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„Der Mörder!" rief sie voll Grauen und versuchte zu fliehen, doch ihre Füße waren wie gelähmt.
„Still!" raunte ihr eine Stimme zu. „Ich bin kein Mörder." Es waren englische Worte.
„Wer sind Sie?" fragte Bella, roch immer voll Schrecken. Der Mann näherte sich einige Schritte.
„Erkennen Sie mich?" antwortete er in gedämpftem Tone. „Ich war der Leibwächter des Rajah, ich habe Sie schon in England gesehen und bin hier Führer der Palastwache. „Wenn Sie wollen, rette ich Sie!"
Bella erkannte jetzt den Sprechenden, sie wurde ruhiger.
„Darf ich Ihnen vertrauen?" fragte sie. „Wollen Sie mich nicht zum Tode führen?"
„Ich schwöre, daß ich Sie retten will!" erwiderte er. „Sie dauern mich, weil Sie so jung und schön sind. Aber cs ist keine Zeit zu verlieren. Ich habe die Wache zur Feier des Durgafestes trunken gemacht, jetzt schlafen sie alle. Wenn sie aufwachen, ist es zu spät, und morgen sind Sie verloren, Unglückliche!"
„Aber was soll ich thun?" fragte Bella mit stockendem Athem.
„Fliehen, so schnell als möglich! Ich führe Sie sicher hinaus. Die Straßen sind wegen des Festes noch voll Menschen. Da geht man unbemerkt. Ich weiß, daß heute der Missionar gekommen ist, den der Rajah gerufen hat. Er rastet in der Herberge vor dem Thore. Zu dem bringe ich Sie. Weiter kann ich nichts thun."
Bella war tief ergriffen vom Opfermuthe des jungen Kriegers. Der Drang nach Freiheit besiegte in ihr alle Bedenken.
„Ich vertraue Ihnen," sagte sie hastig. „Führen Sie mich!" Sie hüllte sich in ihren Staubmantel.
„Einen Schleier über den Kopf, dicht über das Gesicht!" bat er. „So, nun leise, keinen Laut!"
Fast unhörbar gelangten Beide aus dem Palaste, durch die schlafenden Wächter, über die weiten Höfe, in die belebten Straßen, wo die Menge wilde Orgien feierte, in die stillere Vorstadt und auf die ganz verödete Landstraße. Die Pilgerherberge wurde glücklich erreicht. Der Missionar war der einzige vorhandene Gast, er saß noch wach, lesend bei einer dürftigen Lampe. Erstaunt blickte er auf die Eintretenden.
„Jetzt sprechen Sie selbst! Ich muß fort! Wenn man mich entdeckte, müßte ich sterben!" sagte der Indier und wollte enteilen.
„Noch einen Augenblick," bat das junge Mädchen. „Es ist mir schmerzlich, Ihnen nicht nach Gebühr für Ihre edle That danken zu kännen! Doch halt! eins kann ich thun!" Sie nahm rasch die kostbare Perlenkette vom Halle, die ihr Neva vom Rajah Gora gebracht hatte, und schlang sie dem jungen Athleten um den Hals. „Nehmen Sie dies zum Andenken! Ich werde Ihrer nie vergessen!"
Er beugte sich tief herab und drückte den Saum ihres Mantels an seine Lippen, dann entschwand er.
Der Missionar blickte noch immer in stummem Staunen auf die verhüllte weibliche Gestalt. Bella warf jetzt den Schleier zurück und redete. Deutsche Worte drangen zum Ohr des frommen Gottesstreiters. Hastig, in kurzen Zügen, schilderte ihm Bella ihre Erlebnisse. Er faltete unwillkürlich die Hände und nur mit einzelnen Ausrufen der Verwunderung und des Mißmuthes unterbrach er den Strom ihrer Mittheilungen. Zuversicht aber war es nicht, was sich in seinem Gesicht ausprägte, als sie geendet hatte.
„Ich bin schon bestürzt genug gewesen," sagte er, „als ich heute bei meiner Ankunft das plötzliche Ende des Fürsten erfuhr, der unserer Mission wohl wollte und europäischer Cultur zustrebte. Was Sie mir erzählen, bestätigt nur meine Befürchtungen über seinen Nachfolger. Gott weiß, was mir von den Fanatikern beschieden ist. Doch ich bin ja den Fanatismus der Hindu bereits gewohnt. Nur weiß ich nicht, wie ich, der Hilflose, Ihnen weiterhelfen soll.
