Ausgabe 
13.2.1897
 
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um sie zu küssen.Ich werde reisen, wohin Du willst," sagte er dann,und bald, recht bald!"

Damit Du um so eher zurückkommst, nicht wahr?" fragte sie, und etwas von der gewohnten, ruhigen Heiterkeit war wieder in ihrem Wesen.

Eine Zeitlang saßen sie noch nebeneinander, ohne weiter zu sprechen, und im Niedersinken hüllte die Sonne sie in einen warmen glänzenden Schleier, als wollte sie ihnen die siegreiche Kraft des Lichtes über die Schatten verkünden. Dann, als der goldene Ball sich den blaudämmerigen Höhen­zügen mehr und mehr näherte, stand Frau Ina von der Ban!! auf und sagte:Komm', laß uns gehen, Du sollst keine Zeit verlieren für Deine Reisevorbereitungen."

Ich brauche nicht viel," gab er zur Antwort.Urlaub denke ich zu bekommen, mein Chef hat ihn mir selbst schon angeboten, weil er mich leidend aussehend fand. Und Abschieds­besuche habe ich nicht zu machen, ich habe ja so einsam gelebt." Er hatte sich gleichfalls erhoben, und sie stiegen nun langsam an der Böschung des Walles wieder empor. Georg aber verbesserte seine letzten Worte:Doch, von einem Einzigen muß ich Abschied nehmen, und ich will es heute noch thun."

Von wem?"

Von unserem Hausgenossen, dem alten Busenius."

Den möchte ich kennen!"

Du kennst ihn nicht?"

Fast nur vom Sehen, was doch kein Kennen ist. Er sieht so seltsam aus, aber gut und klug. Und Du hast ihn gern, das macht ihn mir schon lieb."

Er ist wie ein Mensch aus einer anderen Welt," gab Georg zur Antwort.Willst Du nicht mitkommen, wenn ich jetzt zu ihm gehe?"

Ich zu ihm?"

Du kannst es ohne Scheu. Vor ihm gelten die gesell­schaftlichen Formen und Conventionen nichts. Und er wird sich freuen, wenn Du kommst, denn er kennt unser Schicksal und unseren Kummer."

//Ich gehe mit Dir," sagte Frau Ina nach kurzem Be­denken, und da sie jetzt die Höhe des Walles erreicht hatten, der noch von Spaziergängern belebt war, schritten sie, nur hie und da ein gleichgiltiges Wort miteinander wechselnd, ohne weiteres ernstes Gespräch ihrem Hause zu.

Sie waren in die Straßen eingebogen, hatten ihr Ziel aber noch nicht ganz erreicht, als ihnen eine heitere, lachende Gesellschaft entgegenkam. Es war die Goldschmiedsfamilie mit Fritz Köhler, dem schmucken Gesellen. Die beiden Alten in feierlichem Sonntagsstaate schritten voran, dann kamen Martha und Köhler, beide nett und frühlingsmäßig in Helle Farben gekleidet, zum Schluß ein paar Lehrlinge, denen die auf Zuwachs gemachten schwarzen Gewänder locker um die noch mageren Glieder hingen.

Sie sehen ja aus, als gingen Sie zu einem Feste," sagte Frau Henninger, nachdem sie die Hausgenossen freund­lich begrüßt hatte. Von Erregung und Schmerz war in ihrer Stimme und ihren Zügen nichts mehr zu bemerken- sie hatte die ruhige Feundlichkeit wiedergefunden, die sie der Welt zu zeigen Pflegte.

Das thun wir auch, Frau Regierungsrath," gab Martha Wernicke statt der Eltern fröhlich zur Antwort.Und diesem Menschen hier zu Ehren, der es eigentlich gar nicht verdient."

Das wollen wir erst einmal sehen heute Abend," warf Köhler ein,ob ich es nicht doch vielleicht verdiene."

Wohin geht es denn?" fragte Frau Henninger weiter.

In den Athletenclub, gnädige Frau," entgegnete der Geselle.Dort ist heute große Vorstellung, und ich wirke zum ersten Male mit im Ringkampf nämlich."

Nun, da wünsche ich viel Glück zum ersten Debüt," sagte Frau Ina.Das darf man doch, oder ist es, wie bei der Jagd? Jedenfalls wünsche ich Ihnen Allen einen schönen, vergnügten Abend."

