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Lehrer i. P.
ein Fußgeher?" der kein Geld
ist so verliebt rein Bräutigam
Das Haus der Schatten.
Roman von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
„Eine Kehrseite?"
„Jawohl. Der Hypochonder und Pessimist in Ihnen — Sie sind Beides trotz Ihrer dreißig Jahre, sobald es um Sie her nur ein wenig dunkel wird, — hat einen sehr netten, lieben, freundlichen Genossen: den Enthusiasten. Sie haben wohl hundertmal, wenn Sie mir von einer Reise, einem Bilde, einer Landschaft erzählten, dabei gesagt: „Das war das Schönste, was ich je gesehen habe!" Im Stillen habe ich zuweilen über Sie gelächelt, mein Freund, wenn Sie mir so zum hundertsten Male das Schönste in der Welt beschrieben. Aber das Herz ist mir doch warm geworden vor Freude über solche Begeisterungsfähigkeit, die so selten ist in unserer heutigen Welt und die uns Anderen mit sich reißt über die Misere des Alltags hinweg." Sie sah für einen Augenblick voll zu ihm hinüber- ihr für gewöhnlich bleiches Gesicht hatte sich ein wenig geröthet, die tiefen, braunen Augen glühten in schönem Feuer. Nun aber lächelte sie und sagte: „So, für heute haben wir genug über den hohen Herrn geredet. Jetzt wollen wir von anderen Dingen sprechen."
„Also von Ihnen."
„Das habe ich nicht gesagt!"
„Aber ich sage es. Nehmen Sie doch einmal das Seciermesser, das Sie so gut zu gebrauchen wissen, und zergliedern mir die eigene schöne Seele ein wenig. Und mit derselben Schärfe, die andere Sterbliche sich müssen gefallen lassen."
Da sie nicht gleich antwortete, sondern nur schweigend
1897.
| Dienstag den 12. Januar
ie sie eilen, rennen, hasten, Wie sie mit begier'gem Blick Ohne Ruhen, ohne Rasten Alle jagen nach dem Glück! Haben schließlich hier auf Erdeu
Nur des Strebens Noth und Pein.
Und im Kampf um's Glücklichwerden
Keine Zeit zum — glücklich sein!
O. E. Wantalowicz.
ihre Arbeit, an der sie während des Redens gestichelt hatte, vor sich hin auf den Tisch legte, fuhr er fort zu bitten. „Wahrhaftig, Sie sind mir im Grunde noch immer ein schönes Räthsel. Ich bin kein Seelentaucher wie Sie. Das freilich sehe ich wohl, wie Sie heute sind, aber ich frage mich manchmal, ob Sie immer so gewesen sind seit Jahren schon. So ruhig, in sich geklärt —"
„O nein!" Es war ein tiefer, schmerzlicher Seufzer, mit dem sie die Worte hervorstieß; zugleich erhob sie sich von ihrem Sitze, das Lächeln war von ihrem Gesichte verschwunden, eine schwere Wolke schien sich darauf zu lagern und die Züge älter und schärfer zu machen. Sie trat zu einer der Palmen, einer schönen Kentia, heran und ließ die schlanken Blätter des einen Wedels durch ihre Finger gleiten, während ihre Augen darüber hinweg ins Leere blickten.
„Sie kennen mich freilich nun lauge genug, um nach diesen Dingen zu fragen, und ich hätte wohl von selbst einmal davon angefangen, wenn ich nicht auch mein Theil von frauenzimmerlicher Feigheit mit mir herumtrüge. Denn Feigheit ist es doch wohl, wenn man in eine dunkle Höhle oder etwas Aehnliches, durch das man glücklich hindurch- gekommen ist, nicht wieder hinein will. Auch wenn man weiß, daß keine Gefahr dabei ist."
Sie hatte gesprochen, ohne ihre Stellung zu verändern, indem sie mechanisch mit dem Blatte der Palme spielte. Jetzt aber kehrte sie mit etwas müden Schritten zu ihrem Sitze zurück, ließ sich darauf nieder und legte die Hände leicht verschlungen in den Schooß. Dann sagte sie, durch das vorhergegangene, scheinbar gedankenlose Spiel doch vielleicht in ihrer Seele beeinflußt: „Haben Sie einmal von einer Palme gehört, deren Samenkorn jahrelang in der Erde liegt, um dann in ganz kurzer Zeit einen mächtigen Stamm emporzutreiben? Daran muß ich immer denken, wenn ich mich meiner Jugend erinnere. Es ist mir, als hätte ich selbst all' die Jahre hindurch in der dunklen Erde gelegen."
Er machte eine Bewegung des Schreckens, und auf seinem beweglichen Gesicht spiegelte sich deutlich der tiefe Eindruck, den ihre unerwartete Worte auf ihn gemacht hatten. Aber er unterbrach sie nicht, und sie sprach nach einem kurzen, nachdenklichen Schweigen von Neuem.
„Können Sie sich denken, daß es Eltern giebt, die schlecht genug sind, ihr Kind in geistigem Dunkel, in geistiger Oede aufwachsen zu lassen? Die ihm gewaltsam die Quellen verstopfen, aus denen es trinken möchte, die ihm die Bücher fortnehmen, aus denen es die Welt und sich selbst kennen lernen möchte? Die es allein lassen mit sich selbst, es ab-
a) in Gikßk«.


