Ausgabe 
14.9.1897
 
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Kaiser Wilhelm und die schöne Rostockerin.

Unter diesem Titel erzählt Eugen Reichel die fol­gende Episode aus dem Leben Kaiser Wilhelms L:

Bei der großen, durch nichts beeinträchtigten Verehrung, welche die ganze gebildete Welt und insbesondere das deutsche Volk für den ersten Kaiser des neuen Deutschen Reiches empfindet, wird die Darstellung einer bisher nur im engsten Kreise bekannt gewesenen, mir kürzlich durch einen Zufall bekannt gewordenen Episode aus dem Leben des edlen Fürsten überall aufrichtiger Theilnahme begegnen.

In einem Sommer der sechziger Jahre, als außer dem Grafen v. Bismarck wohl noch Niemand an die Möglichkeit einer Gründung des Deutschen Reiches dachte, befand sich König Wilhelm als ein bereits mit dem Lorbeer des Siegers geschmückter Held in dem mecklenburgischen Seebade Heiligen­damm, wo er als Gast des Großherzogs Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin Erholung suchte. Um dieselbe Zeit hatte dort der Geheime Medicinalrath und Professor X. aus Rostock mit Frau und zwei blühenden Töchtern Aufent­halt genommen, denen von Seiten der adeligen Herren viel Aufmerksamkeiten erwiesen wurden. Aber der Mann der Wissenschaft hielt sich trotzdem von der vornehmen Gesellschaft fern und auch zu den Hofkreisen stand er in keiner näheren Beziehung. Wie schlichte Bürgersleute lebten die vier Per­sonen in dem aristokratischen Winkel. Die jungen Damen waren noch nicht angekränkelt von Dem, was die meisten unserer modernen Frauen und Mädchen so sehr entstellt und nicht zum wenigsten dazu beiträgt, den Männern nicht nur die Heirathslust, sondern auch den Respect zu rauben, den sie gern für das in all' seiner Beschränkung, in seiner Schwäche und Schutzbedürftigkeit so liebenswerthe, aber heut­zutage so selten liebenswürdige Geschlecht empfinden. Be­scheiden widmeten sich die zwei Mädchen den kleinen Pflichten, welche ihnen in die freie Natur gefolgt waren- und oft genug konnte man Katharina, die jüngere, schönere der Schwestern, des Weges von dem nahen Doberan daherkommen sehen, in der Hand ein Bündelchen oder Päckchen tragend, welches Butter oder irgend etwas Anderes enthielt.

So war Katharina eines Tages wieder in Doberan ge­wesen, um dort Butter für den Familientisch einzukaufen. In einem leichten Hellen Sommerkleide, das vom herrlichsten braunen Haar umrahmte Haupt mit einem anmuthigen Hüt­chen bedeckt, wanderte sie, leise vor sich hinsummend, durch den Buchenhain- in der linken Hand aber trug sie ein sack­artig zusammengelegtes weißes Taschentuch, welches das so­eben eingekaufte Pfund Butter umschloß. Wenn jetzt ein Maler die holde Erscheinung gesehen hätte, so wäre er wohl kaum der Versuchung entgangen, dies reizende Genrebild mit den Augen und dem Pinsel festzuhalten- denn dergleichen sieht man nicht alle Tage, weil eben Schönheit und Anmuth überall und jederzeit seltene Dinge sind. Aber ihr begegnete kein Maler- und so war sie unbehelligt fortgeschritten und konnte jetzt schon die ersten Villen von Heiligendamm durch das Buchenlaub schimmern sehen. Froh, die Mühe der Wan­derung hinter sich zu haben, bückte sie sich zu Boden, um ein paar Waldblumen zu pflücken, mit denen sie gern ihr Zimmerchen schmückte. Bei dieser Beschäftigung hatte sie ein paar Minuten zugebracht- als sie jetzt weitergehen wollte, zuckte sie plötzlich zusammen, denn von Heiligendamm her kam der ihr wohlbekannte, von ihr herzlich verehrte König Wil­helm, nur von einem hinter ihm gehenden Diener begleitet, dahergeschritten.

Leicht erröthend trat Katharina zur Seite und verbeugte sich mit einem tiefen Knix vor dem Könige. Dieser grüßte höflich zurück und blieb dann vor ihr stehen, sie eine Weile schweigend betrachtend.

