Ausgabe 
14.10.1897
 
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zieh andere Handschuhe an, Theuerste, der Zug Pseist! Wir müssen in Lindheim umsteigen!"-

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Dämmerung lag über dem mächtigen Schloßbau von Niedeck. Uraltes Gemäuer baute sich, trefflich erhaben, zu Thürmen und Zinnen empor, epheubewachsen und grünbemoost, wie es keines Malers Phantasie idealer und poetischer hätte ersinnen können. An den eigentlichenUrbau" dem ältesten Theil, welcher auch noch den NamenBurg" trug und wie ein trutziges Felsennest auf der höchsten Spitze des bewaldeten Berges thronte, hatte fast jedes spätere Jahr­hundert einen neuen Schloßtheil hinzugefügt, und so war schließlich ein ganz eigenartiger Complex von Schloßhöfen, Seiten- und Querflügeln, Thürmen und Erkern entstanden. Das gab nicht nur ein sehr imposantes, sondern auch ein recht originelles Ansehen, und darum war Schloß Niedeck auch im ganzen Lande als einer der großartigsten und feudalsten Herrensitze bekannt.

Die letzten Sonnenstrahlen hatten in den unzähligen Fenstern aufgeglüht, hatten den mächtigen Bau, welcher in tiefer, traumhafter Ruhe, gleich dem verzauberten Palast des Dornröschens da lag, noch einmal märchenhaft vergoldet, und waren dann hinter den hochragenden Tannen zur Ruhe gegangen.

Graf Willibald saß einsam und schweigend in dem niederen Kutscherstübchen, welches er sich zum Wohnzimmer auserwählt.

Hart über dem Felsenabhang schwebend, bot das blei­gefaßte Fensterchen einen herrlichen Fernblick über die Thal­ebene mit dem malerisch, zwischen grünen Wäldern gelegenen Städtchen Angerwies, über die sich fernhin dehnenden Hügel­ketten und das blitzende Flußband, welches sich in krausen Linien zwischen ihnen hervorschlängelte.

Seitwärts aber sprang der Schloßberg mit schroffer Ecke vor und gewährte den Anblick auf den alten Burgtheil, welcher in dieser vollen zauberhaften Schönheit einzig von dem kleinen Fenster des Kutschers zu sehen war.

Und Graf Willibald liebte diesen Anblick über Alles.

Kein Fenster des ganzen riesigen Schlosses zeigte so viel landschaftliche Schönheit, wie diese bleigefaßten Scheiben, und darum fragte der einsame Majoratsherr nicht lange, ob es närrisch sei oder nicht, wenn er all die weiten, düsteren, trostlosen, leeren Säle verließ und hierher in das poetischste aller Schloßwinkelchen übersiedelte.

Und auch jetzt saß der Graf in dem bequemen, alt­modischen Ledersessel an seinem Lieblingsplätzchen und blickte gedankenversunken hinaus in die Landschaft, über welche der Abendfrieden seinen dämmernden Schleier breitete.

Um die Schloßthürme kreisten die Elstern und suchten ihre Nester, von der Stadt herauf klang das Abendläuten und fern her, von dem Eisenbahndamm blitzten die ersten Lichtchen empor. Graf Willibald stützte den unförmigen Kopf in die Hand und seufzte auf. Er liebte die Dämmerstunde so sehr aber sie liebte ihn nicht, sie quälte ihn mehr denn jede andere Zeit mit einem sehnsuchtsvollen Weh, gegen welches er schon so lange, lange Jahre verzweiflungsvoll ankämpfte, ohne doch seiner Herr werden zu können!

Wie verlassen und verloren stand er inmitten seiner tobten Reichthümer, in einer fremden, kaltherzigen, unver­standenen Welt!

Glücklich sein! welch ein traumhafter Begriff für ihn!

Und doch hatte es einst eine Zeit gegeben, wo auch er glücklich gewesen!

Aber diese Zeit lag weit zurück, so weit wie seine goldene, sorglose Kindheit!

