Ausgabe 
14.10.1897
 
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Donnerstag den 14. Oktober.

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jd^^ebitnbert führt der Schmerz Uns Alle durch das Leben: Sanft, wenn wir willig geh'n, Rauh, wenn wir widerstreben.

Der Majoratsherr.

Roman von Nataly v. Eschstruth.

(Fortsetzung.)

Der Graf strich langsam mit dem eleganten Taschentuch über die Stirne.

Ich hoffe, mein Kind, sie haben mehr eingebracht wie gekostet! Ich gebe zu, daß diese Zeit in Angerwies eine starke Zumuthung für Dich sowohl wie für mich gewesen ist, aber Du weißt, um was es sich gehandelt hat, und weißt auch, was wir hoffentlich erreicht haben. Im Uebrigen mache ich Dir mein Compliment, wie meisterlich Du Deine Rolle gespielt hast!"

Der ersten Schanspielerin könntest Du concurriren! Es wird jetzt manch spaßhafte Erinnerung für uns geben, wenn wir an den Eliteball des Kriegervereins denken! Hast Du eigentlich mit Frau Simmel Schwesterschaft getrunken?^

Frau Melanie lachte leise auf.Spotte nur, ich sehe Dich schon in Zukunft Arm und Arm mit dem Herrn Apo­theker und Auditeur durch die Straßen von Angerwies wandern! Und das erste Diner, welches wir auf Niedeck geben, wird eine außerordentliche buntscheckige Gesellschaft aufweisen, falls Du wirklich die horrende Idee haben solltest, dieses Krähwinkelvolk auch künftighin als geeigneten Umgang für uns zu erachten!"

Graf Rüdiger entzündete eine Cigarrctte, sein schmales, farbloses Gesicht hatte die Maske fasciuirender Liebens­würdigkeit abgelegt und trug den Ausdruck hochmüthiger Ironie.

Nun ich denke, ma obere wenn wir tatsächlich Besitz von Niedeck ergreifen, können wir noch das letzte Opfer bringen und die Finger, welche die Kastanien für uns aus dem Feuer holen werden zum Danke etwas schmieren! Eine Massenabfütterung muß stattfinden. All unsere lieben,- guten Angerwieser Freunde werden dann für einen Tag den süßen Traum träumen, als intimer Verkehr in Schloß Niedeck aus und ein zu gehen! Ochsen und Mast­

vieh liefert selbstredend Herr Simmel und was sonst nothwendig ist, wird auch aus Angerwies besorgt. Des guten Ueberganges wegen! Dann bekommst Du einen hart­näckigen Katarrh und ich sorge dafür, daß unser neuer Hausarzt Dir eine Reise nach dem Süden verordnet. Bis dahin habe ich die Pachtverhältnisse der Besitzungen geordnet, und nach unserer kurzen aber glänzenden Gastrolle reisen wir ab nach Italien. Dann wercen Gründe feil wie Brombeeren sein, um für die Zukunft einen längeren Aufenthalt in Niedeck unmöglich zu machen."

Gewiß, falls Du nicht noch das Assessorexamen machen willst."

Glaubst Du, ma obere, daß ich noch als Majorats­herr Examen machen werde?"

Sie sah überrascht auf.Du willst es nicht?"

Er lachte hart und rauh:Nein, dann habe ich es satt, mich als Lastthier noch ferner in das Joch zu spannen, dann haben wir es ja glücklicherweise auch nicht mehr nöthig!"

Nein, dann wollen wir frei sein!" athmete Frau Melanie hoch auf.Dann haben wir ja keine Zukunft mehr zu fürchten! Aber warum noch so viele Umstände mit dem greulichen Kaffernvolk in Angerwies machen? Wenn der Mohr seine Schuldigkeit gethan hat, mag er doch gehen!"

Er zuckte die Achseln.Je nun, darüber können wir ja immer noch bestimmen, aber Du weißt noblesse oblige und nun, was sollte aus Deinem Anbeter Bärning werden, wenn seine Königin ihn so schnöde verlassen wollte?"

Die Gräfin lächelte:O theurer Toggenburg !" mockirte sie sich, nach seinem Bouquet greifend,dieses Kuhfutter drückt seine lyrischen Gefühle aus! Gelbveiglein, Rosmarin und Nägelchen! Lo ganz der Abglanz der hochmodernen Residenzstadt Angerwies! Man kann doch unmöglich ver­langen, daß ich mich mit dieser heillosen Kuchenpapiermanschette zu Hause lächerlich mache!" und die kleine Hand schleuderte die Blüthen, welche mit so viel warmherziger Begeisterung geopfert waren, erbarmungslos zum Fenster hinaus. Apropos willst Du wirklich Garnison nach Angerwies verurtheilen? Das wäreperfide gegen die Unglückslieutenants!"

Rüdiger lachte laut auf.Aber, Kind, das ist ja überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit! Es gehörte die ganze Naivetät dieser Naturmenschen dazu, um an ein solches Märchen zu glauben!"

Arme Bürgermeisterin! Sie näht schon die Brautkleider!" Näh nicht, liebes Mütterlein, am rothen Sarafan! Na, die holden Mägdelein können ja die hochzeitlichen Ge­wänder zu unserem Einzuge auf Niedeck anlegen! Nun aber