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Und bedarf es derselben wirklich?" seufzte Rüdiger kummervoll auf.

Ich dächte, Alles, was man von meinem armen Vetter hört und sieht, spräche deutlich genug für seinen Zustand. Degenerirt! Dies eine Wort sagt Alles! Sehen Sie seinen unförmigen Kopf an, wie eine Wassermelone! Das kommt bei den sechszehn Ahnenheirathen heraus!"

Der Bürgermeister lachte hart auf.Ja, ja, das sieht ein Kind ein, daß es bei dem Grafen Willibald nicht mehr richtig im Hirne ist! Haben Sie schon von seiner neuesten Verrücktheit gehört, meine Herren?"

Alle Köpfe schossen eifrig näher:Nein, bitte, er­zählen Sie!"

Nun, der Herr Graf hat sich jetzt für Tischgesellschaft gesorgt! Es wird täglich für sechs Personen gekocht und gedeckt. Dann geht Seine Hochgeboren hinüber in die Ahnengallerie, wählt fünf Portraits aus, dieselben werden in das Kutscherstübchen gesetzt, und nun nimmt der Graf neben ihnen Platz, legt seinen stummen Gästen Essen vor, schenkt ihnen ein, spricht mit ihnen"

Großer Gott, entsetzlich !" stöhnte Rüdiger auf.Voll­ständige Gehirnerweichung! Man hat derartige Erscheinungen sehr oft, ehe Katastrophen eintreten, nicht wahr, mein lieber Doctor, Sie kennen auch derartige Fälle?"

Gewiß," nickte dieser selbstbewußt,die bekannte Eneephalomalacia, bei Verschluß der Schlagadern eines Be­zirkes, kennzeichnet sich durch langsame Abnahme der Geistes­kräfte."

Großartig," bewunderte der Graf,vortrefflich bewan­dert, dieser Doctor! Ja, meine Herren, ich fürchte, da werden wir uns auf ganz ungeheuerliche Dtnge gefaßt machen müssen!"

Das wäre ja Alles, was noch fehlte!"

Hm . . . haben wir uns das etwa gefallen zu lassen!" Nun . . . was in meinen Kräften steht, um Alles gut zu machen, was mein Vetter an Ihnen und der Stadt hier versäumt, meine Herren, soll geschehen. Vor allen Dingen will ich mich sofort persönlich bei dem Herzog melden lassen, um es durchzusetzen, daß Angerwies Garnison wird!"

Hurrah! Hurrah!"

Oh bitte, jubeln Sie nicht zu früh, meine Freunde! Willibald hat sehr viel in dieser Angelegenheit versehen, indem er sich nie für die Sache verwandt hat! Er, als Majoratsherr, hätte dem Herzoge gegenüber ganz energisch vorgehen können, wie ich jetzt, der ja eigentlich gar nichts mit der Angelegenheit zu thun hat. Ich fürchte auch, daran werden meine Bemühungen scheitern! Ja, wenn ich Majoratsherr wäre oder für meinen minderjährigen Sohn als Vormund sprechen könnte ja dann! Athemlos lauschte man im Kreise.

Endlich stieß der Bürgermeister heraus.Nun, Herr Graf und könnten Sie denn das jetzt nicht schon werden?"

Rüdiger zuckte die Achseln.Willibald lebt ja noch, meine Herren."

Aber er ist geisteskrank!"

Ja gewiß, er ist verrückt!"

Man muß ihn in ein Narrenhaus bringen und Ihren Sohn als Erben Proclamiren, Herr Graf!"

Das Eis war gebrochen, in wildem Durcheinander klangen die Stimmen und auf Rüdigers fahle Wangen traten zwei rothe Flecken höchster, fieberhafter Erregung. Er senkte die Wimpern über die Augen, um seine verrätherisch aufblitzenden Blicke zu verbergen. Dann seufzte er tief auf, streckte jählings dem Bürgermeister und Doctor die Hände hin und rief voll schmerzlicher Extase:Ja, meine Herren, könnte man dem armen Geisteskranken die Wohlthat anthun, ihn in eine Anstalt zu bringen, so wäre Angerwies gerettet und könnte blühen, wachsen und gedeihen zu einer Stadt ersten Ranges! Nicht an mich denke ich ich habe es nicht nöthig sondern nur an Angerwies und seine Be­wohner, wenn ich erkläre es würde ein Glück sein,

könnte mein beklagenswerther Vetter einem Jrrenhause über­wiesen werden!"

