Ausgabe 
11.11.1897
 
Einzelbild herunterladen

526 ;

grauen Mantel des Jncognitos schlüpft, nur mit dem Unter­schied, daß der Prinz dabei lediglich einer fröhlichen Laune folgt, während Wulff-Dietrich, der künftige Majoratsherr und Erbe von Millionen, besorgt rechnen muß, wie er am besten und practischsten mit seinen spärlichen Mitteln haus­halten kann. Wie sollte er sich aber nennen?

Nach seiner Oberförsterei Raucnstein?

Nein, diese dürfte allzu bekannt sein und ihn verrathen.

Er warWulff-Dietrich Hellmuth Carl von Niedeck" getauft, anstatt sich wie sonst der beiden ersteren Taufnamen zu bedienen, sollten nun die beiden letzteren seine Reise­gefährten sein.

Forstasseffor Carl Hellmuth" wollte er sich nennen, falls er benöthigt wäre, überhaupt einen Namen bekannt zu geben.

Er lachte hell auf bei diesem Gedanken, und die Vogel jubilirten und zwitscherten über ihm im grünen Gezweig, als freuten sie sich mit ihm, als wollten sie voll glückseliger Lenzeslust dem jungen Herrn dieses Waldes eine glückliche Reise wünschen!

* * *

Vor dem Schloßportal von Niedeck scharrten die Rappen ungeduldig den feinen Kies, während eifrige Dienerhände beschäftigt waren, das Handgepäck, welches die gräfliche Herrschaft mit sich zu führen pflegte, in der Equipage unterzubringen. Im einfachen, aber sehr eleganten dunkel­blauen Reisecostüm stand Pia von Nördlingen an der Stein­mauer der Terrasse und blickte noch einmal mit schwärmerisch entzücktem Blick über das reizende landschaftliche Bild, welches sich vor ihren Augen entrollte, und ein Gedanke, welcher ihr in letzter Zeit das Herz schwer gemacht hatte, kam ihr auch jetzt und umflorte ihren Blick.

Jetzt, seitdem sie Niedeck kennen gelernt und mit Herz und Seele dem Zauber dieses herrlichsten aller Besitze ver­fallen war, jetzt erst empfand sie voll und ganz, welch ein unsagbar großes Opfer ihr Wulff-Dietrich gebracht hatte.

Wie schwer muß es einem Manne fallen, solch ein Erbe in Besitz zu nehmen, täglich die zauberische Schönheit solcher Heimath zu sehen und sie den och allein und einsam genießen zu müssen, ohne eine Gattin, welche mit ihm dieses Glück genießt, ohne ein Kind, welchem er alle Pracht und Herrlichkeit einst hinterlassen könnte, und warum?

Nur darum, weil er zu edel und hochherzig gewesen war, um über ein gebrochenes Herz in dieses Paradies zu schreiten.

Ach und wenn er gar ahnte, daß dieses gebrochene Herz nie existirt hätte, daß derAndere" nur eine Marionette ohne Fleisch und Blut war, welche in der kleinen Comödie, welche ihm der empfindsame Stolz und Trotz eines Mädchen­herzens vorspielte, nur ihre wirksame Rolle vertreten mußte!

Pia empfindet ihren Betrug von Tag zu Tag peinlicher, und je mehr sie sich überzeugte, daß Graf Wulff-Dietrich jedes Mittel verschmähte, um sie zu einer Heirath zu zwingen, umsomehr imponirte er ihr und ward zu einer Edelgestalk, welche lebhafte Phantasie gar zu gern mit allen Tugenden schmückt. Das junge Mädchen wunderte sich im Stillen, daß Tante Johanna ihre Absicht, Graf Wulff nicht zu heirathen, auf das lebhafteste unterstützte. Seltsam, warum das?

Das ganze Benehmen und Wesen der Tante bewies es ihr, daß sie nach wie vor ihrem Herzen in zärtlichster Liebe nahe stand.

Johanna liebte Schloß Niedeck ebenso schwärmerisch wie Pia was wäre da wohl natürlicher gewesen, als daß sie sehnlichst gewünscht hätte, die Nichte dereinst als Herrin all dieser Pracht zu sehen, einer Pracht, welche die eigene Tochter Kränzchen ja doch nun und nimmer erben konnte.

Der größte Theil des Baarvermögens ging auf Fränzchen über und machte sie zu einer sehr reichen Erbin, das Majorat aber mußte an den nächststehenden männlichen Erben fallen.

