Ausgabe 
15.4.1897
 
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Loimerstag de« IS. AM.

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Langsam und allmälig begann in ihr eine Ahnung aufzudämmern, überraschend, beglückend, beschämend; nämlich die Erkenntniß, daß sie mit ihrem Gatten innerlich stets mehr gemein gehabt, als mit Lossen. Ach, Felix war eben nur zu gut, zu zart mit ihr gewesen- sie hatte sovielNach- icht nicht verdient. Voll Reue wandte sie den Kopf zur Seite, um die aufsteigenden Thränen zu verbergen.

Lothar suchte indessen seinen Aerger zu meistern und vertiefte sich in ein Gespräch mit Baron Barnim. Aber er blieb heute nörgelsüchtig aufgelegt.

Es ist nun einmal ein Hundeleben, das man Heuzutage führt," hörte Regine ihn sagen,der Dienst läßt einen kaum zu Athem kommen. Ich habe die ganze Sache auch so satt, daß ich des Königs Rock längst an den Nagel gehängt hätte, wenn ich dann nicht vor Langerweile zu sterben fiiTcbtctc.^

Ist Ihnen Ihr Beruf denn nicht mehr lieb?" fragte Lottchen schüchtern. ,

Mein Beruf mir lieb?" Lossen lachte verächtlich. Du lieber Gott! Die einfältigen Kerls zurechtzudrillen, bei denen doch Hopfen und Malz verloren ist, das ist doch keine Beschäftigung für einen denkenden Menschen!

Sie sollten sich ankaufen, Herr von Lossen, rieth Barnim,als Großgrundbesitzer würden Sie sich am rechten

Als Landwirth auf meiner Scholle versimpeln? Ich danke, das ist nichts für mich," lautete dre abfällige Er­widerung,ja, vor dreißig Jahren, damals konnte man wenigstens reich werden bei dem lieben Ackerbau. Bei unseren verrotteten Zuständen heutzutage giebt es aber gar keinen Weg mehr, um auf anständige Weise etwas vor sich 8U br'X Herr von Lossen," fiel Regine mit etwas sar- kastischem Lächeln ein,vor acht Tagen haben Sie mir erst auseinandergesetzt, daß wir jetzt in dieser Beziehung auf einer so hohen Stufe der Cultur ständen, tote me zuvor- daß die Betrachtung der Vergangenheit Sie nur die Zu­friedenheit mit der Gegenwart lehre- und nun reden Sie von den jetzigen, verrotteten Zuständen, ist das logischr

Sie konnte sich das Vergnügen nicht versagen, Lossen diesen kleinen Hieb beizubringen. Er wurde noch verdrossener. Nun wollte das Frauenzimmer auch noch anfangen, logisch zu werden! Als ob sie überhaupt verstehen könnte, was das WortLogik" eigentlich heißt!

Wenn ich das wirklich gesagt habe," entgegnete er kurz, dann muß ich wohl an jenem Tage die Welt durch eme rosige Brille augeschaut haben, die mir die Wahrheit entstellte.

Ihre erste Liebe.

Novelle von E. von Bischdorf.

(Schluß.)

A-n liebsten wäre sie Lossen fortan ganz aus dem Wege «gangen. Aber das ließ sich leider in unauffälliger Weise nicht arrangiren. Dazu hielt Frau Constanze ihrerseits sich ru fest an die Standesgenossinnen, als Ersatz für öte 10 sehr ersebnte Haute-volee, welche ihr meist aus dem Wege ging.

' Man war mit Lossens und Baron Barnim nach Keitum gefahren, nm sich an dem Schatten stattlicher Bäume zu er­freuen, die man im Westerland vergebens suchte. Regine und Lottchen erquickten sich im Garten an der köstlichen, rothen Grütze," welche die Wirthin desFriefenhofes in unvergleichlicher Weise bereitet. Da kam Lothars Migster, dreijähriger Sohn angelaufen, und schmiegte sich an Regine.

Papa und Mama böse sein zusammen, ach, jo vos! flüsterte der Kleine ganz ängstlich. Wirklich erschien nun das Ehepaar in höchster Erregung und setzte feinen Zwist auch vor den Anderen ungenirt fort. Es handelte sich um eine Segelpartie.

Du weißt doch, daß Du das Segeln nicht vertragen kannst, es ist die reine Thorheit, wenn Du darauf bestehst, Du verdirbst uns durch Dein Mitkommen nur die ganze Freude," herrschte Lothar seine Gattin an.

Bei dieser glatten See ist jede heftige Bewegung aus­geschlossen," erwiderte sie gereizt,in meinem Salon in Frankfurt kann ich nicht sicherer vor Seekrankheit fern, als bei diesem flauen Winde auf dem Wattenmeere.

Wenn Du denn durchaus segeln willst, dann werde ich jedenfalls zu Hause bleiben," entgegnete er höhnisch, eine Wasserfahrt mit Dir ist denn doch em Vergnügen

stGa!z wie es Dir beliebt," gab sie ihm spitzig zmück.

Gewiß hätte das Wortgesecht noch eine ganze Weile fortgebauert, wenn Lossen nicht Reginens kalt musternde Blicke bemerkt hätte, die ihm plötzlich klar machten, daß dieses nicht der rechte Weg sei, ihre Hochachtung zurückzuerobern. Sie war in der Thal empört. Wie konnte er sich so weit vergessen, öfientlich in diesem Tone mit der Frau zu zanken, die seinen Namen trug, von deren Vermögen er doch lebte.

,,Heftige ©eenen zwischen den Eltern machen den traurigsten, unverwischbarsten Eindruck auf ein Kindergemüth- vor nichts sollte man ein solches ängstlicher hüten," hatte Felix einmal bei einer ähnlichen Gelegenheit geäußert. Da­mals schenkte Regine jenen Worten wenig Beachtung- heute begriff sie dieselben in ihrer vollen Bedeutung.