Diw- le* 12. October.

l i-- »W fm

em Kinde nicht den süßen Glauben, Die Hoffnung nicht dem Jüngling rauben, Dem Manne Muth und Thatkrast nähren,

Dem Greise stille Rast gewähren: Das sind der Menschheit Liebespflichten, Nach ihnen wird die Gottheit richten

Der Majoratsherr.

Roman von Nataly v. Eschstruth.

(Fortsetzung.)

Das Fest hatte begonnen und nahm einen glänzenden Verlauf.

Die gräflichen Herrschaften plauderten mit allen An­wesenden und die Gnadensonne ihrer Huld bestrahlte aus­nahmslos einen Jeden, welcher sich in ihre Nähe wagte.

Der Assessor fieberte. Die Gräfin tanzte Walzer mit ihm, _ der Apotheker und Assistent klatschten währenddessen alle anderen tanzenden Paare ab, theils aus höchster Devotion, theils um ein Unglück mit der Schleppe zu verhüten, welche die hochgeborene Frau zu allgemeinem Staunen selbst während der Rundtänze nicht hoch nahm.

Aber der Assessor war ein Mordskerl, er machte seine Sache brillant und heilste nachher auch von Allen größtes Lob ein.

Ja, mit Schleppe tanzen," lächelte er blasirt,das will eben gelernt sein! Ich habe lange Jahre in den großen Städten dazu Zeit gehabt!"

Es war ganz augenscheinlich, daß das Ansehen des Assessors mit diesem Tanze noch bedeutend stieg, auch die anderen jungen Herren bildeten plötzlich ein Streberthum, sie bemühten sich im Schweiße ihres Angesichts, zu zeigen, daß auch sie Muth und Schliff genug besaßen, eine Dame wie Gräfin Niedeck auf's Beste zu unterhalten.

Der Tanz nahm seinen Fortgang, und während Frau Melanies Dramantgefunkel die Herzen und Seelen im Saale in Zauberbande schlug, setzte sich der Graf im Nebenzimmer nieder, im K-eise seiner Getreuen männerwürdige Reden zu pflegen!

Er hatte voll gewinnendster Cordialität den Doctor an seine Seite gerufen und schien es ganz besonders darauf

abzusehen, auch diesen Herrn mit Leib und Seele für sich zu gewinnen.

Verkehren Sie viel und intim mit meinem Vetter Willibald auf Schloß Niedeck?" fragte er.

Der Arzt zog ein sauersüßes Gesicht:Doch nicht, Herr Gras!" verneigte er sich,meine Bekanntschaft mit dem Majoratsherrn ist leider nur eine sehr oberflächliche!"

Rüdiger war starr.Wie ist das möglich?! Der Arzt pflegt gewöhnlich aus dem Lande der vertrauteste Freund und Rathgeber zu sein? Aber ganz recht, ich entsinne mich, daß Willibald stets eine Aversion gegen Acrzte hegte, ihre Wissenschaft verspottete und sich lieber irgend einen Quack­salber von Wunderschäfer holen ließ, anstatt eine Autorität zu consultiren!"

Der Doctor lachte scharf auf.

Ganz recht! Der alte Schäfer Encke ist Factotum bei dem Herrn Grafen, falls derselbe wirklich einmal zu klagen hat, was äußerst selten der Fall ist!"

Hm ... bei Leuten seines Geisteszustandes bilden sich ja derartig krankhafte Marotten!" nickte Graf Rüdiger traurig,aber er ist doch hoffentlich anständig genug, Ihnen als Entschädigung für solche Nichtachtung ein hohes Jahr­gehalt zu zahlen, um Ihr Ansehen in der Stadt nicht zu schädigen?"

Das magere Gesicht des Gefragten spiegelte allen Ingrimm, welcher schon seit Jahren an dem armen, kinder­reichen Familienvater zehrte.

O nein, nicht einen rothen Heller beziehe ich von ihm, wie sollte ich auch, da ich ja gar nicht nach Niedeck geholt werde!"

Rüdiger war empört, außer sich.Ist es denn schon soweit mit dem Unglücklichen gekommen, daß ihm jedes Pflicht- und Ehrgefühl mangelt? Wenn eine anständig denkende Familie auf Nwdeck wohnte, müßten Sie ein fürst­liches Salair beziehen, theuerster Doctor! ein Salär, wie cs Ihre hohen Kenntnisse einfach bedingen!"

Der kleine Landarzt seufzte tief auf und nickte trostlos mit dem Kopfe, dann fragte er mit haßsunkelnden Augen: Sie halten ihn wirklich für verrückt, Herr Graf?"

Gewiß, Sie etwa nicht, lieber Doctor, der doch als Mann der Wissenschaft seinen Zustand am besten beurtheilen kann?"

Ich ... oh ... ja ... ich" stotterte sein Nach­bar verlegen,ich habe ihn stets für einen Sonderling ge­halten, zu näherer Beobachtung seines geistigen Zustandes habe ich leider noch keine Gelegenheit gehabt!"