Ausgabe 
11.3.1897
 
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buhler meines späteren Mannes war. Er hatte mich darum gebeten, um die Erinnerung an alte schöne Zeiten auf­zufrischen. So gab ich denn einen halbe» Tag d'ran und wartete in großer Spannung auf der betreffenden Station. Für den großen, statilichen, schönen Mann hatte ich immer ein gewisses Interesse gespürt und freute mich, ihn wieder­zusehen. Man erinnert sich ja doch so gern an die Jugend, die schöne Jugend. Aber ich warte und warte, mein Ver­ehrer kommt nicht, so daß ich schließlich so ein armseliges, altes, kleines Männchen, das durch den Wartesaal humpelt, nach dem Zuge aus Neustadt frage.Der Zug ist schon da," sagt das Männchen,ich bin ja damit gekommen- aber können Sie mir nicht sagen, ob der Berliner Zug schon vorüber ist?"O schon sehr lange," sag' ich,ich komme ja aus Berlin und erwarte Jemand aus Neustadt."Einen Herrn?" fragt da der Alte ganz komisch.Freilich! Einen großen, stattlichen, älteren Herrn, mit dem ich mich hier verabredet habe." Da macht der Mann große Augen. Sie sind doch nicht Frau Lemke aus Berlin?" fragt er. Das ist ja gar nicht möglich."Allerdings bin ich das!" hab' ich geantwortet und bin aufgestanden.Hat Sie viel­leicht der Forstrath Nebbelmeyer geschickt? Das thut mir aber leid, daß er nicht selber kommen kann."Nicht selber?!" sprudelt's nun aus dem Alten heraus.Ich bin's ja! Ich bin ja der Forstrath Nebbelmeyer!" Da haben wir uns gegenüber gestanden, uns Beide angeschaut und eine ganze Weile kein Wort hervorgebracht.Das ist ja un­möglich!" hab' ich schließlich auch gesagt.Herr Nebbel­meyer war doch ein so stattlicher, flotter Herr" Na, da hab' ich's aber bekommen!Ja, was glauben Sie denn?" hat er gesagt.Ich finde auch nicht eine Spur mehr von früher in Ihnen. Wo sind Ihre schönen feurigen Augen geblieben,* diese wunderbaren Augen, wo sind sie? Und Ihr üppiges, blondes Haar, die ätherische Gestalt, nein, Sie tauschen mich! Sie können nicht Frau Lemke sein!"Und Sie können nicht der stattliche junge Nebbel­meyer sein!" ist es mir herausgefahren. Da hat er sich einen Augenblick besonnen, hat fein gelächelt und dann gesagt: Der Junge nun gerade nicht mehr, ich bin neunundsiebzig" Und ich siebenundsechzig," hab' ich geantwortet. Da ist es uns klar geworden, was so ein halbes Jahrhundert be­deutet und daß es thöricht war, uns so falsche Vorstellungen zu machen und so falsche Erwartungen zu hegen. Das Leben ist halt unerbittlich und wir dürfen nicht mehr vom Leben verlangen, als es bieten kann. . . . Und nun muß ich nach Haus, es wird kalt und ich bin eine alte Frau."

Damit erhob sich Frau Lemke und auch die Männer standen auf. Der Blinde war nachdenklich, als er, den Arm in den seines Schwiegervaters gestützt, neben der alten Frau dahinschritt. Aber wenn auch nachdenklich, so sah er doch nicht unglücklich aus.

Auf der Straße trennten sie sich.Der Himmel ist klar," sagte die alte Frau,Millionen und aber Millionen Sterne scheinen herab. Das bedeutet gut Wetter."

Auf gut Wetter!" meinte lachend der Blinde und drückte die Hand seiner Freundin.

Die beiden Männer kamen nach Hause. Die junge Frau trat ihnen entgegen.Hat es sehr lange gedauert, Liebste?" fragte der Blinde. Wie gut, daß er ihr ernstes, zurückhaltendes Gesicht nicht sehen konnte. So fuhr er fort: Du mußt schon entschuldigen, wir haben eine Bekanntschaft gemacht, eine Dame- aber Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein, sie ist schon siebenundsechzig Jahre alt."

Erstaunt sah die junge Frau auf ihren Mann. War es doch lange, lange her, .daß er so heiter gesprochen hatte. Eigenthümlich zog es durch die Seele der Vielgeplagten.

Die jungen Gatten waren allein. Nach längerem Schweigen begann der Blinde:Was ich sagen wollte, ich bestehe nicht darauf, hinauszuziehen in die Villa, wo es

so einsam für Euch wäre, die Ihr an das Leben der Stadt gewöhnt seid und Eure Freunde hier habt. Ich will mich wieder täglich meinem Geschäft widmen, mir über Alles Vor­trag halten lassen und die nöthigen Bestimmungen selbst treffen. Dann hab' ich weniger Gelegenheit, an mein Unglück zu denken. Ich glaube, das wird ganz gut sein. ... Wo liegt unser Kleiner? Schläft er ruhig? Für ihn wollen wir leben, wir haben ihn ja Beide so lieb, nicht wahr? Und für ihn wollen wir arbeiten . . ."

