Ausgabe 
12.6.1897
 
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Hannah wieder in den Wagen heben, und als er sich wieder in Bewegung setzte, brach ich in ein fürchterliches Weinen aus.

Was soll jetzt werden? Oh, Hannah!" sagte ich unter Schluchzen zu der neben mir Sitzenden.Ich habe diese lange, weite Reise gemacht, habe meine letzten Schucksachen verkauft, um Auskunft über das Schicksal meines Kindes zu erhalten, und was ist das Resultat? Die Wirthin und ihre Magd sind fort, Gott weiß wohin; die Arbeiter sagen, das Haus habe schon Monate lang vor dem Abbruch leer gestanden. Du würdest besser daran thun, mich meinem Schicksal zu überlassen."

Verlieren Sie den Muth nicht, Madame," antwortete Hannah; es giebt Kinder genug in der Welt, und für ein paar Dollars können Sie sich jederzeit eins kaufen."

Hannah ist eine Engländerin von Geburt; ick war in England, als ich sie in meine Dienste nahm. Oh, jene schönen frohen Nächte im Covent Garden! Doch ich darf nicht an die Vergangenheit denken, es würde mir den Ver­stand rauben. Hannah ist klug und verwegen; jetzt aber giebt sie mir einen Wink, der mir zu gefährlich erscheint, als daß ich ihn ernstlich in Betracht zu ziehen wage. Ich fluche mir selbst wegen meiner kurzsichtigen Thorheit. Warum mußte ich das Kind im Stich lassen? Warum nahm ich es nicht mit, als ich vor sechs Jahren den Staub dieser Stadt von den Füßen schüttelte, warum bedachte ich nicht, daß es mir eines Tages von Nutzen sein könnte daß eS mir eine Waffe wider die Grehlocks in die Hanv geben würde? Aber konnte ich wohl damals meinen baldigen Wittwenstand, mein künftiges Mißgeschick vorhersehen? Ich ließ das Kind in den letzten Athemzügen zurück; ich bin sicher, daß es schon längst tobt ist. Der Doctor sagte mir, daß es unmöglich am Leben bleiben könne. Und dennoch wage ich es ohne dieses Kind nicht, auch nur einen einzigen Schritt gegen die Verwandten Roberts zu unternehmen; ich hungere fast und sie schwelgen in Luxus.

* *

Eine ganze Woche lang habe ich mich umsonst bemüht, Auskunft über den Verbleib meiner ehemaligen Wirthin zu erlangen. Das Theater, in welchem ich einst tanzte, hatte einen neuen Director. Ich muß sehr vorsichtig zu Werke gehen. Nicht um Alles in der Welt möchte ich haben, daß meine früheren Bekannten von meiner Anwesenheit in der Stadt Kunde erhielten, am allerwenigsten, daß sie erführen, weßhalb ich hierher gekommen bin. Selbst Hannah fängt an, entmuthigt zu werden, um so mehr, da wir genöthigt sind, an diesem elenden Platze unser Kostgeld im Voraus zu ent­richten.Es scheint, Madame," sagte sie diesen Morgen zu mir,daß unsere letzten Hülfsmittel erschöpft sind." Sie wird mißmuthig; sie läuft wahrscheinlich bald auf und davon.

* * *

Heute ging ich mit Hannah aus, um mir etwas Be­wegung zu machen. Ich darf unter keinen Umständen hier krank werden; es hieße das Maaß meines Ungemachs zum Ueberfließen voll machen. Ich schleppte mich bis zum Park; dort ließ ich mich erschöpft auf einem Sitz nieder.Hannah!" so sprach ich,bei meiner unglückseligen Gebrechlichkeit ist es mir unmöglich, durch's Leben zu gehen, und wer soll mir eine Equipage liefern, in der ich fahren kann?"

Die Grehlocks von Blackport, Madame," erwiderte Hannah.

Ihre Worte veranlaßten mich zu tiefem Grübeln, aus dem ich endlich durch herannahende Fußtritte aufgerüttelt wurde; ich blickte auf und sah eine Kinderchaise, die ein Dienstmädchen vor sich her schob; ein anderes Kind hüpfte mit einem Reifen neben der Magd her, deren struppiges Aussehen mir schon von Weitem bekannt vorkam. Sie näherte sich, und ein zweiter Blick verschaffte mir Gewißheit; es war Martha, die Dienstmagd in dem Hause, das ich mit Robert bewohnt hatte.

