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gehen sollte.

V.

O, Welt! O, Leben!

Er stöhnte auf, und der Bürgermeister, der bisher eifrig auf den menschenleeren Marktplatz hinausgesehen, wandte sich um.

Bitte, feilt Wort mehr darüber," sagte er mit einer majestätischen Handbewegung.Die Sache ist zn allseitiger Befriedigung geordnet, wird nun todtgeschwiegen. Eine kleine Schuld trifft uns ja auch dabei, gleich nach ihrem Hierherkommen hätten wir die Verlobung verkünden sollen, Ihnen und Alma wäre viel unnöthige Aufregung erspart geblieben. Doch nun noch eins. Wann gedenken Sie zu

Auf diese Weise kann es nicht weiter gehen, mein Herr Doctor, für jeden unbeschäftigten Arzt ist es von äußerster Wichtigkeit, sich durch sein Verhalten, durch seine ganze Persönlichkeit Vertrauen im Publikum zu erwerben, und Sie thun seit einiger Zeit Alles, um das Gegentheil zu bewirken. Ruhig, nicht auffahren! Ich bin weit davon entfernt, Ihnen eine Moralpredigt zu halten, wir Männer I denken in gewissen Dingen vorurtheilsfreier wie die Weiber, obgleich ich, im Hinblick auf meine beleidigte Tochter eigent­lich anders mit Ihnen sprechen sollte. Ein kleiner Seiten­sprung vor der Hochzeit, damit kann man immer später noch ein guter Ehemann werden. Eine Bagatelle, die man am I klügsten thut, nicht zu einer Staatsaetion aufzubauschen. Die Baronin ist ein apartes, geistvolles Weib, etwas ver­blüht zwar, aber immer noch reizend genug, um die Fantasie I zu fesseln. Sie glücklicher Schmetterling haben jetzt aber lange genug diese späte Rose umflattert. Jetzt hat diese Sache ihr Ende- jetzt ist es genug."

Der Herr Bürgermeister, der während dieser Rede, die Hände in den Taschen, mehrmals die Länge seines Arbeits- I zimmers durchschritten, blieb nun vor dem Doetor Senglin stehen, der mit der Miene eines Schuldbewußten in der Ecke des harten Ledersophas saß. I

Ich denke, Sie wissen jetzt, woran Sie mit mir sind," begann er von Neuem.Größerer Nachsicht werden Sie nirgends begegnen, aber nun wünsche ich auch, daß Sie Farbe I bekennen - das sind Sie sich und auch uns schuldig." Auf die letzten Worte hatte er besonderen Nachdruck gelegt, und als er seine Wanderung wieder aufnahm, bewies seine stramme Haltung, daß er nicht gesonnen sei, mit sich spaßen zu lassen. I

Je mehr der Bürgermeister den Kopf hob, je mehr fiel Walter Senglin in sich zusammen. Er dachte an allerlei unangenehme Dinge, an verschiedene schriftliche Verpflichtungen, die wohlverwahrt in dem Pult des rechtskundigen Schwieger­vaters ruhten. Ebenso leichtsinnig hatte er sie damals ge­geben, wie er jetzt das Verhältniß mit Therese angeknüpft. Alma mit ihrem rosigen Gesichtchen und ihren kleinen I Koketterien gefiehl ihm, die Eltern schienen geneigt, die weitgehendsten Opfer zu bringen. Schlinge fügte sich an Schlinge und ehe er es gedacht, war eine Kette daraus ge­worden. Sorglos hatte er dahin gelebt, es angenehm und bequem gefunden, auf diese Weise zu Frau und Praxis zu kommen. Wer konnte auch ahnen, daß er später Derjenigen begegnen würde, die alle Gluthen leidenschaftlicher Liebe in seiner Brust entsachte. Was sollte daraus werden?

Leise fröstelnd erhob er sich. Ihm blieb wohl keine Wahl. In jedem Fall stand er als wortbrüchiger Schurke da. Therese war gefeffelt, galt ror dem Gesetz wenigstens als eine verheiratete Frau, und anderseits lag seine ganze Existenz in des Bürgermeisters Händen. Hatte dieser nicht eben noch betont, daß eines jungen Arztes Hauptpflicht es sei, auf sein Renommb zu achten. Wenn er sich hier unmöglich gemacht, folgte ihm dann nicht der Ruf als Libertin in die Welt hinaus, ihm überall Achtung und Vertrauen raubend.

Daun ging sie mit leisen Schritten durch das stille Haus in des Onkels Zimmer und beugte sich über den bewußt­losen Greis.

