Ausgabe 
12.1.1897
 
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Da wird es auch nicht in minimaler homöopathischer Dosis verabfolgt wie beim gewöhnlichen Spazierengehen, welches meist nur ein Spazierenschleichen genannt werden kann, oder gar wie beim Spazierensahren der Damenwelt der oberen Zehntausend, sondern es wird in unerschöpflichem Ueberfluß verzapft. Unter- und Oberkörper müssen thätig sein, um vorwäts zu kommen und das Gleichgewicht zu halten, dte Muskeln müssen sich anspannen, ohne dabei überangestrengt zu werden, die Blutcirkulation wird bedeutend gesteigert, alle tut Körper abgelagerten Ermüdungs- und Abfallstoffe werden weggeschwemmt, die Pulse fliegen, es klopft das Herz. Er­frischt und wie neugeboren fühlt sich der Mensch. Dazu kommt die reine, frische Winterlust, welche als unverfälschtes Lebenselixir mit tiefen vollen Zügen in die lufthungrigen Lungen eingesogen wird! Ist es da noch ein Wunder, wenn sie alle vom Eise mit rothen Wangen und fröhlichen Mienen, mit angeregten Nerven und frischen, klaren Augen nach Hause kommen? tn

Das Schlittschuhlaufen bildet auch dte beste Lungen- gvmnastik für eng- und schmalbrüstige Jünglinge und Jung­frauen, an denen Mubmenhand sich mit Uebung des falschen Jnachtnehmens und der Stubengefangenschaft versündigt. Der große hygienische Practiker, Sanitätsrath Dr. Paul Niemeyer sagt hierüber:Ich halte diese Uebung für die wirksamste, um einen Brustschwachen, vulgo Schwmdsuchtscandtdaten, daheim tut st irdischen Dunstmeer ohne sonderlichen Schaden durch den Winter hndurchzubringen. Mag ihm einfaches Gehen auf holprigem, feuchtem schneeigem Wege schlecht be­kommen, so braucht er auf der Eisbahn sich nur dahinzuschwtngen, um veritables Ozon in vollen Strömungen in die trockenen, lusthungrigen Lungenzellen einwirken zu lassen, in welchem Sinne ich Schlittschuhlauf eine winterliche Bewegungs­kur mit Vergnügungsprämie nenne. Sollten aber ängstliche Leute sich gegen solchWagniß" erklären, so bitte ich zu bemerken, daß an dem bekannten Kurorte für Schwind­süchtige zu Davos in Graubünden, in einer Bergeshöhe von beinahe 500 Fuß und in Gletschernachbarschaft, Schlrttschuh- laufen zu den beliebtesten und zuträglichsten Vergnügungen der Kurgäste zählt."

Jedoch möchte ich dazu folgende Einschränkungen machen: Es ist nicht rathsam, daß kränkliche Leute das Schlittschuhlaufen lernen. Aller Anfang ist schwer und anstrengend: das gtlt auch, wie jeder Eisläufer weiß, von dieser Frischluft- und Bewegungskur. Das Erlernen ist sehr ermüdend und greift die Körperkräfe ziemlich an. Daher soll man in gesunden Tagen, möglichst schon im Kindesalter, wo die verlorenen Kräfte schnell ersetzt werden und der Körper noch recht ge­schmeidig und gelenkig ist, sich den Mühen der Erlernung des Eissports unterziehen, dann kann man ihn auch in späteren Jahren, namentlich zur Reisezeit, ohne Schaden ausüben, selbst wenn der Körper schwächlich und weniger widerstandsfähig geworden ist. ,

Gesunde Erwachsene können natürlich jederzett noch den Eislauf erlernen. Von großem hygienischen Nutzen ist dies besonders für alle Stubenhocker, Bureaubeamte, Schriftsteller und Gelehrte, derenstockendes" Blut dadurch wieder aufs beste zu reaelrechter Cirkulatiou gebracht wird. Der Blut­andrang zum Kopfe schwindet, die ewig kalten Füße werden wohlig warm, der Appetit hebt sich bedeutend. Auch für alle wohlbeleibten Personen bildet die regelmäßige Ausübung des Eissportes die erfolgreichste winterliche Karlsbader Kur.

Wir sehen also, daß Dr. Niemeyer vollkommen Recht hat, wenn er das Schlittschuhlaufen als winterliche Bewegungs- kur mit Vergnügungsprämie preist. Darum, ihr Städter, Jung und Alt, kommt herausaus der Häuser dumpfen Gemächern und aus der Straßen quetschender Enge" auf die crystallene Fläche der Eisbahn und in Gottes frische, freie Natur, stärket eure schlaffen Glieder durch anmuthige, spielend sich bethätigende Bewegung!

Humoristisches.

Die echte Eva. Gattin (zu ihrem Gatten):Wie, ein Kleid von der letzten Mode soll ich tragen? Kummer, Sorgen und Elend, Alles will ich freudig tragen, nur nicht ein unmodernes Kleid!"