Der Blinde hatte die Hand seiner jungen Frau fest umfaßt, sie lehnte sich an ihn und weinte.

Siehst Du die Sterne?" fragte er.

Gewiß, Lieber!"

Erzähle mir davon!"

Und sie erzählte und Beide schwatzten und liebkosten sich, bis die Müdigkeit sie endlich überfiel.

Doch als die junge Frau in ihrem Bett lag, konnte sie nicht einschlafen. Sie setzte sich aufrecht hin, lauschte auf die ruhigen Athemzüge ihres Mannes und ihres Kindes und träumte mit offenen Augen vor sich hin von kommenden besseren Tagen.

Literarisches.

Deutsche Lttteraturgeschicht«. Von Dr. Paul Möbius. Siebente, verbesserte Auflage von Dr. Gotthold Klee, Professor am Gymnasium zu Bautzen. In Original-Leinenband zwei Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Dieser Band der Weber'schen Katechismen ist in Idee und Ausführung ein kleines Meisterwerk. Grundgedanke des ganzen Werkes ist: Das Studium der deutschen Dichtung ist eins der vorzüglichsten nationalen Bildungsmittel; warum es das ist und sein muß, legt ebenso eingehend als überzeugend ein vorzüglich geschriebener einleitender Abschnitt dar. In klarer, lichtvoller Anordnung folgt die historische Darstellung, unterstützt und farbiger gestaltet durch biographische Details, bibliographische Nachweise und Angabe der besten Ausgaben, alles knapp, gedrungen und doch ausreichend. Man sehe darauf die das Nibelungenlied, die höfische Epik, die Dichterschulen des 17. Jahr­hunderts , die Litteraturheroen Weimars betreffenden Paragraphen an. Liebevolles Eingehen erfahren die Dialectdichter und die häufig so stief­mütterlich bedachten Humoristen.

Das ff«lbSftL«dig< Erlernen fremder Eprachen wird wesentttch gefördert durch drei bei Rosenbaum und Hart in Berlin erscheinende ZeitschriftenLe Repfititeur, The Repeater undJ1 ripetitore. Die Methode derselben ist insbesondere geeignet, den Lesern in leichter Weise die Kenntniß der französischen, englischen resp. italienischen Sprache zu erschließen. Jedes fremde Wort hat unter sich das entspechende deutsche, sodaß das Unbekannte sofort auffällt und bei Wiederholung in Erinnerung gebracht wird, wodurch der Wortschatz sich vermehrt. Dieses ebenso einfache wie practische System wird glücklich unterstützt durch den fesselnden Inhalt dieser Blätter, der stets unterhaltend, anregend und belehrend ist. Die 14tägig erscheinenden Unterrichtsblätter sorgen außer­dem für die schon fortgeschrittenen Leser dadurch, daß sie allmonatlich eine Beilage mit nur fremdsprachlichem Text bringen, der behufs besseren Verständnisses Fußnoten erhält. Da bei diesen Vorzügen der Abonnements­preis ein überaus billiger ist, indem er pro Quartal für jede der drei Zeitschriften nur I Mark beträgt, so seien diese allen Freunden fremder Sprachen auf's Beste empfohlen. Abonnements werden zu jeder Zeit entgegengenommen.

Die wohlfeile Gesammtausgabe von Georg Ebers g «sammelte« Werke« (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt) bietet mit den Lieferungen 98 bis 105 den 25. Band dar, der dieGeschichte meines Lebens" umfaßt, jene anziehenden Aufzeichnungen, welche die Entwicklung des be­rühmten Dichters und Gelehrten von der Kindheit bis zum Beginn des Mannesalters schildern und neben den fesselnden persönlichen Erinnerungen manchen wichtigen Beitrag zur Zeitgeschichte bringen. Mit diesem Bande ist der ursprüngliche Plan ausgeführt, inzwischen hat aber Georg Ebers noch eine Reihe neuer Werke geschaffen, und die BezeichnungGesammt­ausgabe" wäre nicht zutreffend, wenn nicht auch diese hinzugefügt würden. Hierzu nun hat sich der Verlag auf Ersuchen zahlreicher Abonnenten ent- chlossen, und in weiteren 30 Lieferungen werden nunmehr die neuesten Schöpfungen des Dichters dargeboten. An den RomanKleop atra", der sich den berühmten ägyptischen Culturbildern anschließt, reihen sich die drei fesselnden Romane aus der deutschen Vergangenheit:Im Schmiedefeuer",Im blauen Hecht", undBarbara Blom­berg", letzteres. Werk ist erst zum vorigen Weihnachten erschienen, und hierzu gesellt sich noch das schalkhafte MärchenDie Unersetzlichen", das ernste Wahrheit mit launigem Humor verbindet. In Ausstattung, Umfang und Erscheinungsweise entspricht diese Fortsetzung durchaus den früheren Lieferungen. Bei diesem Anlaß sei darauf hingewiesen, daß Georg Ebers gesammelte Werke auch jetzt noch in 135 Lieferungen » 60 Pfennig nach und nach durch jede Buchhandlung bezogen werden können.

Redactiop; S. Scheyda. Druck und «erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.

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