Ausgabe 
13.2.1897
 
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Strafe für seine Thaten. Und weil ich die Gewißheit der Strafe kenne, darf ich keinen Menschen Haffen, der mir oder Anderen Uebeles zugefügt. Die irdische Gerechtigkeit ist nur ein kleines und schwaches Abbild von dieser ewigen Gerechtig­keit, nach deren Willen alle die Welten und die Schicksale der Wesen gelenkt werden, die wir aus dieser Erde Menschen nennen."

Frau Ina blickte ihn mit noch immer erstaunten, aber doch freudig und begeistert aufleuchtenden Augen an. Mit rascher Empfindung sagte sie jetzt:Darf ich zuweilen zu Ihnen kommen, wenn Georg nicht mehr hier ist? Ich glaube, Sie haben große Kraft, die Menschen zu trösten."

Kommen Sie, es wird mich freuen. Mein Wissen gehört nicht mir allein, es gehört Allen, die Trost oder Nutzen daraus schöpfen können."

Georg hatte sinnend und traurig zugehörig auf ihn hatten Busenius' Worte nicht gewirkt.Ihr Lebensweg ist wohl immer glatt und friedlich verlaufen," sagte er, und ein versteckter Vorwurf klang aus seinen Worten.Da ist es nicht schwer, weise und milde zu sein. Ihnen ist wohl nie­mals ein Glück versagt worden, das Sie leidenschaftlich be­gehrten, Sie haben wohl niemals vergeblich um den Besitz eines geliebten Menschen gerungen!"

Mehr als das," entgegnete Busenius ernst,ich besaß einen Menschen, den ich liebte, und ich verlor ihn durch seine Schuld."

Keiner von den Beiden wagte, ihn weiter zu fragen, unaufgefordert aber fuhr er nach kurzem Schweigen fort

Es war keine Frau, von der ich spreche, es war ein Freund, der mir über Alles theuer war. Die Freundschaft ist zuweilen ebenso blind wie die Liebe. Jetzt weiß ich, daß ich es damals mar; ich habe auch sonst die Menschen spät erkennen gelernt. Auch haben die schlechten Eigenschaften bei ihm sich erst entwickelt, als er in den Kampf des Lebens eintrat. Ich hatte einen Plan ersonnen, ihm seinen Weg zu erleichtern und seine Zukunft zu sichern. Es dauerte ihm zu lange, und er warf mich, den Lebenden, zu den Todten, er löschte mein Dasein aus, bevor eine andere, mächtigere Hand es that, und so stehe ich hier vor Ihnen, ein Lebendig- Todter."

Auch jetzt war kein Zorn, aber doch eine gewiffe feier­liche Erregung im Ton seiner Worte, deren rätselhafter Inhalt die Hörer verwirrte. Es dauerte geraume Zeit, bis einer von ihnen zu einer Antwort sich sammelte. Frau Ina war es, die zuerst das Schweigen brach, das auf dem dämmeriger werdenden Gemache ruhte.Und auch diesen Menschen hassen Sie nicht?" fragte sie leise.Ich verstehe nicht, was er Ihnen angethan hat, aber ich fühle, er hat Sie verrathen und betrogen."

Er that Beides, aber ich hasse ihn nicht. Ich bewache ihn und verfolge sein Leben; er ist mir jetzt, nachdem ich das Geheimniß des Daseins erkannt habe, ein interessanter Gegenstand der Beobachtung. Ich stehe über ihm und blicke auf seinen Weg, um vielleicht, wenn es mir möglich ist, ihm noch einmal die Hand entgegenzuhalten und ihn zurückzu­reißen von dem letzten, tiefsten Abgrund, in dem er auf eine Stufe hinabstürzen würde, wo die Materie unbedingt herrscht, wo der Mensch vom Thier sich kaum mehr unter­scheidet. Um das zu können, bin ich in feine Nähe ge­kommen."

,/Jn seine Nähe?" Diesmal war es Georg, der die Frage that.

Er ist nicht fern von mir und er kreuzt auch den Weg Ihres Lebens."

Unseres Lebens?" Beide riefen es gleichzeitig, beim ein Blick des Sprechenden hatte, vom einen zum anderen schweifend, ihnen gesagt, daß er von ihnen Beiden geredet habe.

