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vornherein die einfachsten Vorsichtsmaßregeln einleitet.
muß nämlich jede, auch die kleinste und scheinbar unbedeutendste Wunde sofort gut ab und ausgewaschen und dann gegen ferneres Eindringen von Schmutz oder Bakterien luftdicht abgeschlossen werden. Bei den hier in Betracht kommenden kleinen Verletzungen genügt stets ein Stückchen einfaches Verband- oder Heftpflaster. Es ist dies eine so mühelose Vorbeugungsmaßregel, daß man gar nicht begreift, wie es immer noch Leute geben kann, die sie vernachlässigen und sich dadurch einer Lebensgefahr aussetzen. Man kann dies nur dadurch erklären, daß unter hundert solchen Verletzungen neunundneunzig gut ablaufen und die Leute in ihrer Achtlosigkeit und Bequemlichkeit bestärken. Es sollte sich doch aber Jeder auch bei der geringsten Verletzung die furchtbaren Folgen und Todesqualen vor Äugen halten, denen er sich durch Außerachtlassung jener einfachen Vorsichtsmaßregeln preisgibt. Auch in der Gesundheitspflege belohnt es sich aufs schönste, wenn man selbst in den kleinsten Dingen gewissen
Der Wichser.
Eine Freiergeschichte von L. Bürkner.
----— (Nachdruck verboten.)
Der Hof heißt der Rosenhof, und der Bauer, der darau : sitzt, wie vordem seine Eltern und Ureltern, müßte eigentlich von Gott- und Rechtswegen der „Rosenhofer" genannt werden. — Aber, — wetten möcht' ich einen Krug vom besten, selbstgebrannten Zwetschengeist gegen eine hohle Hand voll Wasser: wenn du daher kommst und fragst nach dem Rosenhofer, dann wird der Bauer erst zwei Mal zweifelnd sein „Klötchen" im Munde hin und her schieben, ehe er seinem Buben ruft: „Du, Paule, führ den Herrn 'nauf zum „Wichser." — Der Rosenhofer selber lacht zu dem Uebernamen und die Rosen- hoferin, die lacht noch mehr. — Dabei blitzen ihre weißen Zähne, sie hat zwei Grübchen in ihren rothen Backen — und man sieht so recht, was sie für eine blitzsaubere Frau ist. — Sie hat recht, wenn sie lacht, die Wichserin, — das wird Jeder sagen müssen, der die Geschichte vom Wichser hört.
Das war zu der Zeit, als der alte Rosenhofer noch auf dem Hofe saß. — Der Wichser war damals noch der Rosenhofertoni. — Ein schmucker Bursch', das mußt' ihm ein Jeder lassen. Groß und schlank gewachsen, auch mit weißen Zähnen und mit braunen Augen, mit einem braunen Krauskopf und einem dito Schnauzer, den er gar keck und unternehmend aufzwirbelte. — Und bei Allem der Erste: bei der Arbeit, beim Krug und beim Raufen. Nur bei ©wem nicht, merkwürdigerweis': Bei den Mädeln.
Da wars auf einmal vo>bei mit der Flottheit und der Schneid- er kriegte einen rothen Kopf, die Zunge wollt ihm nicht recht pariren und sogar der flotte Schnauzer machte einen trübseligen Bogen nach unten, — just wie bei Regenwetter.
Wie der Toni darüber schon gehänselt worden, ist leicht zu denken. — Hat auch schon Mancher ein paar tüchtige Beulen davon getragen, der's ein Bischen zu arg gemacht hat mit dem Aufziehen. Denn daß so ein heimlicher wunder Punkt beim Toni gewesen, ist leicht auszudenken. Und so einen wunden Punkt darf halt kein Anderer derb angreifen. Dem Vater vom Toni ist's gar nicht Recht gewesen so. — Wenn die anderen Väter geklagt haben über ihre Buben, daß sie wie der leibhafüge Satan hinter den Mädeln her sind, dann hat der Rosenhofer trübselig mit dem Kopf geschüttelt. — Und trenn er an seine eigene Jugend gedacht hat, hat er noch mal geschüttelt, aber noch viel stärker, — und hat so gemurmelt: Von wem der Bub das hat, weiß ich nicht, — von mir aber sicher nicht. — Und wer den Rosenhofer in seiner Jugend gekannt, der hat kräftig mit
Redaction: A. Hcheyda.
