Ausgabe 
12.8.1897
 
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Mrs. Iris, welche vor Schrecken an allen Gliebe u bebend, das Gesicht in ihrem Spitzentaschentuch verbarg.Sieht sie wohl aus, als ob es eine Lüge wäre?"

Godfrey Grehlock ergriff die Wittwe seines Sohnes un­gestüm beim Arm und rief:Reden Sie! Bin ich alle diese Jahre hindurch Ihr Narr gewesen? Reden Sie! Ist die Geschichte wahr oder falsch?"

Iris sah, daß Alles verloren, daß das Ende ihrer niederträchtigen Pläne und Lügen gekommen war.

Sie machte daher keinen Versuch, zu leugnen, sondern sagte:Es ist wahr. Warum sollte ich es jetzt noch in Ab­rede stellen? Sie allein sind schuld daran, Godfrey Greylock, Sie haben mich dazu getrieben. Ich war dem Hungertode nahe,- wie konnte ich ohne das Kind hoffen, von Ihnen eine Unterstützung zu erhalten? Unglücklicherweise war meine eigene Tochter schon Jahre vorher gestorben."

Ja, sie ließ sie sterbend zurück, als sie mit Arthur Kenhon durchbrannte," ergriff Hannah Johnson schadenfroh wieder das Wort.Sobald die Beiden von Robert Greh- locks Selbstmord Kunde erhielten, heiratheten sie einander. Bald daranf trat ich in Mrs. Kenyons Dienst. Sie führte ein Katzen- und Hundeleben mit ihrem zweiten Manne. Sie brachten sein ganzes Vermögen und ihren eigenen Erwerb miteinander durch. Endlich ließen sie sich in einer westlichen Sradt scheiden und Jedes ging nun seinen eigenen Weg."

Verrätherin!" schrie Mrs. Iris.Jetzt hast Du Alles gesagt- es bleibt nichts mehr zu verheimlichen übrig!"

Godfrey Greylock stand einen Angenblick still, wie um alle seine Kräfte zu sammeln, um diesem vernichtenden Schlag die Stirn zu bieten- dann sah man ihn wanken und eine Hand ausstrecken die Braut stieß einen entsetzlichen Schrei aus, den ersten und einzigen, vcr von ihren Lippen kam, und der Gebieter von Greylock Woods fiel, ohne einen Laut von sich zu geben, nieder und blieb, das Gesicht dem Boden zugewandt, regungslos liegen.

Sir Gervase ließ die Hand seiner Braut los und eilte mit dem Geistlichen herbei, um den Gefallenen aufzuhebcn. Nie sollten diese stolzen Augen wieder im Zorn erblitzen- nie sollten sich diese strengen Lippen wieder öffnen. Wie zum Hohn fiel das Gesicht des gemalten Fensters auf sein graues Haar. Es bedurfte keiner Stimme, um die schreck­liche Wahrheit zu verkünden- dieselbe war Allen offenbar. Der Schlagfluß, jener heimtückische Feind, der wie ein Blitz auf sein Opfer losstürzt, hatte sein Werk rasch nnd gründlich gethan. Alles war vorüber- regungslos, stumm, tobt lag Godfrey in den Armen Derer, die ihn aufgehoben hatten.

Eine furchtbare Verwirrung entstand nun. Die hochzeit­lich geschmückte Kirche war in einen Tempel des Todes verwandelt.

Iris Grehlock stieß einen hysterischen Schrei aus, klammerte sich an Sir Gervase und rief:Oh, Sie lassen mich doch nicht im Stiche! Sie werden doch nicht dulden, daß ich auf die Straße gesetzt werde, um zu verhungern!"

Miß Pamelas Jammergeschrei war herzzerreißend. Unwillkürlich streckte die geisterhaft blasse Braut die Arme aus, um ihrer alten Großtante zur Hülse zu kommen- diese machte eine abwehrende Bewegung und murmelte:Nein, nein! Komm mir nicht nahe! Rühre mich nicht an! Du hast ihn getödtet! Du bist seine Mörderin!"

Ethel Greylock wankte wie von einem Schlage getroffen. Ste blickte ihre Tante, deren Abgott sie seit Jahren gewesen war, einen Augenblick flehentlich an- dann wandte sie sich schnell wie der Blitz von dem Altar weg, vor dem an diesem Tage keine Hochzeitsgelübde ausgetauscht werden sollten, und eilte mit Entsetzen in den Zügen durch die Menge und der Thür zu.

