Ausgabe 
12.6.1897
 
Einzelbild herunterladen

- 26t

Heute erhielt ich folgenden Brief von Miß Pamela Greylock:In der Unterhaltung, die mein unglücklicher Neffe in der Nacht seines Todes mit seinem Vater hatte, lehnte er entschieden ab, sich in irgend einer Weise über Sie zu äußern. Seines Kindes erwähnte er kaum. Als er im Begriff war, aus dem Hause zu stürzen, bat ich ihn, mir von dem Kinde zu erzählen,- er antwortete mir, er habe keine Zeit dazu. Von liebevollen Worten war keine Rede.

Mein Neffe war mein Liebling- gegen das Schicksal seines Kindes kann ich keine Gleichgültigkeit erheucheln, die ich nicht fühle. Auch bin ich nicht der Ansicht, daß die Sünden Anderer an dem armen, kleinen Wesen heimgesucht werden sollen. Es hieß, daß die Kleine sehr krank war, als ihr Vater starb. Ist sie wieder genesen? Ist sie wohl? Gleicht sie meinem unglücklichen Neffen? Verstehen Sie wohl, daß ich diese Fragen auf meine eigene Verantwortlich­keit an Sie richte und ohne das Wissen oder die Zustimmung meines Bruders, der sich gegenwärtig im Auslande aufhält und der meine Handlungsweise sicherlich mißbilligen würde."

Ich klatschte entzückt mit den Händen. Wer hätte das gedacht, daß der arme, gute Robert in seiner letzten Unter­redung mit seinem Vater so discret sein würde? Natürlich verabscheut diese Miß Pamela schon meinen Namen- sie glaubt alle die schlimmen Dinge, die ihr über mich zu Ohren kamen. Jedes Wort in ihrem Briefe ist ein verdammendes Urtheil über die Wittwe ihres Neffen.

Von den wenigen Dingen, die ich noch in meinem Besitze hatte, nahm ich ein zwei Jahre altes Zeitungsblatt und schnitt folgenden Passus heraus:Mit tiefem Bedauern vernehmen wir, daß Mademoiselle Sylphide, die reizende Tänzerin, gestern Abend im Metropolitan - Theater einen schweren Unglücksfall erlitt. Sie fiel durch eine auf der Bühne an­gebrachte Fallthür und zog sich einen doppelten Beinbruch, wie andere ernstliche Verletzungen zu- es ist sehr zu be­fürchten, daß sie nie wieder im Stande sein wird, das Publikum mit ihrer Kunst zu entzücken."

Diesen Ausschnitt schloß ich in einen an Miß Pamela adressirten Brief ein, der folgendermaßen lautete:Meine Kleine ist von ihrer Krankheit völlig genesen- sie ist gesund und kräftig, das leibhaftige Ebenbild ihres unglücklichen Vaters. In ihr finde ich meinen einzigen Trost für die Vergangenheit, meine einzige Hoffnung für die Zukunft. Wie Sie aus dem beifolgenden Zeitungsausschnitt ersehen werden, wurde ich vor zwei Jahren von einem großen Unglück heimgesucht- ich unterhielt durch meine Kunst mich und meinen Liebling in Comfort, wenn auch nicht in Luxus, als die Nachlässigkeit meines Bühnenzimmermanns mich in einem einzigen Augen­blicke um Ruhm und Existenz brachte, meiner triumphreichen Laufbahn für immer ein Ziel steckte. Hätte der Gedanke an mein Kind mich nicht aufrecht erhalten, so wäre mir der Tod erwünscht gewesen. Das Geld, das ich mir erspart hatte, schmolz rasch dahin. Ich veräußerte meine Juwelen und alle meine übrigen Werthsachen- jetzt, nach zwei Jahren, bin ich dem Verhungern nahe und sehe die Thore des Armenhauses sich meinem Kinde öffnen. Ich frage Sie, was soll aus Robert Greylocks Tochter werden, da ich, ihre verkrüppelte, hilflose Mutter, nicht mehr im Stande bin, für sie zu sorgen."