«ing,stimmt und ,es«gt: „Nein, Rosenhofer, von (fa* sicher net."
«in paar Jahr hat sich der Rosenhofer noch damit ge- tröst', daß eS mit den Jahren besser wird beim Toni. — //Wenn er halt mal so recht in'S heirathslustige Alter kommt."
Aber das heirathslustige Alter ist gekommen, der Toni ist vierundzwanzig geworden, und fünfundzwanzig und sechsundzwanzig, und es ist statt besser immxr schlimmer geworden. Zuletzt ist'S ein wahrer Jammer gewesen, zuzusehen, wenn der Toni hat mit einem Mädel reden müssen. — Er ist ordentlich violett über sein ganzes hübsches Gesicht geworden, und hat gestammelt und gestottert, daß es nicht zum An- hören war.
Ein paar Mal hat sein Vater ihn schon zum Heirathen bereden wollen, aber der Toni hat himmelhoch gebeten: Ja, gewiß wollt' er heirathen, natürlich wollt' ers, aber nur net jetzt, net dasmal. — Der Vater sollt ihm das net anthun.
Na, das ist zuletzt doch gekommen, wie eS kommen muß. — Der Toni war der einige Bub, außer ihm nur eine Schwester, so ein Nachkömmling, zehn Jahr jünger wie der Toni. — Die ist so langsam auch ein großes und blitzsauberes Mädel geworden und am Tage, wo der Toni neunundzwanzig gewesen ist, har sich's bewiesen, daß die Rosel einen Schatz hat. — Einen, gegen bett Seiner was einwenden könnt. — Einen Hof hat er nicht, aber ein schönes Stück Geld kriegt er herausgezahlt, und die Rosel, die hat auch einen richtigen Strumpf voll. Und ein braver, hübscher, gesunder Bursch ist's obendrein. — Da hat denn der Rosenhofer mal den Toni vorgeholt und hat ihm die Sache auseinander gelegt. Und die Sach' ist ernsthaft genug gewesen, daß der Toni ein arg langes Gesicht gemacht hat und sehr nachdenklich geworden ist.
„Toni," hat der Rosenhofer gesagt, „alleweil muß die Hack' 'nen Stiel kriegen. — Daß der Rosenhof aus unserer Familli kommen soll, das kann net sein. Du bist von Gottes- und Rechtswegen der Erste dazu. — Neundundzwanzig Jahr bist, — da sollt'st schon eine Reih' von Jahren ver- heirath' fein und's HauS voll Kinder haben. — Da sieh' mal Deine Abendmahlskameraden an. — Alle haben sie zwei, drei, auch vier, — nebenan beim Stephan sind gar schon fünf mit den Zwillingen. — Du, Du gehst einschichtig 'rum, hast Dich rein schon, wie ein alter Junggesell, machst einen Döskopp, wenn Du ein Mädel siehst. — Sonst machst doch Dein Maul groß genug auf, — aber wenn 's gilt, dann bist wie drauf geschlagen. — Und das Du 's denn weißt, — entweder 's wird geheirath', oder die Rosel kriegt den Hof. — Und dann hat er zur Bekräftigung noch auf den Boden gestampft, ist ganz dicht an den Tom heran- getreten und hat gesagt:
„Himmelkreuzdonnerwetter, daß mein Bub so ein Angstlappen iS."
— Drei Tag hat sich der Toni die Sach' überlegt. — Den ganzen Tag ist er durch's Feld gestrichen, hat sich all' die schönen Roggenbreiten angeschaut, die Kartoffelstücke, den Weizen, die Kleeäcker. — Ist hinaufgestiegen in's Holz, hat die Bäum angeschaut, wie sie so bald hundertjährig dastehen, — hat tiefsinnig in den Fischteich gestarrt — ist ittt Stall von einer Kuh zur anderen gegangen,- hat im Pferdestall die acht stolzen Gäule gestreichelt, und die fetten Schweine besucht.
Nachdem er so über TagS sein Gemüth gestärkt hat, — des Nachts hat er in seinem Bett sich herumgeworfen und schwer geseufzt — ist er am dritten Tag zu seinem Vater gekommen: „Na, wenn's nit anders sein kann, denn n Gottes Namen."
(Schluß folgt.)
Druck und Berlag der Brübl'schen Universitüks-Buch- und Gteindruckcrei (Pietsch & «cheyda) in 6t**-