Ja, da war er glücklich, als die Mutter ihn noch auf den Knieen wiegte, als sie sein armes, häßliches Haupt voll zärtlicher Liebe zwischen die schlanken, edelsteinfunkelnden Hände nahm und küßte!

y, wie weit und glückselig war da sein Herz! Da

liebte er die Dämmerstunde auf Mamas Schoß ebenso sehn­süchtig stief wie jetzt damals aber stillte sie noch dieses Sehnen durch die treueste Liebe, welche es gab, während er heute einsam, mit blutendem Herzen zum Himmel blickt, oft sich verzehrend in brennendem Weh oft verbittert, grillen­haft, zornig mit dem Schicksal, mit Welt und Menschen hadernd!

Warum blieb es nicht immer so, wie damals. Warum nahm ihm der Tod das einzig Liebe, was er noch besaß, seine Mmter, nachdem auch der Vater von ihm gegangen?

Da fing sein Elend an, sein namenloses Elend.

Man nahm ihn fort von Niedeck, man brachte ihn in das Haus des Onkels, seines Vormundes. Dort sollte er mit Vetter Rüdiger zusammen erzogen werden, obwohl er um Jahre älter, wie dieser,- daß er diesen Namen nie gehört diesen Knaben nie gesehen hätte!

Der Fluch seiner Jugend hieß Rüdiger!

Graf Willibald ächzt auf bei dem Gedanken an die Qualen, welche er durch ihn erduldet. Er preßte die mageren Hände krampfhaft zusammen und starrte hinaus in die Schatten, welche sich tiefer und tiefer über das Thal breiten. Die Thür hinter ihm öffnet sich, leise, schlurrende Schritte nähern sich, ein gebeugter alter Mann in Livroe bleibt hinter dem Stuhl des Grafen stehen. Willibald wendet aufzuckend den Kopf.

Was giebt es, Kuhnert?"

Keine Antwort. Nur ein leises Geräusch, als ob ein Mensch gewaltsam gegen die Thränen ankämpfte. Der Graf erhebt sich und tritt neben den Castellan.

Kuhnert!" ruft er entsetzt und faßt beide Hände des Alten,Kuhnert! "

Ueber die eingefallenen Wangen des Greises rinnt es feucht. Er preßt die Hände des Grafen und sinkt allen Respect vergessend, auf den Stuhl nieder.Mein armer, armer Herr!" klingt es wie ein Aufschrei von seinen Lippen.

Sprich, Kuhnert ein Unglück?"

Der Alte beißt die Zähne zusammen und schüttelt wild den Kopf.Mehr als das, Herr Graf! ein Verbrechen!"

Allmächtiger Gott! sprich's aus!"

Graf Rüdiger--"

Er?! was . . . was . . ."

Ach, Herr Graf es ist zu viel der Schurkerei ..." Willibald richtet sich hoch auf, sein Auge blitzt.

Sprich!" ringt es sich rauh von seinen Lippen.

Der Alte umklammert mit bebenden Händen den Arm seines Herrn.

Sie müssen fort von hier, Herr Graf!"

Ich? nicht um die Welt!"

Sie müssen! bei Gott, mein armer, armer Herr, Sie müssen, sonst . . ."

Sonst bringt man mich fort? in die Capelle drüben?" stößt Willibald bitter hervor:Mit Gift oder Dolch?"

Nicht in die Capelle . . ."

Nicht? . . . wohin denn sonst?"

In das Irrenhaus, Herr Graf!"

Tiefe Stille leichenblaß, regungslos steht der Majoratsherr von Niedeck. Gespenstisch starren seine Augen aus dem Dunkel. Dann bricht ein gellendes Lachen von seinen Lippen.

In das Irrenhaus! bravo, Rüdiger! der Plan ist eines Teufels werth!" Er wendet sich und schreitet langsam im Zimmer auf und nieder, dann bleibt er vor dem Alten stehen, legt die Hände auf seine Schulter und sagt weich und herzlich:Du treue, brave Seele! erzähle mir, was Du von der Sache gehört hast!"

Capitel 5.

Ich habe Verrath tief hassen gelernt und weiß kein Gift, das mehr mich erfüllt mit Abscheu! Aeschylus.

Graf Willibald zog einen Stuhl heran und umschloß seine Lehne krampfhaft mit den Händen, als suche er einen Halt, um nicht bei dem Ungeheuerlichen, was er hören sollte,