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sprach mit weicher, einschmeichelnder Stimme so unglaublich liebenswürdige Sachen, daß die einfache Frau sich schon aus lauter Höflichkeit davon überzeugen lassen mußte.
„Ja, vorwärts streben! nicht immer am alten Zopf hängen, sondern frisch und energisch neue Besserungen alter Zustände erreichen wollen! Es ist nicht mehr zeitgemäß, im verjährten Schlendrian einherzutrollen! Eine Stadt muß aufblühen, wachsen und gedeihen! Flottes Militär muß nach Angerwics kommen, damit die vielen, reizenden jungen Mädchen flotte Tänzer und schmucke Ehegatten bekommen!"
Bei diesen Worten erglühten die drei Töchter in seligsten Hoffnungen und Frau Lieschen nickte lächelnde Zustimmung. — Ja, Männer für ihre Töchter, das war in dem kleinen Angerwies, das so reich an Mädchen und arm an Heirathscandidaten war, der wunde Punkt, welcher jedem Mutterherzen schlaflose Nächte bereitete! Wenn dieser Calamität Abhilfe geschaffen werden könnte — ja, dann! Dann wollte die Frau Bürgermeisterin gern zu Allem Ja und Amen sagen, was die Männer planten und erstrebten! Sie zeigte voll strahlenden Stolzes der Gräfin die mächtigen Holztruhen, in welchen alle Leinwandschätze zur Ausstattung der Mädels bereits fix und fertig lagen, und Frau Melanie neckte die jungen Damen so entzückend schelmisch mit den künftigen Lieutenants, daß es die heirathslustigen Schönen wie ein Wonnerausch erfaßte.
Die Gräfin hatte kaum die »Hausthüre hinter sich, als die bürgermeisterlichen Damen mit glühenden Wangen schon nach allen Windrichtungen davon flogen, die selige Verheißung von künftigen Freiern zu allen Freundinnen zu tragen.
Und weiter verlangte ja die Frau Gräfin nichts. Die anderen Mütter und Töchter dachten: „Wenn Bürgermeisters einen Lieutenant kapern, dann fällt für uns wohl auch noch einer ab!" und damit war das Signal gegeben, daß die Damen am eifrigsten und energischsten auf einen neuen Majoratsherrn drangen, welcher der Stadt für Garnison sorgte.
„Was aber die Frau will — das will Gott!" sagt der Franzose. Die geheimnißvollen Berathungen in dem kleinen Privatzimmer der „Stadt Hamburg" wurden immer lebhafter, bis sie nach drei Tagen ihren definitiven und feierlichen Abschluß fanden. Man schüttelte sich in treuer Verbrüderung die Hände und gelobte sich, frisch ans Werk zu gehen. Es ward Folgendes beschlossen: „Kehrte jetzt Graf Rüdiger in die Residenz zurück, so ward er von nun an mit bittschriftlichen Briefen der Angerwieser bestürmt, den unerträglichen Zuständen ein Ende zu machen, welche ihr geisteskranker Patronatsherr auf Niedeck über sie heraufbeschwor.
Diese Briefe sollten Graf W llibald in all seiner Verrücktheit schildern, sollten ihn Alles dessen anktagen, was er verabsäumte und durch was er die Gemeinde Angerwies in ihren wahlberechtigten Forderungen schädigte.
Der Assessor sollte die Sache recht geistreich und geschickt, mit allen Chicanen eines Rechtsanwaltes, ausklügeln.
Auf diese Briefe hin wollte Graf Rüdiger alsdann seinen Antrag auf Entmündigung bei dem Amtsgericht stellen.
Als Sachverständiger sollte der Doctor berufen werden, die Zeugen sollten durch den Bürgermeister und andere wohlgemeinte Personen gestellt werden. Ganz Angerwies kann sich ja dazu melden!
Was die Dienerschaft auf Niedeck anbelangte, so müßte bei Zeiten dafür gesorgt werden, dieselben den Ansichten und Wünschen der „Verschworenen" geneigt zu machen!
Der Apotheker wiegte bedenklich den Kopf. „Diese Bagage könnte zum Stein des Anstoßes werden," sagte er kleinlaut, „ihnen gefällt das zuchtlose Leben unter dem verrückten Herrn, welcher sie schalten und walten läßt, wie es ihnen beliebt! Sie werden mit einer Aenderung der Verhältnisse am wenigsten einverstanden sein!"
