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Hinteren Grenze des Grundstücks. Parallel zum Vorderbau, rechtwinklig zum Seitenflügel erhob sich dieses Gebäude eingeschossig und niedrig. So war die Grundfläche auf zwei Seiten völlig, hier hinten zur Hälfte etwa durch Baulichkeiten umschlossen. In der Umarmung dieser drei Wände von ver- schiedenerHöhe lag ein Hofraum, mehr lang als breit, an der freien Seite durch ein einfaches, altersgraues Holzgitter abgeschlossen, von dem eine Thür in den jetzt unter tiefem Schnee begrabenen Garten führte. Ein paar alte, hochgewachsene Akazienbäume reckten die beschneiten Aeste knorrig empor, Gesträuchgruppen waren halb in die Schneemasse versunken, langgestreckte, ge­radlinige Blumen- und Gemüsebeete zeichneten sich als flache Erhöhungen, riesigen Gräbern vergleichbar, undeutlich ab.

Wie im ersten Stockwerk, so zog sich auch zu ebener Erde bis in die äußerste Tiefe des Gebäudes ein langer und schmaler Corridor, der von dem inneren Hof und brat daneben liegenden Garten her sein Licht empfing. Ganz hinten zur Linken des Ganges öffnete sich eine weiße, nur locker in ihren morsch gewordenen Angeln hängende Thür nach der Werkstätte zu, die in zwei Räume von ungleicher Größe zer­fiel. Der erste von ihnen war sehr klein und durch ein einziges Feaster vom Jnnenhof her erleuchtet. Ambos, Blasebalg und Herd befanden sich hier, und der schwarze Ueberzug von Rauch auf den weißgetünchten Wänden erzählte von der Macht des Feuers, das auf der Schmelzstätte, auf dem niedrigen, vom^vieljährigen Gebrauch schon halbzerstörten Backsteinherd regierte.

Die eigentliche Arbeitsstätte befand sich im zweiten Raum. Durch vier mit geriffeltem Glas verkleidete, dicht nebeneinander gelegene Fenster drang das Schneelicht des Wintertages hell herein, und mitten unter ihnen stand der Werktisch aus naturfarbenem, vom Alter ergrautem, von Rissen durchsetztem Holz. Er war der Beherrscher des Raumes. Trotzig sprang die mächtige Platte, die sich geradlinig an die Mauer atv schloß, weit vor in der Form eines halben Ovals. Aber die Linie des Ovals war durch vier halbkreisförmige Aus­schnitte unterbrochen, und die wuchtige Holzmasse gewann so das Aussehen eines durchschnittenen Sternes. Vom freund­lichen Glanze des Goldschmiedshandwerks zeigte sich nichts in dem einfachen Gemache mit seinen weißen Wänden. Die eiserne Goldwalze, die hochbeinig dastand, reckte die schwarzen Zähne ihres Radwerks hervor, ein röthlicher Staub ersüllte den Boden des großen Holzkastens auf der Polirmaschine.

Nur an einer einzigen Stelle des Werktisches zeigte sich ein feines, goldenes Blitzen. Dort saß an diesem Februar­morgen ein junger Mann bei der Arbeit, ein Krauskopf, in der Mitte der Zwanziger vielleicht, mit der hellen Haarfarbe und den klaren, blauen Augen des niedersächsischen Stammes. Frohsinn und Gesundheit sprachen aus seinem freundlichen Gesichte, das hübsch und regelmäßig war. Er saß in einem der halbkreisförmigen Ausschnitte des Werktisches, nahe am Fenster. Der Feilennagel, ein viereckiger, vorn abgeschrägter Holzkeil mit einer Vertiefung in der Oberfläche war am Tisch in der Mitte des Ausschnittes befestigt, ein Schurzfell war darunter festgenagelt, so daß es einem offenem Beutel gleich herabhing, um die Abfälle des werthvollen Metalls aufzufangen und zu bewahren.

Der junge Gesell war mit der Reparatur eines zer-

Es war nicht eher sicher, und Du hattest ihn ja noch zu Dir heraufbestellt."

Was hast Du zu berichten?"

Biel und wenig Gutes."

Verschließ' die Thür, setz' Dich und erzähle."

Drittes Capitel.

Die Werkstätte des Goldschmieds Wernicke befand in einem besonderen kleinen Anbau des Hauses an

in das die dunkle Gestalt nun hiueinglitt, war dar Studir- zimmer des Doctors Jaksch.

Du kommst spät," sagte er mit gedämpfter, ungeduldiger Stimme.