Ja, ein Glück, ein Glück für ihn und uns!" hallte es im Kreise:Erbarmen Sie sich, Herr Graf, helfen Sie uns, daß es geschehe!"

Capitel 4.

Wir nehmen nicht ein Herz mit uns von hinnen, das nicht in Einstimmung mit unserem lebt, und lassen keins dahinten, das nicht wünscht, daß uns Erfolg und Sieg begleiten mag!

Shakespeare, König Heinrich V. 2. Auf. Ein treuer Bursch, mein Herr!

Commödie der Irrungen, 1. Aufz. 2. Sc.

Eine wunderliche Veränderung war mit dem kleinen Angerwies seit dem Kriegerball vor sich gegangen.

Der Sturm tobte im Wasserglas.

Welch ein Flüstern, Tuscheln und Raunen aller Ecken und Enden! Welch eine wichtige Geheimnißkrämerei unter den Vätern des Städtchens und seinen Honoratioren!

Bürgermeister und Doctor gingen aus und ein bei Graf Rüdiger, und dieser hatte dem Feuereifer der Herren nur zu wehren.

Vor allen Dingen muß über die ganze Angelegenheit tiefstes Schweigen beobachtet werden, meine Herren!" befahl er sehr nachdrücklich,und namentlich über den Plan, welchen wir entwerfen wollen, um die Sache möglichst bald und ohne großes Aufhebens zum Abschluß zu bringen! Sie können nicht verlangen, meine Freunde, daß ich mich persönlich com- promittire, wenn ich für Ihr Wohl zu Felde ziehe, für Ihr Wohl, lediglich für das Ihre, denn Sie wissen, daß ich nicht die mindesten Interessen an dem Majorat habe/ ob es mein Sohn ein paar Jahre früher oder später besitzt, ist ja völlig gleichgültig. Also nur Ihrem Interesse gilt es, wenn ich mich Ihren Wünschen füge und die fatale Angelegenheit in die Hand nehme! Darum ersuche ich Sie auch, sich blindlings meinen Anordnungen zu fügen und tiefes Schweigen über dieselben zu wahren!"

Die Herren gelobten es voll fanatischen Eifers, und ihre Zungen flössen über von eitel Lob und Preis, gab es doch wirklich nichts Rührenderes und Selbstloseres, als das Handeln Graf Rüdigers, welcher als edler Menschenfreund dem armen, vernachlässigten Städtchen zu Hilfe kam.

Die Bürgermeisterin hatte Anfangs den Kopf geschüttelt. Sie war eine Frau von gesundem und klarem Urtheil und kannte bis dato keine Selbstüberhebung! Ihre Würde war groß genug und genügte ihr.

Ich begreife die plötzliche Unzufriedenheit der Anger- wieser nicht!" sagte sie,wir haben ja bisher glücklich und vergnügt gelebt und nichts darnach gefragt, ob Graf Willibald verrückt sei oder nicht! Wir haben es uns auch früher nie im Traume einfallen lassen, zu verlangen, daß der menschen­scheue Mann an unseren Bällen theilnehmen solle! Meiner Ansicht nach war unsere Einladung eine unziemliche Keckheit, und daß die der Graf ablehnte, hat mich weder überrascht, noch beleidigt. Was aber ist um Alles in der Welt plötzlich in Euch gefahren? Kein Mensch will sich mehr begnügen! Alle wollen mehr verdienen, wollen höher hinaus, wollen Dinge verlangen, die ihnen selber zuvor nicht im Traume eingefallen sind! Grad als ob der Hochmuthsteufel und die Geldgier Euch allesammt besessen hätte!"

Der Bürgermeister antwortete grob und erregt,das verstehe sie nicht, und die Weiber hätten ihren klugen Rath für sich zu behalten!"

Da schwieg Frau Lieschen achselzuckend, und ihr Gatte ging in dieStadt Hamburg", um sich dort die Seele frei zu schimpfen. Nächsten Tags fuhr die Frau Gräfin bei der Frau Bürgermeisterin vor und machte dieser einen langen Besuch, ein so fabelhaftes Ereignitz, daß die Straße vor dem Haus gedrängt voll Neugieriger stand und Frau Lieschen keine Kleinstädterin und kein Weib hätte sein müssen, um solch eine Auszeichnung kaltblütig aufzunehmen!

Sie glühte vor Stolz und Genugthuung, und die Gräfiw