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sie verstummen. „Nun also, er starb. Nachdem es geschienen hatte, als wäre er gerettet. Ein Paar Nächte schon hatte ich nicht mehr bei ihm zu wachen brauchen, da fanden wir ihn eines Morgens tobt in seinem Bett. Ich meinte, daß auch ich nun sterben müßte. So leidenschaftlich wie ich hat selten eine Frau einen Tobten betrauert. Ich habe es nicht einmal gelitten, daß an die geringsten Gegenstände in seinen Zimmern gerührt werden durfte. Noch heute ist Alles dort, wie er es verlassen hat; die Räume, sie liegen ja dicht neben Ihren Zimmern — sind fest verschlossen und niemals geöffnet worden. Ich selbst habe mich nicht entschließen können, wieder hineinzugehen."
Sie blieb mitten im Zimmer stehen, und indem sie die Hände mit einer reizenden Geberde der Verlegenheit ineinander schlang, sagte sie: „Und nun muß ich Ihnen etwas ganz Merkwürdiges gestehen. Ich bin damals fast gestorben aus Kummer, als ich ihn verloren hatte, und doch, wenn ich heute an ihn zurückdenke, wenn ich das Alles über diese Entfernung von drei Jahren hinweg ansehe, dann ist mir's zuweilen, als hätte ich ihn niemals wirklich geliebt."
„Nicht geliebt?" Es waren die ersten Worte, mit denen er ihre Erzählung unterbrach; im Tone maß osen Staunens wurden sie ganz leise, kaum vernehmlich gesprochen.
„Nein, als hätte ich ihn überhaupt nicht geliebt," entgegnete sie sest. „Auch in der glücklichsten Zeit unserer Ehe nicht. Als wäre es im Grunde doch nur Dankbarkeit gewesen, was ich für Liebe hielt. Er war der erste Mann, bei" mir von Liebe sprach, und ich gab mich ihm hin, ohne ihn zu kennen. Ach, das Liebesbedürfniß des Menschen ist ja so groß! Man klammert sich an den Strohhalm, der auf der Fluth des Lebens erscheint. Aber wenn ich mir's recht überlege, so eine wirkliche, geistige Gemeinschaft hat in dieser Ehe nicht existirt: ich bin ihm im Grunde doch nur ein kostbares Spielzeug gewesen, um dessen Besitz er zitterte. Nein," — sie warf den Kopf mit einer fast heftigen Bewegung zurück — „die wahre, geistige Freiheit habe ich selbst, ich allein mir erst nach seinem Tode errungen. Das Alles, was Sie geistige Klarheit oder sonstwie nennen, ist mein Eigenthum; ich selber habe mein Ich, wie es jetzt ist, geprägt. Jener wahnsinnige Schmerz nach dem Tode meines Mannes hat mich älter gemacht, und dann kam eine Zeit neuer Erstarrung, aus der ich langsam erwacht bin. Aber als ich erwachte, war der Schmerz von mir genommen. Ich fühle mich seitdem frei und klar, und ob Sie mich schelten oder nicht, ich habe das Gefühl, als müßte mein Leben nun erst recht anfangen, als müßte das Glück, so ein ganz übermenschliches Glück, nun erst zu mir kommen!"
„Und seit wann ist es, daß Sie so fühlen?" Er fragte es undeutlich, mit stockender Stimme. Sie aber zögerte nicht mit der Antwort. „Seit einem halben Jahre," sagte sie laut und fest.
Er erhob sich und trat vor sie hin. „Seit einem halben Jahre kennen wir uns, Frau Ina."
Ihre Augen leuchteten auf; sie nickte nur, ohne zn antworten, und zugleich fielen ihre Blicke auf das Bild von Tannhäuser und Venns, die in nackter Schönheit den Mann umklammert, der ihrer Macht sich zu entreißen sucht. Gleich aber wandte sie ihr Gesicht erröthend hinweg, und nun sah sie in die Augen des Mannes, der vor ihr stand. Aus ihren Blicken gewann er die Kraft zu reden, dem süßen, berauschenden Taumel Worte zu geben, der ihn umfangen hielt.
