstellung, indem sie die in Kampfesübung gestählten Beine fest auf den Boden stemmten und die Köpfe vorbeugten wie zwei zum Angriff bereite Stiere. Mit Prüfenden, vorsichtigen Griffen faßten sie einander zuerst, bald aber packten ihre Hände fester, und ein wilder, leidenschaftlicher Kampf begann. Die Kräfte der Beiden schienen einander gleich- was der Eine an Wuckt und Größe des Körpers voraus hatte, ersetzte der Andere durch gelenke Gewandtheit. Ein paar Mal hob Köhler den Gegner in fester Umschlingung vom Boden empor und warf ihn, im Sturze selbst mit zur Erde gerissen, auf das erkrachende, Staubwolken in die Höhe sendende Podium nieder. Aber niemals gelang es ihm, des Gestürzten Schultern auf die Erde niederzudrücken und ihn so zu besiegen- immer wieder entschlüpfte Neuert seinen Händen und stand ihm gegenüber, scheinbar nicht zu ermüden, zu stets erneutem Kampfe bereit.
Bisher war das Ringen nach den feststehenden Regeln vor sich gegangen- bei einem frischen Angriff seines Gegners aber fühlte Köhler, daß etwas Anderes, Besonderes ihm drohte. Mit gewandten Bewegungen, mit wohlberechneten Griffen drängte der Schlosser den Goldschmied immer näher an die Bühnenrampe, an die Reihe von Gasflammen heran, die eine glühende Hitze zu ihnen emporsandten. „Was wollen Sie?" flüsterte Köhler zwischen den Zähnen hervor. „Das werden Sie sehen!" knirschte der Andere. Die schrillen Klänge der Musik, die verworrenen Zurufe einer dichten Menge, die sich im freien Raume rechts vor der Bühne zusammengedrängt hatte, übertönten ihre Worte- nur die Bewegung der bleich gewordenen Lippen war im Saale zu bemerken, kein Ton kam über den Gluthstrom hinüber, den die Gasflammen zwischen Kämpfer und Zuschauer legten. Und jetzt machte der Schlosser sich bereit, zu einem erneuten Ansturm, zu einem Angriff, den Hunderte von Augen mit Spannung und Schrecken erwarteten. Wenn es ihm gelang, den Gegner zu werfen, hier an der Bühnenrampe, wenn er ihn niederschleuderte auf diese Kette von Flammen, wenn er ihn hinunterstürzte, kopfüber hinab in den Saal — „Fritz! Fritz!" erklang eine laute, angstvolle, weibliche Stimme von unten zur Bühne empor. Und mehr noch als der gleichzeitig ertönende Zuruf des Vereinsleiters, mehr als die drohenden Worte der Genossen, die mit ausgestreckten Händen auf ihn zustürzten, vermochte diese Stimme über den rasenden Kämpfer. Für einen Augenblick ließ Neuert von seinem Gegner ab und trat zurück, als wolle er den Kampf nach Regel und Vorschrift wieder aufnehmen. Die erregten Genossen schaarten sich wieder im Hintergründe um ihren Führer, die Musik spielte ununterbrochen ihren schrillen Walzer, und die Menge der Zuschauer, die sich in plötzlichem Schrecken zur Bühne herangedrängt hätte, zog sich, einer bebenden Welle gleich, langsam wieder zurück.
Köhler allein erkannte es, daß Neuert auch jetzt nicht daran dachte, einen Kampf mit ihm fortzusetzen, der nicht mehr bedeuten sollte, als ein harmloses Spiel der Kräfte. Er sah die rothunterlausenen Augen sich entgegenglühen, und als der Andere nun wieder näher zu ihm herantrat, hörte er