Warum redete ihr Tante Johanna also so dringend ab den künftigen Majoratsherrn zu freien?

Hoffw sie vielleicht auf eine Ehe zwischen ihm und Fränzchen? Sie sind ja Vetter und Cousine zweites Grades, und solche Ehen unter Verwandten sind niemals günstig, auch ist ein solcher Gedanke wohl gänzlich ausgeschlossen, wenn man Onkel Willibalds Gesinnung kennt.

Ganz betroffen hat Pia einem Ausbruch seines leiden­schaftlichen Hasses, welchen er gegen Rüdiger hegt, gelauscht.

Das gutmüthige, glückstrahlende Gesicht des alten Mannes hatte sich zum Erschrecken verändert, als er von demteuf­lischen Anschlag dieses nichtswürdigen Schuftes" sprach!

Ihn, den geistig vollkommen Gesunden, hatte der liebe Vetter in ein Irrenhaus sperren wollen, um das Majorat um etliche Jahre früher an sich zu reißen!

Was war das anderes als ein Mord, ein lebendiges Begraben? und nur um des elenden Geldes willen!

O, das gedenke ich ihm! und diese Stunde soll er mir noch entgelten!" hatte er voll glühenden Rachedurstes hinzugefügt und dabei leuchtete etwas in seinen Augen, das glich einem stolzen, sicheren Triumph.

Pia begriff diesen Haß- aber sie verstand es nicht, daß Tante Johanna lieber eine Fremde hier in dem Schlosse schalten und walten sehen wollte wie die so innig geliebte Nichte.

Oder wollte Willibald dadurch dem Neffen die vor­schriftsmäßige Heirath unmöglich machen, damit Graf Rüdiger den Schmerz erleben müßte, das Majorat doch nur als leihweises Gut" in den Händen des Sohnes zu sehen?

Das würde Wulff-Dietrich immerhin doch schmerzlicher noch empfinden wie der Vater, und er verdiente doch keine Rache und Strafe, er war ein vortrefflicher, braver Mann, für den Pia beinah anbetende Verehrung empfindet!

Der Sohn soll und darf nicht für die Schuld des Vaters büßen, das zu verhindern, wird der Dank sein, mit welchem sie ihre Schuld gegen ihn bezahlt!

Wie viel Pläne und Ideen schwirren durch ihr Köpfchen! Am besten deucht ihr der Gedanke, später noch einmal in die Residenz zurückzukehren später, wenn jede Heirathsidee von den Eltern aufgegeben ist, wenn sie selber die Braut oder Gattin eines Anderen geworden, und eine Audienz bei der Herzogin nachzusuchen.

Sie will alsdann der hohen Frau Alles beichten, will ihr das Herz ausschütten und die Schuld bekennen, welche sie gegen Wulff-Dietrich verpflichtet. Eine moralische Schuld. Sie war die Einzige, welche er heirmhen durfte, und sie wies ihn zurück. Sie hatte sich einem Anderen verlobt und der Graf ist selbstlos zurückgetreten, seine eigenen Interessen ihrem Glück zu opfern.

Sein Edelsinn muß belohnt werden.

Der Herzog wird zweifellos die Macht besitzen, die fatale Heirathsclausel in der Erbfolge der Niedecks abzu­ändern, da sie nicht mehr zu erfüllen ist- ehemals kannte man nur das kleine, enge Vaterland zwischen den herzoglichen Grenzpfählen, jetzt ist Deutschland wieder zu einem einzigen großen Vaterland verschmolzen, und darum müssen die Niedecks auch berechtigt sein, in dieser ganzen, deutschen Heimath nach einer Gemahlin zu suchen, welche sechszehn Ahnen aufweisen kann.

Das wird alsdann nicht schwer fallen, und Gras Wulff- Dietrich kann sich eine Braut nach seinem Herzen wählen.

Pia hat mit dem Eifer und der Phantasie eines Kindes diesen Plan ausgedacht- sie macht sich nicht klar, daß wohl die Niedecks selber derartige Schritte thun würden, läge die Erfüllung ihrer Wünsche in dem Bereich der Möglichkeit.

Sie lebt sich in den schönen Gedanken ein, und be­schwichtigt mit demselben jede Regung des Mitleids, welches sich in ihr Herz einschleichen will.

--