* * *

Genau befolgt.Wie geht's Ihrer Frau?" - Schlechter, Herr Doctor."Haben Sie ihr auch die Medicin richtig gegeben?"Freilich!"Uni sie nach Vorschrift geschüttelt?"Daß ihr Hören und Sehen verging!" * *

Kindliche Auffassung. Die kleine Ella (zum ersten Male in einer Ahnengallerie):Mama, früher war wohl immer Maskenball?"

Gefährliches Amt. Schneidermeister (dessen Bube die Treppe herunterfällt, ohne sich zu beschädigen):Schau, Arthur, jetzt kannst Du bald dte Rechnungen austragen."

Daher kam's. Richter:Jetzt habe ich Sie schon sehr lange nicht gesehen, das war brav von Ihnen!" Dieb:Ja, Herr Richter, ich war sehr krank!"

Literarisches

Das eröffnet das neue Vierteljahr mit einem viel

versprechenden historischen Roman aus der Zeit der Reformation von von Krause:Wort und Waffen", der in Pasewalk in Pommern wielt. Da H. von Krause schon mehrfach geschichtliche Vorwürfe mit qrotzem Glück behandelt hat, darf man wohl annehmen, daß mWort und Waffen" ein getreues, fesselndes Bild der durch die siegreich fort­schreitende Reformation hervorgerusenen Kämpfe gegeben wird. Sehr drollig wirkt die zweite, kleine Erzählung von Ernst Johann Grothe Es wird schon kommen", in der wir die Bekanntschaft eines ebenso lebenswahr wie gullaunig geschilderten kleinen jüdischen Speculanten machen, dessen lange erhofftergroßer Tag" endlich gekommen ist und geschickt ausqonutzt wird. Sehr interessant ist eine Skrzze von Oscar Klaußmann:Wie ein Hofball entsteht". Ein zweiter illustrirter Arbk-l erzählt uns von St. Helena und den Erinnerungen an den ersten Napoleon, die an diesem Eiland haften. Den illustrativen Schmuck der Hauptnummer bilden ein stimmungsvolles Winterbild:Heimkehrende Fischer" von Smith-Hald, zwei muntere Gegenbilder von E. Brack: Neujahrsbrief an sie und von ihm" und die Wiedergabe eines schönen Reliefs von dem talentvollen Berliner Bildhauer Friedrich Pfannschmtdt: Christus und die Samariterin". Der Familientisch,bringt em Portrat der vor hundert Jahren verstorbenen Gemahlin Friedrich des Großen, der Königin Elisabetb Christine, und ein Bildchen von ihrer Vermahlung nach Chodowiecki. Die Beilagen: die kleine illustrirte Zertchromk:Aus der Zeit für die Zeit", dasFrauen-Daheim", dieHausmusik, derHausgarten", dasKinder-Daheim" sind wieder sehr mhaltreich und anregend. Wir benutzen gern die Gelegenheit, um wieder einmal auf das alte und doch immer gleich jugendfrischeDaheim" hinzuweisen.

Welche Hausfrau eine gediegene und dabei practische Seetüre wünscht, die wende sich der Halbmonatsschrift für die practffche grau:

Hans meine Welt" zu. Das vorliegende erste Januarheft wird wiederum den verschiedenartigsten Ansprüchen gerecht. Nach einer poetischen Einleitung: Neujahrsgruß, diesmal an die deutschen Männer, von Zos von Reuß, plaudert Fritz Eusebius überUnsere Sewot)» heften". Einenbraven Hausgeist", wie ihn F. v. Minra schildert, wünscht sich gewiß jede Hausfrau; ihr sei daher diese kleine Snzze bestens empfohlen! Für die Unterhaltung sorgt dieErzählung aus> dem Walde", von Ella Schwarz:Borg de concours", welche durch ow frische Natürlichkeit der Schilderung des Kleinlebens ungemein fesselt. Im praetischen Theil dürfte die gastronomische Plauderei über den Fasan in jetziger Saison der Gesellschaftsmahle allgemein willkommen sein. Allerlei Neuheiten für Küche und Haus",Rotizblätter für die Haus- wirthschaft" vervollständigen diesen Theil der Zeitschrift, die außerdem in der Bunten Zeitung noch^eine Fülle des Interessanten bietet; u. A. Eine Erinnerung zum 100jährigen Geburtstag von Annette von Drope- Hülshoff, von Anna Wendland.Für die Winterabende"; $etu'=' zweige für Frauen rc. rc. Probehefte dos allen Frauen aufs roatnt|ie su empfehlenden Blattes versendet die Verlagshandlung von Mas Pasch, Berlin 8W., Ritterstr. SO, gratis. ^Preis des Heftes 25 Plg>> vierteljährlich Mk. 1,50.)

Redaction: SL Echeyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in ®tefcen.