„Vermag ich Ihnen das Glück zu geben, auf das Sie warten?" fragte er leise, die Hände ihr entgegenhaltend. „Sehen Sie, ich liebe Sie ja. Sie müssen es gefühlt haben, daß es mich immer mächtiger zn Ihnen zog, aber niemals hätte ich gesprochen, wenn Sie mir das Alles nicht eben gesagt hätten. Ich meinte, der Gestorbene stände zwischen uns; ich glaube an eine Verbindung der Geister über das Grab hinaus, wenn ich denken müßte, sein Geist hätte an den Ihren heute noch ein Recht, ich würde niemals die Hand nach dem Herrlichsten ausstrecken, das es für mich giebt. Jetzt
aber thue ich es mit freiem Herzen. Darf ich Sie führen auf dem Wege in ein neues Leben?"
Während sie ihn anschaute, füllten Thränen, mächtig hervorquellend, ihre Augen; sie legte die Hände in die seinen, und das weinende Antlitz an seine Schulter Pressend flüsterte te: „Da ist es, das Glück!"
(Fortsetzung folgt.)
Schlittschuhlaufen als gesundester Wintersport.
Von Dr. Otto Gotthilf.
___ (Nachdruck verboten.)
Ach, verging selber der Ruhm dessen nicht, Welcher dem Fuß Flügel erfand I Und sollte der unsterblich nicht sein, Der Gesundheit und Freuden erfand Die das Roß, muthig im Lauf, niemals gab, Welche der Reiche selber nicht hat?
Mit diesen Worten besingt Klopstock in seiner Ode „Eislauf" den leider unbekannt gebliebenen Erfinder des schon damals, also vor mehr als 100 Jahren, als gesund allgemein anerkannten Wintersports. Ja, Klopstock Pries das Schlitt- schuhlausen sogar als Gesundheitskur, indem er an Gleim schrieb: „Es ist doch schade, daß Sie, wenn Sie kränkeln, sich nicht durch Schlittschuhlaufen cutteren können. Es ist das eine der besten Kuren, wobei folgendes Reeept zu beachten:
Reciqe, 4. März 1766.
3 Helle Stunden des Vormit ags;
2 des Nachmittags;
Gute Gesellschaft;
Viel Frühstück.
Item ein wenig Nordwind zum Trünke beh der Arzeney. Treib' dieses acht Tage hinter einander. Probatum est!“
Von anderen erlauchten Geistern im vorigen Jahrhundert erkannte namentlich Goethe den hohen hygienischen Werth des Eislaufs. Bekannt ist das schöne Bild von Kaulbach, welches den jungen Goethe beim Schlittschuhlaufen in Frankfurt darstellt. Aber damals sowie in der ganzen Folgezeit bis vor einigen Jahrzehnten war dieser gesunde Genuß fast nur dem männlichen Geschlecht erlaubt, während er dem weiblichen aus falsch angebrachter Prüderie versagt blieb. Noch Berthold Auerbach hat in seinem Romane „Wallfried" den befremdlichen Eindruck geschildert, welchen die geistvolle und sich an Vorurtheile keiner Art kehrende Annette hervorrief, als sie zum ersten Mal, mit Schlittschuhen bewaffnet, über die Eisfläche dahintanzte. Die Berge des Schwarzwaldes schauten voll Bewunderung auf sie hernieder, die dunklen Tannen murmelten sich zu, daß sich heute ein Schauspiel ereigne, welches man ehedem in diesen stillen Thälern nicht für möglich gehalten. Und unter der smaragdenen Decke — da lachten die Nixen im Bunde mit allerhand Kobolden der Meerestiefen und wunderten sich über den Anblick, welcher sich über ihren Häuptern darbot. Aber die Anmuth, mit welcher sich die schöne und herrliche Frauengestalt im Reigen drehte, die Sicherheit, mit welcher sie die ungewohnten Pfade abschritt, das Festhalten an allen ästhetischen Vorschriften, welche den Schmelz und Reiz holder Weiblichkeit erhöhen, — all dieses wirkte so wohl- thuend, daß man sich bald an die Neuerung gewöhnte und sich dann auch zur Nachahmung entschloß.
Heute ist das glücklicherweise anders. Heute stellt gerade die Damenwelt die anmuthigsten und elegantesten Vertreter zum Schlittschuhsport. Und das ist gerade in hygienischer Beziehung sehr schätzenswerth. Denn es gibt gegen Bleichsucht, Blmarmuth, Migräne, Nervosität und all die anderen unliebenswürdigen und leider nur zu getreuen Genossen der holden Weiblichkeit kaum ein besseres Mittel als Schlittschuhlaufen. Gegen solche Leiden wird bekanntlich zweierlei verordnet, nämlich frische Luft und körperliche Bewegung. Beides aber ist beim Eislauf in schönster harmonischer Weise verbunden.


