Ausgabe 
11.11.1897
 
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Gegenliebe bei mir, denn ich Haffe die verdammten Schmöker! Geh mal ein bischen zur Seite, Pia, daß ich die Fenster - spiegel sehen kann!"

Wozu das?"

Fränzchen grunzte vor Vergnügen:Ich lauere hier auf Kielmann, der den Frühstückstisch auf der Terrasse deckt, wenn er das nächste Mal kommt, bringt er die Platte mit Fleischklößen welche ich nicht mehr ausstehen nicht mehr riechen kann!"

Nun und?"

Wenn er unter dem Fenster ist, schmeiße ich den Blumcnpott runter--wetten, daß Kielmann vor Schreck

sammt seinen Klopsen auf der Erde sitzt?"

----Und dieses Fränzchen war fünfzehn, ja sechzehn Jahre alt!

Auch jetzt blickte Pia der so stürmisch nahenden Base mit berechtigtem Mißtrauen entgegen. Fränzchen warf die langen Arme fuchtelnd durch die Luft, um sie einen Augen­blick später in wildem Anprall um Fräulein von Nördlingens schlanke Gestalt zu schlingen.

Gleichzeitig küßte Fränzchen mit derbem Schmatzen die zarten Wangen ab.

Aber, Kind! Du reißt mich ja um!" wehrte sich Pm athemlos:Und wie oft habe ich Dir schon gesagt, daß ich die greulichen Küsse nicht leiden mag--"

Na, dann soll dies der letzte für heute fern!" lachte Fränzchen und leckte mit der Zunge behaglich über die Lippen, wie eine, der es recht gut geschmeckt hat.Warum stehst Du hier so alleine?" .

Ich warte auf Deine Eltern und Dich! Dre Wagen stehen längst bereit."

Weiß ich! Famos, daß es wieder los geht! und Gott sei Dank ohne die Schulbücher! Siehst Du, darum möchte ich vor Vergnügen gleich Purzelbock schießen, wenn es man bloß passend wäre!"

Und Fränzchen schwang sich stattdessen auf die Ballustrade und baumelte mit den Füßen.

Wie Alles an ihr, war auch die Stimme ein Erbtheil des Vaters, ebenso rauh und tiefklingend, ebenso unmelodisch wie die seine.

Wo hast Du Deinen Hut, Du Wildfang? willst Du vielleicht barhäuptig abreisen?"

Am liebsten thäte ich's! Das komische Dmg aus dem Kopfe genirt mich ja nur! Himmel, wenn ich solch eine Staatskarnette mit Bindebändern aussetzen sollte, wie I Mama! Oder solch einen Wandteller mit Federbüschen, wie j Du! Gräßlich, ich glaube, die Feuerglocken stürmten, wenn ich so antreten würde! Aber komisch, Dir steht das Ungeheuer brillant! reizend! wie ein Rittersräulein stehst Du aus, einfach zum Verlieben! Komm, gieb mir noch einen Schmatz!"

Pia lachte und flüchtete zurück.

Ich glaube, Du bist über den Frühstückswein gerathen, Fränzchen! Jedem Primaner würden Deine verliebten Augen Ehre machen! bitte, verschone mich mit Deinen Zärtlich­keiten!, Du weißt, daß ich sie absolut nicht leiden mag!"

Comteßchen war gar nicht beleidigt. Sie verschränkte die großen, grobknochigen Hände auf dem Rücken:Magst | Du mich nur darum nicht küssen, weil ich ein Mädchen bin?

fragte sie mit viel Interesse!Findest Du meine Zärtlich­keit nur darum langweilig? Und würdest Du sie lieber mögen, wenn ich anstatt einer garstigen Cousine ein flotter Vetter wäre?"

Pia erröthete und zog die dunklen, femgeschwungenen Brauen ärgerlich zusammen:Wie kannst Du nur so albern reden! Solche Gedanken passen sich noch gar nicht für em so junges Mädchen!"

(Fortsetzung folgt.)

Capitel 13.

Den Feind zu überlisten, dazu gehört nicht viel! Ich hab mit ersonnen ein lustiges Possenspiel! Ich schaff' mir anderen Namen, schaff mir ein falsch Gesicht Und kreuzt er meinen Weg alsdann, er kennt mich nicht.

Aus dem Fastnachtsspiel von Meister Lenz.

