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Bon Zeit zu Zeit sagte sie vor sich hin: „et ist ja gar- nicht wahr," aber endlich schlief sie doch ein und träumte von den Blumen auf der Kirchhoftreppe. Als die Palmsonntagsglocken läuteten, wachte sie auf.
Sie sprang aus dem Bett und lächelte — hoher Festtag war heute — Alles lag schon fein säuberlich bereit. Das neue, schwarze Kleid und das grüne Kränzchen, das feine Taschentuch und das zierliche Unterzeug, das sie sich selber genäht hatte. — Genäht hatte! — Da war die Erinnerung wieder an den gestrigen Tag — Liese drückte die Hände gegen die Augen und weinte bitterlich.
Sie durfte ja nichl mit in die Kirche, für sie läuteten die Glocken nicht.
Ihr Alltagskleid zog sie an, huschte hinaus, hütete Ziege und Schwein, trug Wasser und, da sie die Großmutter jetzt im Hause hantiren hörte, versteckte sie sich in Nachbars Scheuer. Von dort aus sah sie Selma mit Kranz, Strauß und Gesangbuch davon gehen, zur Rechten den Vater, zur Linken die Mutter, angethan mit dem besten Sonntagsstaat,- sie hörte das zweite Läuten, das dritte Läuten und dann setzte die Orgel ein — verstreute Töne bis in Borns scheuer schickend.
Die Orgel zog und lockte, Liese ertrug die Verbannung nicht länger, sie mußte hinaus. Jetzt sah sie ja keiner, jetzt waren ja alle drin in der Kirche. Sie schlich nach dem Friedhof, überall Glanz und Sonne, überall Zwitschern und Locken, überall Duft und lichtgrüne Schleier über dem Braun der Aeste, von gestern auf heute durch Zauberhand gewoben.
Liese horchte — nein, von der Predigt hörte sie nichts; aber am Gesang konnte sie der heiligen Handlung folgen.
„Wir glauben all an einen Gott" — unwillkürlich falteten sich ihre harten, kleinen Hände und das Köpfchen senkte sich andächtig. —
„Der Herr segne Euch und behüte Euch und gebe Euch Frieden."
Jetzt war eine Pause drinnen — sie wußte weßhalb) jetzt rückten die Confirmanden zusammen auf die beiden Bänke vorm Altar, jetzt durften sie das erste Abendmahl empfangen — Liese barg den Kopf in die Hände — nichts mehr hören, gar nichts mehr hören — warum war sie hierher gekommen?
Nun setzte die Orgel wieder ein; lange, getragene Töne strömten über die Häupter der Gemeinde: „Nehmet hin und esset", da ging plötzlich das Seitenpförtchen der Kirche auf, neben dem Liese im Fliederbusch kauerte, und scheuen Blickes trat eine Confirmandin heraus. Das schwarze Kleid war noch eben so schmuck, das Kränzchen noch eben so grün, wie vor ein paar Stunden, da Liese sie nach der Kirche gehen sah, aber die Augen unter dem Kränzchen blickten nicht mehr lustig und herausfordernd in die Welt — Selma Born konnte die Orgel nicht mehr hören, die gütige, mahnende Stimme des treuen Pfarrers, den Gesang der Gefährtinnen nicht mehr ertragen — ihr graute vor dem geweihten Kelche.
Nun stand sie im Freien, nun wollte sie Athem schöpfen — aber da saß ja Liese Nienhold, die Diebin, und weinte.
Selma schrie auf, so erschrak sie.
„Nehmet hin und trinket, das ist mein Blut, das für Euch vergossen ward," sang drinnen die Orgel.
„Liese" rief Selma — „Liese, ich bin es ja gewesen — ich hab den Fingerhut, ich steckte Dir die Scheere ins Körbchen." — Dann stürzte sie die Stufen hinab und verbarg ihren Kopf in Liesens Schooß.
Liese rührte sich nichts so kauerten sie noch zusammen, als die Kirchgänger herauskamen und sich über den Kirchhof zerstreuten — — — — — — ~~ T-
Am andern Morgen wurde Liese Nienhold allein ein- gesegnet — alle Leute aus dem Dorfe und vom Schloß waren dabei, der Pfarrer hatte sie darum gebeten und m Nienholds Garten that die erste Fliederdol.de ihre blauen Augen auf. — „Das bedeutet Glück, Liese, kleine Liese ;— Gott segne Dich."
nichts weiter.
„Also weggeworfen!" Und Pfarrer Lorenzens Stimme wurde hart; er sprach eifriger noch, eindringlicher und heftiger.
