Ausgabe 
14.9.1897
 
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ganzen Abend über außerordentlich aufgeräumt/ auch der Vater Consuelas wurde nach und nach gesprächig und mit­theilsam, während es Consuela im Allgemeinen vorzog, uns zuzuhören. Nur hin und wieder beteiligte sie sich an der Unterhaltung, wenn es galt, irgend eine Bemerkung des Vaters zu bekräftigen oder zu erläutern. Ich erzählte, ersichtlich in dem Bestreben, das Interesse des schönen, inter­essanten Mädchens zu erwecken, von meiner Jugend, den tollen Streichen des Studenten/ ich glaube, ich habe die ganze Geschichte meines Hauses erzählt. Sie hörte mir mit großem Interesse zu/ hin und wieder traf mich ein seelen- voller, inniger Blick, oder sie lachte belustigt auf. Ihr Lachen klang mir wie Musik in die Seele. Sie duldete es, daß ich in der Leidenschaft der Rede oft ihre kleine Hand preßte. Da kam mir der wahnsinnige, liebestolle Gedanke, das schöne Weib zur Liebe, zur rasenden Leidenschaft für mich zu hypnotisiren. Heute weiß ich, daß ich diese Leiden schäft nur mir suggerirte. Aber sie war Spanerin, eine Castilianerin und hatte heißes Blut. Und ich war ein schöner, interessanter, feuriger Bursche mit artigen, wohl­geschulten Manieren. Es war also ganz natürlich, daß ich ihre Neigung gewann. Ich wußte an demselben Abend, daß sie mich liebte. Die Rose, die an ihrem Busen prangte, war bald mein eigen und Blicke heißer Liebe wechselten wir, während der Thierbändiger seelenvergnügt dem Wein zusprach und von den Gefahren seines Berufes erzählte. Ich horchte nur halb hin.

Sie haben auch mich gebändigt, Sennora," flüsterte ich dem schönen Mädchen zu.

Da lachte sie melodisch auf und meinte, mit mir an­stoßend:Es lebe mein jüngster Löwe/ ich bin stolz auf ihn." Was ist das Geheimniß der Thierdresfur, Sennor?" frug ich Consuelas Vater, denn, ich weiß nicht, wie es kam, jetzt erst interessirte mich das Handwerk. Das war dem Alten Wasser auf seine Mühle. Muth, Ausdauer, Liebe zur Sache, Studium des Characters der Thiere, erzählte er, seien die Grundbedingungen der Dressur und dabei verstieg er sich zu der Behauptung, daß ich jedenfalls in kurzer Zeit ein bedeutender Bändiger würde, denn ich hätte den Blick. Der Alte hatte Recht, ich bin der beste und erfolgreichste Thierbändiger aller Zeiten geworden. Mein System ver­sagte niemals, glauben Sie mir. Als dec Vater Consuelas diese Bemerkung machte, die offen gestanden meinem Stolze nicht wenig schmeichelte, obwohl damals meine Seele nicht im Entferntesten daran dachte, daß ich jemals des alten Bändigers phrophetische Worte wahr machen würde, blickte mich Consuela mit so eigenthümlich forschenden Blicken an, als flehte sie mich an, dem Winke des Vaters zu folgen. Ich glaube, wenn ich gesagt hätte, ich will mit Euch ziehen, werden, was Ihr seid, sie wäre mir an den Hals geflogen.

Kommen Sie doch morgen um zehn Uhr zur Dressur- Probe, die Sache wird Sie interessiren," meinte sie ver­führerisch lächelnd.

Gewiß, meine Tochter hat Recht. Besuchen Sie uns/ es wird mir eine große Ehre sein, Sie, soweit es Sie interessirt, in meine Dressurgeheimnisse einzuweihen. Sie werden Ihre Freude an den großen Katzen erleben. Ich übe gerade einen neuen Tric ein und da geht es manchmal grimmig her. Sie haben doch starke Nerven?" sagte der Bändiger lächelnd, den stolzen, schwarzgefärbten Schnurrbart streichelnd.

Wie Eisen," renommirte ich.Aber so ungefährlich, wie Sie es schildern, Sennor, scheint mir doch Ihr Beruf nicht zu sein."