Die schlafende Wartefrau in ihrem weichen Polsterstuhl merkte nichts von ihrer Anwesenheit.

Innig küßte sie die welke Hand, die so oft liebkosend auf ihrem Scheitel geruht.

Wenn Du Alles wüßtest, würdest Du mich segnen, Du Gütiger," flüsterte sie.Dir geschieht ja kein Unrecht. Du wolltest gewiß nicht, daß ich ganz glücklos durch's Leben

heirathen?"

Als ob man mit siedendem Wasser ihn langsam verbrühe war ihm zu Muth, und doch hieß es unter den scharf be­obachtenden Blicken den letzten Rest von Muth zusammenraffen.

Wenn Sie meinen, daß mein kleines Einkommen für einen Hausstand ausreicht, wohl noch in diesem Jahr," sagte er, vergeblich hoffend, der Boden unter ihm würde sich öffnen und ihn verschlingen.

Das wird fid) einriditen lassen, einige Fixums stehen noch in Aussicht, später fällt Ihnen Doetor Borrmanns Praxis doch von selbst zu- mit den Füßen will es doch immer noch nicht recht gehen. Und bis dahin zahle ich der Wirthschaftskasse einen kleinen Zuschuß- ich habe ja nur das einzige Mädel."

Walter verbeugte sich, etwas von außerordentlicher Güte und Fürsorge murmelnd. Der Bürgermeister rieb sich die starkknochigen Hände, ein Zeichen seiner guten Laune. Dann setzen wir den Hoebzeitstermin zum Frühherbst fest, hoffentlich brauchen wir ihn nicht zu verschieben," meinte er. Was Wohnungs- und Ausstattungssrage anbetrifft, darüber müssen Sie mit meinen Damen eonferiren."

Festen Griffs hatte er die Thür des Nebenzimmers geöffnet, und Walter sah sich plötzlich einem verlockend arrangirten Theetisch und Alma, die sich erröthend von ihrem Fensterplatz erhob, gegenüber.

Das Helle Sommerkleid, das weiße Spitzengrnndichurzchen, die Sammetschleife im Haar, Alles Paßte so gut zusammen, stand dem zierlichen, blonden Mädchen so allerliebst, daß Walter es sich ehrlich gestehen mußte, daß ein Manu zu solch einer Braut sich nicht zwingen zu lassen brauche.

Nur heiter verlebter Stunden an ihrer Seite erinnerte er sich in diesem Augenblick. Jedem tiefen Gedanken, jeder ernsten Stimmung wich sie gefliffentlich au§, und leichtherzig wie er war, wußte er es ihr Dank, daß sie ihn nicht mit I Thränen und Vorwürfen empfing, sondern, als ob sie sich gestern in aller Herzlichkeit von ihm getrennt, freundlich sagten

Gertrud Dohms, die Freundin, bei welcher wir uns in Berlin kennen lernten, hat mir heute ihre Photographie geschickt, ich möchte sie Ihnen gern zeigen, Walter.

Fräulein Dohms war sehr gut getroffen, und daran knüpfte sich die Bemerkung, daß Alma auf ihrem letzten Bilde eigentlich ganz unvortheilhaft aussehe. Die Stellung sei gezwungen, das Kleid zn hell.

Das mütterliche Album ans rothem Sammet mit Elfenbeinbeschlägen wurde geholt, Walter zog aus stmer Brieftasche eine frühere Photographie Almas hervor. Beide Bilder wurden verglichen. , ,

In Berlin wollte sie es bald noch einmal versuche»^ hieß cs.Aber im Hut und schwarzen Sammetrackchen, bat er,das sei sein Lieblingsanzug. Alma nickte, und a Mama Bürgermeister erhitzt aus der Küche hmem ' hinter sich das Mädchen mit einer mächtigen Schlufiet g° fottener Krebse, da glaubte sie sogar leises Lachen geq zu haben. Alma hatte eben dem Doetor Fraulem Mmche Portrait, im graßcarrirten Kleide, das Strickkörbchen

Krebse, ich weiß, daß Sie die gern essen, langen S nur tüchtig zu," errnuthigte die Hausfrau. _ .

Es war sein Lieblingsgericht. Wie Treun^*' J man hier, wo er doch gerade die Ursache 8um ® 9b Jte. gegeben, so aufmerksam seiner kleinen Neigungen 9

Alma mit ihren weißen Händchen brach auf und legte den leckeren Inhalt auf seinen Te war Alles so zierlich und appetitlich an ihr, uno