Liese schwieg.
Da ging er hinaus, schickte die Mädchen zum Blumenbinden und rief dann nach Liese, die auch auf die sanften Fragen des Fräuleins keine Antwort gefunden hatte.
„Komm mit."
Sie kam mit; sie ging hinter ihm drein, als sei sie eine Maschine, die irgend Jemand nach seinem Willen aufgezogen hat) sie schritten durch den Schloßgarten, über dem der Duft der Narzissen lag, durchs Dorf, wo das Plaudern der Guirlanden- binderinnen zu ihnen drang, über den Steg, unter dem der srühlingsfrohe Bach schwatzte, bis an das letzte Häuschen, in dem Lieses Großmutter wohnt.
Dort mußte sich Pfarrer Lorenzen bücken, um durch die Thüre zu kommen, zu der alten Frau, die am Spinnrad saß. Er setzte sich neben sie und sprach lange auf sie ein, — Liese stand in der Thür, ohne sich zu regen und hörte zu. Jetzt endlich begriff sie: — sie hatte das geliebte Schloß- fränlein bestohlen, sollte eingestehen, abbitten und bereuen, sonst konnte sie nicht mit eingesegnet werden.
Liese Nienhold hatte gestohlen — jetzt erzählen sich's all die Mädchen auf der Kirchentreppe — es lief ihr kalt den Rücken hinunter. Plötzlich rief sie heftig: „Das ist ja Alles gar nicht wahr!" lief hinaus in den Stall, kauerte sich ins Stroh und starrte ins Dunkel.
Frau Nienhold wollte hinter ihr drein, aber der Pfarrer hielt sie zurück. Er sprach lange auf sie ein, bis sie ihm versprach, der Liese nichts zu thun, und sie zu nichts zu zwingen: „von selbst muß sie kommen, sonst ist die Reue nicht echt und ihre arme Seele hat nichts davon."
Ihre arme Seele! — und die Schande dazu! — Du mein Herr Gott, die Schande! — nicht mit eingesegnet! — Die alte Frau Nienhold klagte und weinte, weinte und klagte und weinte sich endlich um Mitternacht in Schlaf.
Da kauerte Liese noch immer wach im Stall. Erst als die Ziege keine Ruhe mehr ließ, kroch sie aus ihrer Ecke hervor, fütterte und schlich sich in ihr Bodenkämmerchen.
Mühe. — „Ich habe keinen Fingerhut," sagte sie leise,
Redaction: A. Schiyda. — Druck und Verlag der Brübl'schen UmverfitätS-Buch- und Gtemdruckerei (Pietsch &. Scheyda) m
sam, „aber damit wir den Verdacht los werden für alle Zeit, müssen wir uns Gewißheit schaffen."
Er griff nach der Klingel und gab dem Diener Befehl, die Mädchen zurückzurufen.
Als alle in dem Vorzimmer versammelt waren, wurde die Thüre hinter ihnen geschlossen und einzeln rief man sie hinein zu dem Fräulein, ohne daß eine der Verschwundenen zurückgekommen wäre.
Alle schwatzten, nur Liese Nienhold schwieg, wie es ihre A t war- und jetzt ging sie als die Zunächststehende hinein in des Fräuleins Zimmer. Ein, zwei Minuten lang war Alles wie vorher: Die Mädchen schwatzten und die Sonne spann Goldfäden aus den blonden und braunen Köpfen. Dann ertönte drin im Zimmer ein Wehruf des Schloßfräuleins, und mit zwei schnellen Schritten war Pfarrer Lorenzen bei ihr.
Da stand Liese Nienhold, stumm, entgeisterten Blicks auf ihr umgestürztes Blumenkörbchen schauend) Hyazinthen und Schneeglöckchen lagen bunt durcheinander und zwischen ihnen blinkte das Scheerchen hervor mit dem goldenen Griff. — Das Schloßfräulein aber weinte.
„Du Liese, gerade Du! — ich hätte es nie geglaubt."
Und dann sprach Pfarrer Lorenzen lange und ernsthaft — allerlei, was Liese nicht verstand.
Endlich schloß er: „Nun gib wenigstens auch den Fingerhut her und bitte ab und beweise Deine Reue."
Liese sah noch immer starr auf das Scheerchen zwischen den Blumen und rührte sich nicht. „Liese!"
Jetzt blickte sie auf. Hgtte er wirklich mit ihr gesprochen? Sie schüttelte den Kopf, langsam als mache ihr die Bewegung