Dreimal war ich dem Tode nahe und ein volles Dutzend Mal bin ich verwundet worden. Früher, als ich mir noch Muth trank, da wurde mir oft hart zugesetzt. Schließlich wurde ich Temperenzler und die Sache machte sich. Betrunken, entschuldigen Sie das Wort, Don Alonso, würde ich heute mich nicht mehr in den Käfig wagen. Man muß

höllisch aufpaffen/ Katzen sind einmal Katzen/ es ist ihnen nicht zu trauen."

Auch mich fiel einmal eine Löwin an, aber es gelang mir, mich ihrer zu erwehren. Heute zittert sie, wenn sie mich in ihrer Nähe weiß," wandte sich Consuela an mich. Glauben Sie, das Seelenleben der Thiere ist interessant und des Studiums werth. Furcht vor den Menschen, das ist der Grundzug des Thiercharacters, dem Auge des Thieres erscheint ja der Mensch größer als er ist. Unsere Kunst besteht nun darin, die Furcht Grundzug bleiben zu lassen, uns aber die Freundschaft der Thiere zu erwerben. Ist einmal in einem Thiere ein Haßgefühl erweckt, dann tritt über kurz oder lang die Bestie in ihr Recht. Und dies Recht fällt meistens unser Todesurtheil, das un­nachsichtlich vollzogen wird."

Sennora, ich trinke auf Ihre Freunde im Raubthier­zwinger," sagte ich, und sie stieß lachend mit mir an. Allmälig war es spät .geworden, wir entschlossen uns zum Aufbruch. Ich begleitete Vater und Tochter nach ihrem Hotel. Unterwegs bot ich Consuela meinen Arm an. Sie gab mir keinen Korb/ sie duldete es, daß ich ihren Arm an meine Brust preßte. Ich spürte sogar einen Gegendruck, und als ich mich verabschiedete, wußte ich, daß ich dem schönen Mädchen nicht mehr gleichgiltig war. Vom Glücke trunken schwankte ich in mein Hotel. Am anderen Morgen fand ich mich Präcis zehn Uhr im Circus ein, in dem ich Consuela schon anwesend fand. Sie begrüßte mich wie einen lieben Freund. Ich erzählte ihr, daß ich von ihr geträumt hätte. Da blickte sie mich wiederum so eigenthümlich forschend an wie am Abend vorher.

Träumen Sie ja nicht wieder von mir, Don Alonso, ich bin wie meine Katzen," meinte sie tiefernst.

Und wenn ich es dennoch wagte, Sennora?" kam es leidenschaftlich über meine Lippen. Sie that, als hätte sie meine Frage überhört.

Wissen Sie, daß wir mit dem Circus nach Nancy gehen. Ich hörte es heute Morgen von dem Director," lenkte sie das Gespräch ab. Ich klatschte vor Freude in die Hände/ sie erröthete, als sie mein Entzücken bemerkte.

Wir können heute nicht probiren, Don Alonso. Die Thier sind außerordentlich ermüdet. Ich muß sie schonen," begrüßte mich Consuelas Vater.Ich schlage Ihnen daher eine kleine Spazierfahrt vor und dann sind Sie zum Diner mein Gast. Ich muß mich revanchiren. Wehren Sie sich nicht, Sennor, ich bin ein reicher Mann und kann mir schon ein wenig den Gastgeber erlauben."

Ich willigte nach einigem Sträuben auf Bitten Con­suelas ein. Und so ward Don Alonso de Melio, Grande von Spanien, der Gast eines Thierbändigers. Meine Ahnen haben sich an diesem Tage gewiß im Grabe herumgedreht. Das Verhängniß war dies Weib. Ich war so verliebt, daß ich meinen Aufenthalt in Metz noch einige Tage ver­längerte. Dann reiste ich mit dem Versprechen, für Vater und Tochter eine bequeme Wohnung zu miethen, nach Nancy. Sie gaben mir das Geleit zur Bahn; beim Abschied glaubte ich Thränen in den nachtdnnklen Augen der schönen Geliebten zu sehen. Da war's um mich geschehen. Meine Ruhe war dahin. Ich verging vor Sehnsucht. Und von Nancy schrieb ich denn auch an Consuela einen lächerlich sentimentalen Brief, in dem ich meine Einsamkeit in den düstersten Farben malte . . . ."

Der Gefängnißwärter trat ein. Meine Zeit war um. Ich verabschiedete mich herzlich von meinem Clienten und versprach, morgen wieder zu kommen. Ich gab ihm noch einige juristische Verhaltungsmaßregeln, dann schieden wir, ich darf sagen, als Freunde.

(Fortsetzung folgt.)