Ausgabe 
12.8.1897
 
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Das Kind der Tänzerin.

Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann.

(Fortsetzung.)

Hannah Johnson erhob sich von ihrem Sitze und eilte durch das Schiff der Kirche dem Altar zu. Grimmiger Haß und hämischer Triumph sprachen aus ihren Zügen. Ihre Stunde war endlich gekommen.Halt!" rief sie mit lauter Stimme.Halt! Ich erhebe Einrede!"

Wäre ein Donnerkeil plötzlich unter die Versammelten gefallen, so hätte die Bestürzung derselben nicht größer sein können.

Iris Grehlock stieß einen wilden Schrei aus.Rede nicht!" sagte sie mit flehender Stimme, indem sie ihre Hände ausstreckte, wie um die Worte ihrer Dienerin zurückzudrängen. Um's Himmels willen, rede nicht, Hannah!"

Die Tage meines Gehorsams sind vorüber, Madame," antwortete Hannah Johnson trotzig.Ich will reden und alle diese feinen Leute sollen mich hören. Die Wahrheit hätte schon längst an den Tag kommen sollen. Die Zwei sollen nicht zum Ehestand vereinigt werden, wenigstens nicht, bis Sir Gervase Greylock weiß, wen er zu heirathen im Begriffe ist. Das Mädchen an seiner Seite ich schwöre es hier vor Gott! hat keinen Schatten von Anrecht auf den Namen, den sie trägt. Robert Greylocks Tochter starb als Säugling und diese Kreatur hier wurde aus dem Ab­schaum einer großen Stadt ja, buchstäblich aus der Goffe aufgelesen und für Godfrey Greylocks Enkelin ausgegeben. Ich weiß, was ich sage, denn ich selbst habe sie vor ungefähr vierzehn oder fünfzehn Jahren einer alten, trunksüchtigen Hexe, die sich ihre Großmutter nannte, abgekauft."

1897.

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ur das Streben macht aus Erden Glücklich. Regt Euch d'rum und ringt! Oft ift'S eine Lust, zu werden, Was zu sein nur Unlust bringt.

G. W.

So sind die Menschen! Sie suchen früh und spät Das Bittere im Kelche; Wer keine Plage hat, Der macht sich welche.

Kotzebue.

Hannah Johnson hatte ihre Rache schon vor Wochen geplant. Sie sprach kie verhängnißvollen Worte langsam und nachdrucksvoll und ließ dieselben wie Bomben mitten unter die aristokratische Versammlung fallen. Alle Anwesen­den, selbst der Geistliche, standen wie versteinert. Polly war von ihrem Sitze aufgefahren, hatte sich aber unentschlossen wieder gesetzt- ihr Gesicht war aschgrau vor Bestürzung.

Hätten Sie nur in jener Nacht auf der Terrasse auf meine Worte hören wollen," fuhr Honnah Johnson zum Bräutigam gewandt fort,so würden Sie diese Thatsachen schon früher erfahren haben. Es ist Ihre eigene Schuld, daß Sie von ein paar Weibern genarrt wurden. Um sich das Geld der Greylocks zu sichern, sah Roberts Wittwe sich genöthigt, ein Kind zu finden, welches die Stelle ihres eigenen tobten Kindes einnehmen konnte. Es war um die Zeit, als sie Ihnen die Briefe schrieb, Madame," sagte sie mit einem Blick auf Miß Pamela, die starr wie eine Statue dastand. Wir waren fast mittellos. Wir fanden dieses kleine Mäd­chen auf der Straße bettelnd- sie hatte blonde Haare und blaue Augen, gerade wie Robert Greylock, und war hübsch genug, um die Herzen aller harten, alten Großväter in der Welt aufzuthauen. Ich verfolgte ihre Spur bis zu einem elenden Miethshaus, wo sie mit einer Schwester und einer alten Hexe wohnte, welche die beiden Kinder unter ihrer Obhut hatte, gab der Alten hundert Dollars von Ihrem Gelde, Madame und nahm das Kind mit fort. Anfangs machte uns die Kleine nicht wenig Verdruß, denn Tag und Nacht schrie sie nach ihrer Schwester, obgleich wir sie schlugen und mit narkotischen Mitteln betäubten. Endlich wurde sie krank- wir fürchteten schon, daß sie sterben würde, allein sie hatte ein zähes Leben, und als sie sich wieder erholte, schien sie die Vergangenheit vergessen zu haben. Wohl verlangte sie hin und wieder nach ihrer Schwester Polly- allein die Schläge, die sie von mir erhielt, eurirten sie bald gänzlich von dieser Unart. Wir fanden sie sehr talentvoll und ge­lehrig. Sie fand sich ohne Mühe in die Rolle, die sie zu spielen hatte, und nun brachte Mrs. Iris sie nach Greylock Woods und stellte sie Godfrey Greylock als seine Erbin, als das Kind seines tobten Sohnes, vor. Hahaha!"

Gobfrey Greylock taumelte unb mußte sich an bem Altar­gitter fcsthalten- kein Auge hatte jemals einen solchen Aus­druck in seinem Gesicht wahrgenommen wie in diesem Moment.

Es ist eine Lüge!" schrie er mit heiserer Stimme. Das Weib ist toll!"

Fragen Sie doch Ihre Schwiegertochter, ob es eine Lüge ist," höhnte Hannah Johnson mit einem Blick auf