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a) in Gießen.
1897.
Dienstag de» 16. Febril«.
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chaust Du ein größ'res Glück stets neidisch an, Wirst Du Dein eig’ne# kleineres begraben;
9 Es hat nicht einen Garten Jedermann, Doch kann ein Jeder ein paar Blumen haben.
Das Haus der Schatten.
Roman von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
Ohne Kuß, nur mit einem festen Händedruck und einem kurzen Lebewohl gingen sie auseinander. Sie wußten, es war ein Abschied für lange Zeit, vielleicht für immer, und als sie in der Einsamkeit ihrer Zimmer nun Beide allein waren, da drang in dem Abendgrau und der tiefen Stille des alten Hauses mit grausamer Gewalt die Frage auf sie ein: „Werden wir uns Wiedersehen?" Die Wände gaben ihnen keine Antwort und die Bilder blieben stumm. Keine der überirdischen Mächte, die im Hause der Schatten walten sollten, verrieth ihnen die Zukunft, und immer banger, immer hoffnungsloser schien den beiden, von einander geschiedenen Menschen die ruhelos wiederholte Frage zu klingen: „Werden wir uns Wiedersehen?"
Als Georg und Frau Henninger, die Treppen nieder- steigend, den unteren Bodenraum durchschritten hatten, war die Thür zu Neuerts Zimmer von innen leise geöffnet worden, und durch den Spalt hatten seine dunklen, brennenden Augen forschend hervorgespäht. Als er jedoch die Gestalten der Beiden erkannt hatte, war der Ausdruck der Spannung aus seinen Zügen gewichen, und er hatte die Thür wieder leise ins Schloß gelegt. Seitdem war eine halbe Stunde fast verstrichen, und er hemmte nun eine ruhelose Wanderung durch sein Zimmer. „Es ist eine Schande!" murmelte er. „Daß ein Kerl wie ich um solch' ein Weibsbild jammert, es ist eine Schmach!" Er fuhr sich mit der Hand durch das kurze Haar und sah nach der Uhr. Dann nahm er einen weichen, schwarzen Hut vom Nagel, stieß das Fenster aus und warf einen Blick auf die vielen Dächer und Giebel unter ihm, die in dem Dunst des Märzabends verschwammen und ihre festen Linien verloren. Er wandte sich bald wieder ab, nahm einen steinen Handkoffer vom Boden, trat hinaus, verschloß die Thür mit Sorgfalt und verließ das Haus.
Sein Weg führte ihn in die Mitte der Altstadt zu
einem stattlichen und alterthümlichen Gasthaus, vor dem eine rothe Laterne schon von Weitem grüßte. Eine warme, mit dem Gerüche von Bier und Speisen erfüllte Luft kam ihm entgegen, als er den Flur betreten hatte, und ein Geräusch von vielen, halbgedämpften Stimmen drang zu ihm her, als er einer braunen, zweiflügelicheu Thur sich näherte. Ein Portier, der ihn kannte, nick-e ihm zu und öffnete ihm. „Es geht bald los," sagte er dabei, Neuert aber gab keine Antwort. Er trat in einen großen, niedrigen, langgestreckten Saal, der schon ganz mit Menschen gefüllt war. Bon der Decke mit verräucherten Malereien hingen von weißen Kuppeln umkleidete Gasflammen nieder und beleuchteten die Reihen hintereinander anfgestellter Tische, von denen nur die beiden ersten mit roth und blau gewürfelten Tischtüchern bedeckt waren. Die Stühle waren so aufgestellt, daß die Sitzenden alle nach der am einen schmalen Ende des Saales aufgebauten Bühne hinüber blickten. Es war gedrängt voll, die Weiblichkeit überwog. An den beiden Ehrentafeln im Vordergrund saßen die Honoratioren, meist würdige Handwerksmeister mit Frauen und Familie, gut, wenn auch altmodisch gekleidet. Weiter zurück vorwiegend junges Volk: Mägde, Gesellen, hie und da eine Uniform. Die Männer tranken und rauchten, die Mädchen schwatzten, stießen einander an und lachten.
Am Eingang war ein brauner Tisch als Kaffe aufgefteßt, ein Haufen von Silber- und Kupfergeld blinkte auf einem weißen Teller. Ein Mann von gedrungener Gestalt, mit einem sonnverbranntem Gesichte, dem heute künstlich gelocktes Haar einen theatralischen Anstrich gab, saß als Kassirer dahinter. Er begrüßte die Ankommenden und reichte ihnen blaue Zettel mit dem Programm, auf dem ein paar mächtige Gewichtsstücke und gekreuzte Eisenstangen als Abzeichen des Athletenclubs prangten. Um diesen Tisch hatte sich eine Schaar von jungen, kräftigen Männern gefchaart, die eifrig aufeinander einsprachen, oder in dem kleinen, hier freigebliebenen Raume mit dem schweren, wiegenden Gange der Kraftmenschen auf und nieder gingen, der dem der Seeleute verwandt ist.
Neuert nickte ihnen zu und wechselte mit einigen von ihnen ein paar flüchtige Worte. Während er aber sprach, glitten seine Blicke zu den ersten Reihen der Zuschauer hinüber, und seine Lippen preßten sich zusammen, als er gesunden hatte, was er suchte. Dort, ganz nahe vor der Bühne, saß die Familie Wernicke, und in ihrer Mitte, als müßte es so fein, der Geselle, Fritz Köhler. Er hatte seinen Arm um die Lehne von Marthas Stuhl gelegt und beugte sich dicht zu ihr heran- die Gesichter der beiden jungen Menschen leuchteten in freudiger Helle. Die Eltern sprachen