Denn es ist offenbar, daß man bei der Entdeckung Ihrer Flucht nach Ihnen suchen, Sie verfolgen wird. Auch das Leben der Wächter ist vielleicht gefährdet. Doch ja, es giebt möglicherweise einen Ausweg aus der Noth! Der deutsche Forschungsreisende, welcher hier ist, könnte sich Ihrer Rettung annehmen. Er wollte das wilde Treiben in den Straßen Jeypurs sich ansehen und ich vermuthe, daß er bald in die Herberge zurückkommen wird."
Während Beide noch sprachen, wurden Schritte vernehmbar.
„Verbergen Sie sich schnell!" flüsterte der Missionar. „Es könnten Verfolger nahen! Hier, hinter diese Matte!"
Bella that, wie ihr geheißen wurde. In wenigen Augenblicken hörte sie Jemanden eintreten und sprechen, und bei den Lauten dieser Stimme zuckte sie zusammen.
„Es waren krause Bilder der Volkstollheit, die ich gesehen habe," hörte sie sagen. „Doch was ich erfahren habe, zwingt mich, morgen in aller Frühe weiter zu ziehen."
„Wieder zurück?" fragte der Missionar.
„Nein, nach Norden zu," antwortete der erste Sprecher.
„Ich hörte, daß gestern eine englische Dame in dieser Richtung abgereist ist, und deren Spuren will ich möglichst rasch folgen. Hoffentlich erreiche ich sie endlich!"
„Da würden Sie sich einen Gotteslohn erwerben, wenn Sie eine andere Dame in Ihren Schutz nehmen wollten," versetzte der Missionar.
„Eine andere Dame?"
„Jawohl. Keine Engländerin, sondern eine deutsche Landsmännin, die auf der Flucht ist."
„Landsmännin? Auf der Flucht, wo befindet sie sich denn?" fragte der Reisende verwundert und gespannt.
„Sie ist hier," sagte der Missionar und hob die Matte zur Seite.
Bella trat hervor. Der Reisende blickte mit weitgeöffneten Augen wie auf eine Wundererscheinung.
„Bella!" schrie er auf. „Bella Kranzler! Theuerste Freundin!"
Er eilte auf sie zu und streckte die Arme nach ihr aus. Sie blieb unbeweglich stehen.
x „Ich bin es," erwiderte sie befangen, mit fibrirender Stimme. „Sie, Herr Fendler, erwartete ich hier nicht zu treffen."
„Aber ich, Bella, ich! Ich bin ausgezogen, Sie zu suchen! Ihr Vater theilte mir Ihre Adresse mit. In Puri forschte ich aus, daß zwei europäische Damen ins Innere gereist seien. Auf gut Glück schlug ich dieselbe Richtung ein, immer, bis nach Jehpur, konnte ich den Spuren folgen. Dank dem Allgütigen, daß ich Sie gefunden habe! Ich fühle mich reich belohnt!"
Bella wurde durch den freudigen Ton, den Arno Fendler anschlug, in ihrer Ansicht über ihn irre.
„Sie sagen, daß Sie mich hätten suchen wollen," erwiderte sie gemessen. „Wie geht das zu, da Sie doch verheirathet sind?"
„Ich verheirathet? Mit wem?"
„Nun, mit Röschen Pfeil."
Er lachte, trotz des Ernstes der Situation.
„Mit dem Moos-Röschen? Aber die wartet ja noch immer auf Einen, der ihrer würdig ist! Wer hat Ihnen dies Märchen ausgetischt?"
„So ist es nicht wahr?" fragte Bella, mehr bestürzt als freudig.
„Ich wiederhole Ihnen, es ist ein Märchen," antwortete Fendler.
Bella empfand es wie eine tiefe Beschämung, daß alle, nst bis zur Tragik gesteigerten Folgen ihrer Entfernung aus England ihrem Glauben an Sallys Brief entsprungen waren. Sie verschob die näheren Mittheilungen auf eine gelegenere Zeit. Arno, der nun in ihren Augen völlig rehabilitirt war, erzählte noch, daß der alte Fürst in Hamburg zu seinen Vätern versammelt sei, daß sein Nach-