Wie heißen Sie, mein Fräulein?" fragte er.

Katharina nannte ihren Nameri.

Und Sie wohnen hier in Heiligendamm?" fuhr der König fort.

Papa verlebt alle Jahre die Ferien mit Mama, meiner Schwester und mir in Heiligendamm. Für gewöhnlich wohnen wir in Rostock."

Ist Ihr Herr Vater Offizier?"

Nein, Universitätsprofessor, Majestät."

So." Der König schwieg und fuhr mit seinem Spazier­stock einige Male über den Sand des Weges, während Katha­rina klopfenden Herzens zu Boden blickte.

Warum sehen Sie mich nicht en, mein Fräulein!" nahm der König nach einigen Augenblicken wieder das Wort.

Katharina sah empor und ihm frei in's Antlitz.

Wie schade, daß ich Sie heute zum ersten Male sehe," sagte jetzt der König.Morgen schon reise ich von hier fort." Und dabei sah er sie wieder so seltsam bewegt an, daß Katharina auf's Neue die Augen zu Boden schlagen mußte. Dann reichte er ihr die Hand, welche Katharina ehrfurchtsvoll mit den Lippen berührte.

Es ist mir eine Freude gewesen, Ihnen zu begegnen - und es wird mich sehr freuen, wenn ich Sie morgen noch einmal sehen kann bei meiner Abfahrt vielleicht denn zu anderer Zeit wird sich kaum noch eine Gelegenheit finden," fuhr der König fort.

Katharina verneigte sich und sagte:Wie Majestät be­fehlen."

Ich befehle einer so jungen, schönen Dame nichts. Aber es wäre sehr hübsch von Ihnen, wenn Sie mir die Freude machen würden. Ich fahre allerdings etwas zeitig ab um acht Uhr und Damen pflegen um diese Stunde selten mit ihrer Toilette fertig zu sein."

Für einen verehrten Fürsten ist man zu jeder ge­wünschten Stunde fertig," versetzte sie schlagfertig, da die freundlichen Worte des Königs ihren Muth, ihr Selbstgefühl mehr und mehr gekräftigt hatten.

Ich danke Ihnen, mein liebes Fräulein. Und noch Eins: Wenn ich morgen abgereist bin, so lassen Sie sich in die von mir bewohnten Zimmer führen man wird Sie ohne Weiteres einlassen, ich werde dafür sorgen. Im zweiten Zimmer werden Sie auf meinem Arbeitstisch ein kleines An­denken vorfinden." Er blickte ihr noch einmal tief in die Augen, dann zog er den Hut und schritt weiter.

Katharina erzählte strahlenden Auges den Ihrigen, was sie erlebt hatte, und die Freude Aller war groß. Leichter ging ihr heute Alles von statten als zuvor - ja, sie fand noch Zeit, ihr neues seidenes Kleid mit einigen zierlich gearbeiteten Perlenschnüren zu schmücken, damit sie morgen um so schöner ihrem königlichen Verehrer gegenübertreten könnte. Trotz der Aufregung, in welcher sie sich befand, zwang sie sich, die Nacht über zu schlafen, um am andern Morgen nicht ermüdet und weniger frisch auszusehen.

Sobald Katharina das Bett verlassen hatte, wurde sie von Mutter und Schwester mit größter Aufmerksamkeit an­gekleidet, und als die Schwester jetzt noch der Glücklichen einige Rosen in's Haar steckte, sah sie wirklich entzückend aus, so entzückend, daß beide Damen sich nicht enthalten konnten, die Strahlende zu küssen. Dann begaben sich alle Drei hinaus und mischten sich unter das Publikum, welches bereits erwartungsvoll am Wege stand und mit einem gewissen Staunen auf die sonst so schlicht gekleidete Katharina blickte.

(Schluß folgt.)

Humoristischs*.

Das Juristen-Söhnchen. Peter (dem Auswendig­lernen schwer fällt), nachdem sein Bruder Carl den Eltern einen langen Neujahrswunsch vordeclamirt hat:Ich schließe mich dem Vorredner vollständig an!"

Redaction: 8L Echeyda. Druck und «erlag der Brühl'schen dkuiverfitätS-Buch- und Stetndruckerei (Pietsch & Scheyda) in Meßen.