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nun müßte ein neues Leben beginnen. Die dumpfe Resignation fiel von mir ab, ich begann zu tasten, zu suchen, auf eilt fernes Glück im Stillen zu hoffen. Meine Phantasie war erwacht, ich baute in meinem Geiste die Luftschlösser alle nach, die mir die Dichter gezeigt hatten."
Ein Seufzer hob ihre Brust, ein herber Zug erschien von Neuem um ihren Mund. „Als aber die Jahre vorübergingen, ohne mir mehr zu geben, als diese Luftschlösser, da kam nicht die Resignation von ehemals, aber ein wilder, leidenschaftlicher Schmerz über mich. In jener Zeit habe ich mir dieses zweite Bild hier gekauft."
Es war die „Jagd nach dem Glück", von der sie sprach - in der am Boden liegenden, von Roffeshufen zerstampften Frauengestalt mochte sie die eigenen zertretenen Hoffnungen verkörpert gefunden haben. „Und dann kam das Glück eines Tage« doch noch zu mir, das wenigstens, was rch damals dafür hielt. In einer Familie, in der ich Malunterricht gab, _ ich that das, um mich von meinen Eltern unabhängig zu machen, — lernte ich den Regierungsrach Henninger kennen.
I Er hatte mich nur drei Mal gesehen, als er mir einen Antrag machte. Ich war erst wenig mit Männern zusammengekommen und auch ihn hatte ich bis dahin kaum beachtet; seht auf einmal erschien er mir verwandelt, wie ein anderer Mensch.
I Er bot mir ja das, wonach ich beinahe verdurstet war, ohne mir selbst klar darüber zu werden, er gab mir die Liebe. Eine plötzliche, unwiderstehliche Leidenschaft hatte ihn ergriffen, der er willenlos gehorchte. Ich bat mir einen Tag Bedenkzeit aus, um mir klar zu werden über mich selbst, bann gab ich mein Jawort. Als ich ihn wieder sah am nächsten Tage, war er in meinen Augen der schönste, bedeutendste Mann geworden, den ich jemals gekannt hatte. Noch heute vermag ich nicht ganz unbefangen über ihn zu urtheilen. Aeußerlich glich er Ihnen ein wenig- er hatte dasselbe kurzgehaltene, blonde Haar, ebensolchen blonden Schnurrbart und ein kluges, nervöses Gesicht wie Sie. Ich habe ihn geliebt mit allen Kräften meiner Seele- es war eine Zeit der Erlösung, die nun für mich kam. Auf der Hochzeitsreise, die wir nach Tyrol machten, ging es mir zuerst auf, wie unbeschreiblich herrlich die Welt ist, die mir früher wie eine dunkle Grus erschienen war. Wenn ich an seiner Seite durch irgend ems der Thciler ging und die Felsen sah und ben ewigen Schnee unb bie raschen Wasser unb bas Grün, ich hätte immer nur
bleiben." , . . , ,,, ~
Langsam gehorchte er, unb sie fuhr in leichterem Tone fort- „Also nur bie Thatsachen will ich berichten. Ich bin ausgewachsen, fast ohne Unterricht zu erhalten, obwohl meine Eitern reich waren. Vielleicht war es auch Eifersucht von meiner noch jugenblichen, für geistvoll geltenden Mutter, bie keine Rivalin neben sich haben wollte. Ein einziges Gluck hat sie mir gegönnt, ober es wenigstens nicht gehindert. Die Liebe zu meinem Bruber. Er war älter als ich, flott, I hübsch, unb, wie man mir sagte, sehr leichtsinnig. Für mich aber ist all' der karge Sonnenschein, ber im Elternhause auf mich fiel, von ihm ausgegangen. Auch ihn habe ich früh verloren- sie haben ihn nach Amerika geschickt, ich weiß nicht, I weshalb. Leichtfertiger Streiche wegen, hieß es- bas Nähere habe ich nie erfahren. Ein einziges Mal habe ich ihn tmeber gesehen, es ist nun fünf Jahre her. Da kam er für kurze Beit herüber, aber er war nicht mehr ber frische, fröhliche Junge von früher, er war scheu unb heftig unb launisch geworben. Das Leben drüben hatte ihn mir geraubt."
Der Ton, in dem sie sprach, war wieder ernster geworden- sie strich sich mit der Hand über die Stirn, als müsse sie trübe Gedanken fortwischen. Dann sagte sie: „Nun will ich von mir selbst weiter erzählen. Als ich achtzehn Jahre alt war, hatte ich noch nicht einmal den Schiller gelesen. Das Einzige, was ich in vielen einsamen Stunden so | ganz für mich ansbildete, war ein kleines Talent zum Zeichnen. Damit ging denn meine Selbstbefreiung an. Der Schönheitssinn bildete sich allmälig aus- mit der Empfindung für das Schöne freilich kam mir mit doppelter Stärke die Empfindung für Alles das, was mir fehlte. Damals hatte ich mir dieses Bild gekauft."