Als Pia noch immer in Gedanken versunken an der | Ballustrade lehnte, hörte sie plötzlich schnelle, sehr kräftig I stampfende Schritte hinter sich und wandte jählings das Haupt.

Ein junges Mädchen, schwankend zwischen Fräulein und Backsischchen, kam in grotesken Sprüngen, welche jedweder Grazie entbehrten, über die Steinterrasse herangaloppirt.

Kurzgeschnittenes, dunkles Haar sträubte sich mehr, als daß es sich lockte, um die mächtige, viereckige Stirn, unter welcher eine nicht allzukleine Nase kühn in die Welt hinaus­strebte. Große, sehr lebhafte Augen schauten frech wie bei einem kleinen Spatz der reizenden Cousine entgegen, und aus dem Mund, welcher in fröhlichem Lachen ungeheuere j Dimensionen annahm, blinkten zwei Rechen schneeweißer, kerngesunder Zähne. Fränzchen, Gräfin Niedeck!

Nein, schön konnte man Comteßchen nicht nennen, es würde ein directer Mißbrauch des Wortes gewesen sein!

Ihre ganze Figur war eckig, ungraziös, stets in sicht- | lichem Kampf mit den einzelnen Gliedern begriffen, dabei i sehr stämmig nnd robust, ohne merkliche Spur von Taille und ohne jedwede Anzeichen weiblicher Anmuth und Sanftheit.

Der rüpelhafteste Bengcl würde in Gräfin Fränzchen sein täuschendes Ebenbild gefunden haben, und doch lag auf den derben, häßlichen Gesichtszügen, welche unv.rkennbare Aehnlichkeit mit Graf Willibald zeigten, ein kindlich strahlender, frohsinniger und herzensguter Ausdruck, daß man dem kleinen Fräulein gern die größten Unannehmlichkeiten verzieh, wenn man in die schalkhaften Aeuglein blickte.

Alle Kleidungsstücke, so elegant und chic sie auch die ersten Confectionshäuser lieferten, hingen wie geborgt um | Comteßchen herum, oder spannten in so ungebührlicher Weise, daß sie binnen kurzer Zeit aus allen Nähten platzten.

Die Gräfin-Mutter, welche noch immer das Töchterchen allein und eigenhändig jeden Morgen ankleidete, lachte dazu.

Ja, was soll ich mit dem Wildfang beginnen, liebe Pia! ziehe ich ihr Kleider an, welche nach unseren Begriffen gut sitzen, so stöhnt sie, die Engigkeit sei nicht zu ertragen, und bei den ersten Turnübungen krachen alle Nähte; also lasse ich die Kleider so weit wie Säcke anfertigen, damit die kleine Hexe Platz hat, sich auszutoben!"

Ja, das Austoben besorgte Fräulein Fränzchen gründlichst. Die langenSchlumperkleider" genirten sie sichtlich und oft überraschte sie Pia, wenn sich die Kleine damit amüstrte, in wilden Sätzen und Sprüngen die Röcke zu schwingen, wie Kinder, welche sich aus dem Kleidcrschrank der Mutter costümirt haben. Das Lernen schien die junge Dame auch nicht sehr zu entzücken.Mit Gouvernanten drangen wir schon gar nicht mehr bei ihr durch" ent­schuldigte Tante Johanna mit beinah verlegenem Lächeln, als Pia überrascht den Hauslehrer anblickte!Da haben wir uns einen energischen, tüchtigen Pädagogen zu Hilfe geholt! und nun geht es etwas besser mit dem Studiren, wenngleich der Herr Candidat recht ungern daran denkt, Ferien geben zu müssen." Dennoch war Fräulein von Nörd­lingen überrascht, wie viel das arme Fränzchen lernte.

Ja, sie überraschte die Kleine sogar einmal bei lateinischen Vocabeln.

Aber, Coustnchen, wozu braucht ein junges Mädchen denn Latein zu lernen?!"

Fränzchen johlte auf und warf in einer Anwandlung hoher Lustbarkeit die Beine in die Luft, daß die Füße momentan auf dem Tisch ruhten.

Ja, weißt Du, mein Vater will's mal so! Ich glaube, er will sich der Frauenbewegung anschließen und mal ein Fräulein Doctor aus mir machen! Na, da findet er keine