„Pah!" polterte der Assessor, „sie können doch seine
landbek.nnten Verdrehtheiten nicht ableugnen, und aus diese kommt es hauptsächlich an!"
„Das wohl, aber sie können Vieles beschönigen, wenn sie wollen!"
„Je nun, man muß eben versuchen, sie auf diese oder jene Weise zu gewinnen!" zuckte Graf Rüdiger die Achseln. „Ich denke mir, die Gagen werden bei dem Geizhalz Willibald nicht allzuhoch ausfallen, der künftige Majoratsyerr bewilligt sie in doppelter oder gar dreifacher Höhe!"
„Vortrefflich, Herr Graf, das wird ziehen!"
„Ich überlasse Ihnen plein pouvoir meine Herren, diese oder jene Zugeständnisse zu machen, welche Sie im Interesse der Sache für nöthig halten," fuhr Rüdiger gleichgültig fort, „ich bin kein Knauser und gönne gern Jedem das Seine. Und nun wollen wir diese Angelegenheit hiermit erledigt sein lassen und reckt vergnügt noch ein Glas Wein zusammen trinken! Ich bitte Sie, meine Freunde, zu Gast und leere das erste Glas auf ein „Gut Gelingen!" Man that voll aufgeregter Freude Bescheids der Wein perlte in den Gläsern und in den Köpfen spukten traumhaft schöne Bilder von einer künftigen besseren Zeit!
Noch einmal entflammte das gräfliche Paar alle Herzen durch bezaubernde Liebenswürdigkeit, dann nahm man Abschied, aber man lächelte dabei ein siegessreudigcs „Auf Wiedersehen!"
Am nächsten Morgen stolperte der Hotelomnibus abermals vor die Thüre, um die seltenen Reisenden zum Bahnhof zu bringen. Der Assessor stand mit einem Strauß an der Wagenthüre. Es war ein Meisterstück des Angerwieser Gärtners, welcher seine schönsten Blumenstöcke geplündert hatte, um diesen Abschiedsgruß zu ermöglichen. Es war für die Gräfin! Da that er es mit Begeisterung — denn die hohe Dame hatte mit seiner Frau auf dem Kriegerball gesprochen und seiner Tochter sogar auf den Fuß getreten, — so dicht stand sie zwischen ihnen! Die halbe Stadt war auf den Beinen, um die gefeierten Menschenfreunde noch einmal zu sehen.
Man rief Hurrah! schwenkte die Taschentücher und etliche Damen weinten sogar, weil sie es für respectvoll und schicklich hielten.
Die Herrschaften grüßten und winkten mit dem Ausdruck größter Herzlichkeit und Innigkeit nach allen Seiten und der Abschied von Simmels hatte etwas geradezu Rührendes!
Es war auch keine Kleinigkeit für die biederen Alten! Sie hatten in diesen zwölf Tagen mehr verdient, wie sonst in etlichen Jahren und das war eine Thatsache, welche die „Stadt Hamburg" für ewige Zeit dem gräflichen Paar verpflichtete.
Und nun gar die Hoffnung, diese Menschen dauernd auf Niedeck zu wissen — nach wie vor freundschaftlich verkehrend — oh, nach Adam Riese war Vater Simmel dann sehr bald schon ein gemachter Mann!
Noch ein letztes Lebewohl und vielsagendes „Aus Wiedersehen!" dann schwankte der gelbe Kasten langsam nach vorn, setzte sich in Bewegung und rumpelte die Straße entlang.
Die Straßenjungen gaben selbstverständlich das Geleit, und der Graf schüttelte als letzte Menschensreundlichkeit sein Portemonnaie unter sie. Da gab's ein unendlich Gejohle, Gebalge und Gepurzle, und während alle Welt voll Entzücken diese Freigebigkeit anstaunte, entschwand der Omnibus den Blicken.
Als sich auch der Abschied von Gottlieb und Schröder mit aller Inbrunst vollzogen — man streckte der Gräfin im Uebermaß der Freude über das fürstliche Trinkgeld wieder und wieder die Hand zum biederen Drucke entgegen — schloß sich endlich die Coupathüre erste Klasse hinter den Reisenden. Mit einem Seuszer, welcher einem Aufstöhnen glich, sank die Gräfin in die Polster zurück und auch ihr Gemahl warf sich wie ein Erlöster in die Ecke nieder.