Noch ein paar Dankes- und Abschiedsworte, dann trennte man sich. Ferner und ferner klangen Lachen und Plaudern

der zum Feste Wandelnden, in tiefem Schweigen gingen Georg und Frau Henninger weiter.

Ich verstehe Dich nicht," sagte er nach einer Pause wie Du in solcher Stimmung im Stande bist, mit gleich! gütigen Menschen gleichgiltige Dinge zu sprechen."

Und ich meine, es thut gut, wenn man sich dazu zwingt. Man lernt sich beherrschen und am Schicksal Anderer Interesse gewinnen."

Ich wollte, ich wäre wie Du," entgegnete Sybel mit einem Seufzer.

Das möchte ich nicht. Ich will Dich nicht anders als Du bist." '

Sie hatten das Haus der Schatten jetzt erreicht- mit seinen mächtigen Giebeln, den steilen, gewaltiges Dachflächen, den übereinander vortretenden Stockwerken und ihren alten Holzschnitzereien stand es im grauen Mantel der zunehmenden Dämmerung ernst, beinahe unfreundlich da. Noch war kein Licht im Innern entzündet, nur hoch oben in den äußersten Giebelfenstern weckte die hier unten bereits unsichtbare Sonne einen letzten, flammenden Wiederschein. Auf diesen zu ihnen herableuchtenden Schimmer lenkten die beiden gleichzeitig die Blicke, von ein und demselben Gedanken getrieben.

Wollen wir gleich zu ihm hinaufgehen?" fragte Georg.

Sie nickt nur, und ohne weiter zu reden, durchschritten sie die dunkle Wölbung der Hausthür, gingen über den Flur und stiegen die vielen Stufen zum Giebel hinan.

Ein Dämmerlicht, in dem noch ein wenig vom Gold­glanz des Abends geblieben war, erfüllte das Stübchen des Mannes, zu dem sie nun eintraten. Er kam ihnen entgegen, als hätte er sie schon erwartet, mit freundlichem Gruß und .ausgestreckten Händen.

Das ist schön," sagte er, seine Worte an Frau Hen­ninger richtend.Ich wußte, daß Sie kommen würden."

-Sie wußten es?"

Die Seelen können ohne Worte und aus der Ferne zu einander sprechen, man muß es nur lernen, diese lautlosen Stimmen zu verstehen."

Erstaunt blickte die Besucherin zu ihm auf- sie fand nicht gleich ein Wort der Entgegnung. Sybel brach das entstandene Schweigen, indem er in schwermüthigem Tone sagte:Ich komme, um Abschied zu nehmen."

Busenius beugte den Kopf, als habe er auch das schon gewußt, und ließ den Anderen fortfahren, ohne ihn zu unter­brechen.Sie kennen ja mein Schicksal und wissen, was mich von hier forttreibt. Ich habe Ihnen Alles erzählt und Alles gebeichtet. Auch Frau Henninger hier ist Ihnen keine Fremde mehr, ich habe Ihnen ja gesagt, daß wir uns lieben. Wir lieben uns und könnten glücklich miteinander sein, so glücklich, daß ich gar nicht daran denken darf, wenn mir das Herz nicht brechen soll, aber der Todte will unser Glück nicht dulden! O, wie ich diesen Tobten hasse, diesen selbst­süchtigen Mann! Noch in sein Grab hinein möchte ich ihm fluchen"

Georg!" Frau Ina hatte es mit leiser, bittender, zugleich aber fester Stimme gesprochen und ihre Hand auf seinen Arm gelegt, den er erhoben hatte mit geballter Faust.

Busenius schüttelte mit einem Ausdruck des Mitleids den Kopf.Wenn Sie wüßten, was ich weiß," sagte er u mildem Ton,dann würden Sie Niemanden hassen und Niemandem fluchen."

Ich bin nicht so milde, wie Sie- ich bin noch jung und habe Sehnsucht nach Glück. Soll ich ihn etwa lieben, der mich um Alles bringt, was ich mir wünsche?"

Zwischen Liebe und Haß liegt ein weites Meer. Der Haß auf einen Menschen ist unklug und voreilig, denn ich agte Ihnen schon: jede von unseren Thaten trägt ihren Lohn n sich selbst. Wir schaffen uns durch unser gegenwärtiges Leben unsere nächste Existenz. Wer Böses thut, wird bei einer bevorstehenden Wiederverkörperung auf einer tieferen Stufe leben, die er sich selbst verdient hat. Armuth und Krankheit und geistiger Rückschritt werden ihn bedrücken zur