Noch ehe sie dieselbe erreichte, sprang Polly von ihrem Sitz auf und umschlang sie mit ihren Armen.Es war meine Absicht," schluchzte die treue Schwester,mich niemals zu erkennen zu geben- obwohl ich Sie von Anfang an kannte.

Und nun, meille liebe, theure Nan, kennst Du mich wirklich nicht Deine Schwester?"

Ethel Grehlock achtete in ihrer Seelenqual der aus­gestreckten Arme Pollys nicht- sie erkannte nicht einmal das Mädchen, das ihr das Leben gerettet hatte und der Name, den sie als kleines Kind geführt, klang wie ein fremder Ton in ihre Ohren.Nein, ich kenne Sie nicht," antwortete sie heiser,ich habe keine Schwester." Mit diesen Worten schob sie Polly sanft bei Seite und eilte durch das Portal hinaus auf die Straße, die von einer Menge neugieriger Gaffer angefüllt war.

Unmittelbar vor der Kirchenthür hielt eine Kutsche von Greylock Woods. Ethel näherte sich derselben und gab dem Bedienten auf dem Bock ein Zeichen. Derselbe sprang herunter und öffnete den Schlag.

Fahre mich so schnell wie möglich nach dem Herren­hause!" befahl sie mit heiserer Stimme. Sodann stieg sie ein und zog den seidenen Vorhang über das Fenster der Kutsche herab.

Als Polly, die nachgefolgt war, die Thür der Kirche erreichte, flogen die Pferde bereits die Straße hinauf.

Jetzt kamen auch die Hochzeitsgäste aus der Kirche. Auf jedem Gesicht war Bestürzung zu lesen, Niemand schien an die Braut zu denken die falsche Creatur, die von einem gewissenlosen Weibe auf der Gaffe aufgelesen und schändlicher Weise dem aristokratischen, alten Greylock als seine rechtmäßige Erbin vorgestellt worden war. Sie stürzten alle in die Kutschen, um so rasch wie möglich hinwegzukommen von einem Orte, wo statt hochzeitlicher Freude der Tod an den Altar getreten war. Jeder schien überdies begierig, den Seinigen zu Hause die schreckliche Neuigkeit mitzutheilen.

Polly vermochte sich nur mit Mühe dem Gedränge zu entziehen. Sie hatte den Befehl vernommen, den Ethel dem Kutscher gab, und machte sich nun eilig auf den Weg nach der Villa.

Nan gehörte ihr jetzt wieder an. Alle ihre Freunde hatten sich von ihr abgewandt- selbst der Baronet hatte keinen Versuch gemacht, sie zurückzuhalten, als sie aus der Kirche eilte. Allerdings war er so von dem tobten Godfrey Greylock und der jammernden Iris in Anspruch genommen, daß er die Flucht seiner Braut wohl kaum bemerkt hatte. So mußte denn Polly selbst ihrer geliebten Nan nacheilen und sie in dieser Stunde der Verzweiflung und Seelenqual zu trösten suchen.

Sie schlug den kürzesten Weg über die gefrorenen Salzwiesen ein. Nie war ihr der Pfad so unendlich lang vorgekommen. Sie flog mit der Geschwindigkeit eines Vogels über den schlüpfrigen Grund dahin, und dennoch war es ihr, als käme sie gar nicht von der Stelle. Endlich tauchte der braune Thurm des Herrenhauses vor ihren Augen auf. Sie stürzte in das Haus, wo die Dienstboten sich bereits in Gruppen versammelt hatten und sich flüsternd miteinander unterhielten, als sie geahnt, daß sich ein großes Unglück zugetragen habe. Die alte Hopkins eilte ihr entgegen.

Ist sie hier?" keuchte Polly.

Ja, sie ist hier wenn Sie Miß Ethel meinen," antwortete die alte Haushälterin verwirrt und zusammen­hängend.Was ist vorgefallen? Können Sie es uns sagen? Sie kam vor einigen Minuten wie ein Geist hereingestürzt- kein Bräutigam, kein Großpapa, Niemand war bei ihr. Sie sah entsetzlich aus und wollte auf keine Frage Antwort geben, flog die Treppe hinauf und schloß sich in ihrem Zimmer ein. Ich pochte seither unablässig an die Thür und bat und flehte- doch umsonst, ich erhielt keine Antwort. Mein Gott, reden Sie! Ist der Baronet gestorben oder fortgelaufen? Hat die Trauung stattgefunden oder nicht?"

Die Trauung hat nicht stattgefunden," antwortete Polly.Es haben sich schreckliche Dinge zugetragen, Mrs. Hopkins die schlimmsten, die Sie sich vorstellen können. Allein kommen Sie mit mir, kommen Sie! Sie muß die