Busenius gab keine birecte Antwort; er legte Georg bie Hanb auf bie Schulter unb sagte:Sehen Sie nach ben Sternen, mein lieber Sybel. Es freut mich, daß Sie sich entschlossen haben, zu reisen. Sie werden in der Ferne zur

Ruhe und Klarheit kommen und werden noch etwas anderes, Gutes finden."

Das ist ein freundliches Wort, lassen Sie mich damit scheiden. Ich werde suchen, verlassen Sie sich darauf."

Suchen Sie in sich selbst; in uns liegen bie besten Schätze."

Georg gab ihm bie Hand und sah ihm tief in bie Augen. Auch Frau Henningers Hanb ergriff Busenius, nickte ihr freunblich zu unb sagte:Bei uns heißt es auf balbigeS Wiedersehen, nicht wahr? Unb zur Beruhigung Ihrer Seele kann ich Ihnen noch etwas sagen: was Sie gestern gesehen haben, war nicht ber Geist Ihres Mannes."

Es war nicht, also mein Gefühl hat recht 1"

Es war nicht der Geist Ihres Mannes." Er sagte es mit einem ruhigen, festen Blick auf Georg, ber sich eilig zur Thür toanbte unb noch vor Frau Henniger bie Schwelle überschritt. Sie folgte ihm, in tiefes Nachdenken versunken. Ein seltsamer Mann!" sagte sie, auf ihrem Wege für einen Augenblick stehen bleibend.Mein Verstand proteftirt gegen Vieles, was er sagt, aber mein Herz giebt ihm recht."

So geht es mir auch," entgegnete Georg,und er hat wirklich eine wunderbar beruhigende Kraft. Heute habe ich es noch stärker gefühlt, als sonst. Was mag das Gute sein, das ich da draußen finden soll?"

Erwarte es ruhig, ohne zu fragen. Du wirst es er­kennen, wenn Du es gefunden hast, unb es ist ja schon genug, wenn Du mit einer Hoffnung reisest."

Sie waren in bas erste Stockwerk hinuntergelangt; vor bem Eingang zu ihren Zimmern blieb Fran Henniger stehen. Willst Du nicht noch einmal mit hineinkommen zum Ab­schieb?" sagte sie leise.

Er schüttelte traurig ben Kopf.Es barf ja nicht sein. Wir müssen wie Frembe von einander gehen unb müssen, wenn nicht ein Wunber geschieht, für immer einanber Frembe bleiben."

So laß' uns auf bas Wunber hoffen unb an seine Möglichkeit glauben," sagte sie bittenb.

Glücklich, wer es kann!" gab er mit einem Seufzer zur Antwort.

(Fortsetzung folgt.)

Wenn man seiner Fran etwas erzählt.

Nichts kann einen Mann leichter in Zorn bringen, als wenn er seiner Frau eine Mittheilung von nicht besonderer Bebentung machen will unb sich bas besonbere Zwiegespräch entwickelt:

Er:Ach ja, richtig, ba muß ich Dir noch etwas erzählen. Fritz Hellwig sagte mir heute Vormittag"

Sie:Wo hast Du Fritz Hellwig getroffen ?"

Er:Wir haben zusammen gefrühstückt unb"

Sie:Wie kam es benn, baß Ihr zusammen frühstücken gingt ?"

Er:Wir gingen eigentlich nicht zusammen. Ich begegnete Fritz in bem Restaurant unb"

Sie:In welchem Nestaurant?"

Er:ImLöwenbräu". Unb Fritz"

Sie:Ich denke, daß Du gewöhnlich imSpatenbräu" frühstückst?"

Er:Nun ja, meistens. Aber heute ging ich nun aus­nahmsweise einmal ins Löwenbräu, wo ich mit Fritz Hellwig zusammentraf und"

Sie:Geht er immer ins Löwenbräu?"

Er (etwas scharf):Aber liebe Frau, das weiß ich wirklich nicht. Was hat denn das auch mit meiner Geschichte zu thun?"

Sie:O, nichts, natürlich. Fahre nur fort/

Er:Als wir zusammen unsere Suppe aßen, sagte Fritz"

Sie:Was für Suppe?"

Er:Ochsenschwanzsuppe. Also dg sagte nun Fritz"