Als sie die Stelle erreichte, wo ich saß, erhob ich mich

und klopfte ihr auf die Schulter. Das dumme Geschöpf hatte mich gar nicht bemerkt.Martha!" sagte ich, indem ich auf das Kind in der kleinen Chaise deutete,wo ist mein Baby? Was hast Du damit angefangen?"

Nie sah ich eine so erschrockene Creatur! Natürlich er­kannte sie mich; ich habe meine einstige Schönheit noch nicht ganz verloren.

Mit einem wilden Aufschrei blieb sie vor mir stehen. Gerechter Himmel! Und jetzt kommen Sie noch. Madame? Soll mich das Baby denn bis in den Tod verfolgen?" Dann faßte sie sich plötzlich Muth und blickte mich trotzig an. Sie haben es ja selbst mit fortgenommen," sagte sie; Sie wissen, daß Sie es thaten; ich erzähle es Allen, und Niemand zweifelte daran."

Ich fühlte mich sonderbar bewegt.Martha, wer hätte gedacht, daß Du so klug wärest?" sagte ich;komm, setze Dich neben mich auf diese Bank und erzähle mir Alles."

Sie gehorchte ohne Widerstreben und theilte mir mit, was geschehen, seitdem ich mich an jenem Abende aus dem Hause entfernte; sie verbarg mir nichts. Und als sie mir nun Alles mitgetheilt hatte, was sie wußte, als ich Alles erfahren hatte, was ich zu wissen wünschte, erhob ich mich mit einem freudigen Gefühl, das mir aus der Seele kam. Martha, Du bist klug," sagte ich,natürlich nahm ich selbst das Kind mit fort. Hielt irgend Jemand es für möglich, daß ich mein Kind im Stiche, lassen würde, als ich die Stadt verließ? Ich wollte Dich nur zur Strafe für Deine Nach­lässigkeit ein wenig erschrecken; sei mir dankbar dafür, daß ich so nachsichtig bin. Und nun gehe hin in Frieden, Martha Du hast mir einen Dienst geleistet. Adieu!"

Ich ließ sie, starr vor Verwunderung mir nachgaffend, auf dem Fecke stehen und hinkte, auf Hannahs Arm gestützt, weiter.Es war mein Mann, der das Kind fort nahm," sagte ich meiner Gefährtin.

Was that er aber damit?" fragte Hannah.

Kannst Du es nicht errathen? Er begab sich in der­selben Nacht nach Blackport, nahm aber das Kind nicht mit sich. Warum? Weil es gestorben war, ehe er die Stadt verließ."

Sie haben einen scharfen Blick, Madame!" rief Hannah.

Nun, höre weiter; er erzählte den ©einigen nichts von dem Tode seines Kindes, denn sonst hätten sie keinen Boten abgeschickt, um Mutter und Kind nach der Entdeckung von Roberts Leiche nach Blackport bringen zu lassen. Wie Martha mir mittheilte, sagte der Mann, der in dem Hause vorsprach, Godfrey Greylock habe ihm aufgetragen, mich und das Kind nach Grehlocks Woods zu begleiten. Der Bote kehrte mit der Antwort zurück, daß ich geflohen sei, und das Kind mit mir genommen habe. Aller Wahrscheinlich­keit nach ist die Geschichte nie widerlegt worden."

Nun, Madame?" drängte Hannah athemlos.

Godfrey Greylock ist einer der reichsten Männer in dem Staate und hat keine Erben," antwortete ich.

Wir kehrten nach unserm Kosthaus zurück.

//Jetzt gilt es einen kühnen Streich um Rang und Reichthum!" rief ich.

Sodann ergriff ich eine Feder und schrieb folgende Zeilen an Miß Pamela Greylock zu Greylock Woods bei Blackport:Mit gebrochenem Herzen, lebensmüde und voll unaussprechlicher Trauer um ihn, der mich einst liebte und dieser Liebe Alles zum Opfer brachte, schreibe ich diese Zeilen, um Sie, seine geliebte Tante, die, wie er mir oft erzählte, einst Mutterstelle an ihm vertrat, zu bitten, mir über seine letzte Unterredung mit Ihnen Mittheilung zukommen zu lassen. Sprach er von mir sprach er von seinem kleinen, un­schuldigen Kinde that er es in liebevollen Worten? Wenn Sie das Herz eines Weibes besitzen, so gewähren Sie mir den Trost, mich wissen zu lassen, daß seine letzten Worte uns galten.

Iris Greylock."