Nicht mit der Hand, nur mit den Augen lenkte sie seinen Blick auf das Bildniß der tobten Märtyrerin an ber Wand. Ihr fühlte ich mich verwanbt, ohne Heiligenschein freilich. Aber so wie sie, leblos, sühllos, nutzlos geopfert, meinte ick in einer kalten, bunklen Fluth bahinzutreiben. Aus einer finsteren Gegenwart sah ich in eine hoffnungslose Zukunft. Heimlich flas ich damals zuerst die Werke unserer großen Dichter. Es war Grausamkeit gewesen, sie mir zu verbieten, aber ausZdieser raschen, leidenschaftlichen Lectüre bei schon gereiftemHVerstande entsprang für mich nun eine Quelle der Begeisterung, eines ersten heimlichen Glückes, daß ich meinte,
laut hinausjubeln mögen."
Sie stand wieder auf- es schien, als dulde es sie nicht länger auf ihrem Sitze. Der Assessor ließ sie erzählen, ohne sie zu unterbrechen- mit immer stärker leuchtenden Augen schaute er auf bie Frau, bie er nur in ihrer ruhigen Klarheit gekannt hatte und aus deren Innerem er nun bie Flamme ber Leibenschast hervorbrechen sah.
Bald barauf starben meine Eltern rasch nachetnanber, fuhr sie fort, inbem sie auf unb nieber zu schreiten begann, bie Augen auf bas Farbenspiel bes Teppichs geheftet. „Aun war ich frei unb selbstänbig, besaß ein schönes Vermögen und konnte meinem Manne die Behaglichkeit des äußeren Daseins verschaffen, die er liebte und bisher nur in beschränktem Maße hatte genießen können. Ich meinte damals, vollkommen glücklich zu sein und ihn vollkommen glücklich zu machen. Dann starb er." , , ,,
Sie sprach die letzten Worte kurz, beinahe harft ats könne sie mit dem Tone der Stimme den plötzlichen Schlag nachahmen, der sie getroffen hatte. Keine Thräne stdoch zitterte darin, und merkwürdig ruhig sprach sie nun wei ■ „Ja, nach nur dreijähriger Ehe. Es war etne Lung -
j entzündnng, die ihn hinwegnahm. Tag und Nacht habe : d) an seinem Bette gesessen und habe gezittert, wenn er Sterben sprach. Er hatte ben bestimmten Glauben, baß nicht roieber besser werben könnte mit ihm- er fP^a* tnt von meiner Zukunft, gab mir Aufträge für ben Fall st Tobes, bat mich —" , in
Sie schien noch etwas hinzufügen zu wollen, a | rascher Blick in bie Augen ihres schweigenben Zuhörers uev
sperren vom Kreis der Jngendgeiiossen unb ihm nicht einmal das unschuldige Glück einer ersten Freundschaft gönnen? Sehen Sie, sv grausam sind meine Eltern gewesen, und ich habe darüber früh verlernt, sie zu lieben!"
Jäh sprang er empor. „Das dürsen Ste nicht sagen, I tief er aus, „bitte, das nicht! Es giebt Dinge, die uns Allen heilig sein und bleiben müssen, die wir niemals nut unreinen oder feindlichen Händen berühren dürfen! Das ist die Liebe zu unseren Eltern, ein gegebenes Wort, ein Versprechen an einen Freund. Wenn Jemand an bte)e Dinge rührt, fühle ich es wie einen Stich ins Herz. Unb nun von Ihnen, gerabe von Ihnen bas hören zu müssen,
Die Worte versagten ihm- er stanb ihr gegenüber mtt geballten, bebenben Hänben- ber Ausbmck seines Gesichtes, das plötzlich gealtert schien, die brennenden Augen, bie zusammengekrampfte Stirnhaut betrieben einen tiefen, mächtigen
Mit einem langen, fragenden Blicke schaute sie zu ihm hinüber- dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Es giebt doch noch Gebiete, auf denen wir nicht zusammengehen können. Ich hatte gedacht, wir wären einander schon näher. Aber es muß sein, wie es ist. Ich will von diesen Dingen nicht mehr sprechen, wenn es Ihnen weh thut- meine Empfindungen kann ich nicht ändern, sie sind die Frucht von Zähren. Der Ton war hart gewesen, in dem sie diese Worte gesprochen hatte - jetzt aber kam ihr die alte Heiterkeit zuruck, sie streckte die Hand ans und sagte: „Setzen Ste sich wieder daher. Solche Aufregung sind vergangene Dinge nicht werth. Wir in der Gegenwart sind gute Freunde und wollen es