* * *

Heute erhielt ich zu meiner Freude einen Check auf dreihundert Dollars, nebst einer kurzen, kalten Epistel von Miß Greylock, worin sie Anspielungen auf eine gerechte Wiedervergeltung macht. Sie lehnt jede weitere Correspondenz mit mir ab, bis sie von ihrem Bruder hierzu ermächtigt ist, dessen Rückkehr demnächst zu erwarten steht. Sobald er an­kommt, will sie ihn auf die dürftigen Umstände, in denen sich seine Enkelin befindet, aufmerksam machen. Die drei­hundert Dollars werden genügen, um mich auS meiner augenblicklichen Verlegenheit zu befreien, und mir zu einem anständigen Wittwenanzuge zu verhelfen. Ich hatte nie um

Robert Trauer angelegt- jetzt aber, sechs Jahre nach seinem Dahinscheiden, muß ich mich in den Wittwenschleier hüllen. Hannah hat einen Wagen bestellt- diesen Morgen besuchen wir die Läden. Ich erwarte einen harten Kampf, mit Herrn Godfrey Greylock- er ist von Borurtheilen einge­nommen- sein Herz ist hart wie Diamant- er kennt keine Sentimentalität, wie seine Schwester- allein ich fühle eS, ich werde ihn doch besiegen, denn das Kind wird bis dahin gefunden sein!

(Fortsetzung folgt.)

Wie einst im Mai.

Novellette von M. C. Carpenter-Meyer.

(Schluß.)

Ich ging. Fünf endlose Jahre lebte ich das Leben eines Sclaven, eines Hundes, durchkostete alle Gefahren und Schrecknisse des wilden Daseins eines Goldgräbers, um das zu suchen, was des Lebens und der Welt Glück scheint Gold!

So oft ich auch muthlos ward Evelyns Brief machte mich stark und das Schicksal, das bisher so hart gegen mich, überschüttete mich in einer verschwenderischen Laune mit Riesenerfolgen. Am Ende des fünften Jahres kehrte ich zurück nach San Francisco ein reicher Mann.

Von unendlicher Sehnsucht getrieben, eilte ich in das Palais Johnstone, leise betrat ich den Salon. Evelyn saß am Clavier und sang wie damals:

Gieb mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke.

Und wenn man's sieht, mir ist es einerlei, Gieb mir nur einen Deiner süßen Blicke Wie einst im Mail"

Ich wußte, sie war mir treu geblieben, das Lied, es sagte es mir- mit einem Freudenschrei sank sie in meine Arme.

Bier Wochen später wurden wir getraut. Alles Glück der Erde schien für uns in der kleinen Villa zu wohnen, wo wir die Flitterwochen verlebten. Später wollten wir auf Reisen gehen, Evelyn sollte die Welt sehen. Rein und wolkenlos war der Himmel unseres Glücks, nur, wenn wir von unserer Reise sprachen, ward Evelyn stets ernst.

Liebling, ich freue mich so sehr, Deine Heimath zu sehen, aber eine grausige Angst foltert mich vor dem Wasser, vor dem Ertrinken"

Ihr Vater und ich suchten nach Möglichkeit diese Furcht zu bannen und Evelyn gab sich Mühe, ihrer Schwäche Herr zu werden. So stände» wir eines Tages, Abschied nehmend von ihrem Vater, an Bord desAlbatroß" als Passagiere für Deutschland.

Evelyn äußerte keine Furcht mehr, nur an dem ängst­lichen Forschen über Korkwesten, Rettungsgürtel und Boote sah ich, daß sie noch immer von dem unseligen Gedanken gefoltert wurde.

Wir hatten eine wundervolle Ueberfahrt, herrliche, milde Maiennächte waren es, die wir auf dem Deck znbrachten und nur wenige Stunden noch trennten uns von dem Ziele unserer Reise.

Es wurde von uns lustigen Cajütspassagieren, bte wir überaus gesellig zusamnien gelebt, beschlossen, noch zum Schluß eine kleine (Soiree zu veranstalten. Damen und Herren er­freuten uns mit ihren Talenten, es wurde declamirt, gesungen, Theater gespielt.

Die Wogen der Fröhlichkeit schlugen hoch, auch Evelyn sang ein Lied, ihr Lieblingslied.

Das einfache deutsche Lied erregte großen Beifall und sie sang auf vieles Bitten noch einmal den letzten Vers:

Es blüht und funkelt heut auf jedem Grabe, Ein Tag im Jahre ist den Todten frei;

Komm an mein Her-, daß ich Dich wieder habe Wir einst im Mai!"