Gie schlafen, Fräulein Tietjens- es ist spät geworden- und I ich möchte allein sein."

Mit wortlosem Neigen deS Kopfes gehorchte die Gesell­schafterin- leise glitt ihre graue Gestalt hinaus aus dem Zimmer. Als Frau Henninger allein geblieben war, ver­riegelte sie die Thür, durch die Jene sich entfernt hatte - dann aber trat sie vor den Raum, der dem Anvenken des Verstorbenen gewidmet war, und blickte lange regungslos I hinein in den gelblichen Schimmer, der die Züge des Todten I umfluthete.

Zuerst bewegten sich ihre Lippen ohne Laut, aber daun bildeten sie Worte, leise, kaum vernehmlich:Es ist kein Eid gewesen, du weißt es. Ich versprach dir's in der Angst des Todes, weil ich meinte, daß ich nie aufhören könnte, dich zu lieben. Nun ist es geschehen, das Leben übt sein gewaltiges Recht. Mein Versprechen ist zu einer Kette ge­worden, die mir die freie Bewegung hemmt."

Sie schwieg einen Augenblick und trat noch näher zu der Büste heran- ihr Gesicht gewann einen zornigen Aus­druck.Aber ich will die Kette nicht tragen," sagte sie jetzt laut,ich breche sie heute, in dieser Stunde. Ich will leben, ja, ich will leben."

Mit rascher Bewegung erhob sie die Hand zu der Ampel und löschte die Flamme, die darin leuchtete- noch ein kurzes Aufflackern, und tiefes Dunkel ersüllte den kleinen Raum.

Eilig, mit unsicheren Schritten hatte der Assessor sich nach seinen Zimmern begeben, sobald er den Salon verlassen hatte. Er dachte nicht mehr daran, daß der Onkel oben nach ihm verlangt hatte und ihn erwartete. Hinter sich ver­schloß er die Thür und trat in dem unerleuchteten Gemach an eins der unverhüllten Fenster- die beiden Räume, die er bewohnte, lagen im Nebenflügel, der sich rechtwinklig an den Hauptbau anlehnte, g'eich am Anfang des langen Corridors. Wie das eine Fenster der Küche, so gingen auch die dieser Zimmer aus den Hof zur Seite der Hauses, und an die Scheiben gelehnt, blickte der Assessor lange Zeit hinunter auf die weiße Fläche, auf das Treiben des Schnees in der Luft. Dann ließ er die Vorhänge herunter, machte Licht und be­gann sich zu entkleiden. Als er sein Schlafzimmer betreten hatte und den Wandschrank öffnete, in dem er seine Kleider zu verwahren pflegte, fiel es ihm zum ersten Male auf, daß dieser Schrank durch die ganze Stärke einer mächtigen Mauer hindurch sich erstreckte, und daß er nach hinten zu nur durch eine dünne Wand geschlossen schien. Dort aber lagen die beiden Räume, in denen der Todte gelebt hatte und gestorben war, der Todte, der von heute ab, so meinte er, für immer zwischen ihm und seinem Glücke stand. Mit erneutem Schauder über die verderbliche Nähe schloß er die Thür des Schrankes, warf sich auf sein Lager und löschte das Licht. Aber kein Schlaf kam in seine brennenden Augen- er lag und wachte, wieder und wieder die Gedanken in seinem Kopfe wälzend, und starrte hinein in das Dunkel, das ihn umgab und das ihm in diesen Stunden wie ein Abbild seines zukünftigen Lebens erschien.

Er lag und wachte und hörte die Glockenschläge, die vom Thurm der nahen Michaeliskirche zu ihm herüber drangen, doch er vernahm nicht, was in seiner Nähe geschah. Er ahnte den Schatten nicht, der in tiefer, finsterer Mitternacht das Haus der Schatten durchschwebte. Aus einem Zimmer des ersten Stockwerks kam er hervor, glitt an den Wänden entlang, öffnete die Thür eines schwarzen Gelasses und be­wegte sich eine Treppe hinan, die darin emporführte. Uebec die Corridore des zweiten Geschosses nahm er seinen lautlosen Weg, um Halt zu machen yor einem Zimmer, das über dem des Verstorbenen lag. Ein ganz leises, dreimaliges Klopfen ertönte, kaum lauter als ein Hauch, die Thür öffnete sich, ein schwacher Lichtstrahl kam daraus hervor. Und in seinem Scheine verwandelte der Schatten sich in eine Gestalt, in die des Fräulein Tietjens, der Gesellschafterin von Frau Henninger. Das Gemach aber, aus dem der Lichtschein hervorkam, und