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Zimmer.
(Fortsetzung folgt.)
werde es halten."
Er vermochte nicht mehr zu reden, die Wuth erstickte ihn, mit geballten Fäusten und zuckenden Lippen stand er lautlos vor ihr, so furchtbar in seinem schweigendem Haß, daß sie fühlte, wie Kraft und Muth sie verließen. „Soll ich um Hilfe rufen?" „So viel Stärke hatte sie noch, um es laut und spöttisch zu sagen, im selben Augenblicks aber hob er die Hände, packte ihre Schultern und preßte sie zusammen mit der Gewalt eines Raubthiers.
„Soll ich Ihnen helfen?" Er zuckte zusammen bei dem Ton dieser Stimme, die Plötzlich hart und kraftvoll hinter | ihm erklungen war. Wie zu einem freundlichen, hilfreichen Geist aber blickte Frau Henninger zu der dunklen Gestalt von Fräulein Tietjens hinüben, die so plötzlich, die Portiere lautlos zurückschlagend, ihr gegenüber stand.
„Soll ich Ihnen helfen?" wiederholte sie ihre Frage noch einmal. „Ich habe die Mittel dazu und thue es gern.
„Schweigen Sie," sagte der Doctor leise, „es ist genug." Er hatte sein Taschentuch hervorgezogen und wischte den Schweiß von der Stirn, der in dicken Tropfen darauf stand. Aeußerlich hatte er seine Ruhe und Haltung jetzt wiedergefunden, und zu seinem Hm greifend, sagte er zu Frau Henninger: „Was wir vorhin besprochen haben, bedarf der Ueberlegung. Wollen Sie mir drei Tage dafür gewähren. Ich verspreche am Abend des dritten Tages Ihnen pünktlich meine Entscheidung mitzutheilen."
Sie zauderte einen Augenblick, dann sagte sie: „Ich verstehe den Zweck nicht ganz, aber ich bin bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen. Am dritten Tage also, nicht wahr?
„Am dritten Tage." Mit einer Verbeugung gegen die Damen, die nicht erwidert wurde, verließ der Doctor das
sicherungsgesellschaft, die Sie betrogen haben, bei Heller und I Pfennig das geraubte Geld. Was mein Bruder davon er- I halten hat, werde ich Ihnen geben, ich will nicht, daß er von Ihrer Güte, wie Sie es vielleicht nennen würden, gelebt hat. Sie versprechen ferner —"
„Weiberideen und Weibergewäsch! Damit bin ich noch I immer fertig geworden. Sparen Sie sich Ihre weiteren Wortes ich thue nichts von dem, was Sie verlangen."
„Sie weigern sich?"
„Und ich werde mich weigern, solange ich Athem habe zu sprechen."
„Sie wollen meine Forderungen nicht erfüllen — gut. Vielleicht hat ein Anderer mehr Gewalt über Sie, als ich. Es ist ein sonderbarer Zufall: Sie haben heute mit diesem Blatte Papier ein Wendung in mein künftiges Leben gebracht, auch ich habe ein Blatt Papier in Händen, das vielleicht eine ähnliche Wirkung auf Sie ausübt."
Sie ging zu ihrem Schreibtisch und nahm aus einer verschlossenen Mappe, die dort lag, und die sie öffnete, das Papier, das Busenius ihr gegeben hatte. Langsam reichte sie es Doctor Jaksch, er aber hatte kaum einen Blick darauf geworfen, als er einen Schreckenslaut ausstieß und, die Hände ausstreckend, davor zurückwich bis zu der Wand des Zimmers. „Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!" stammelte er. Dann aber, als sie die Schrift ihm noch immer ruhig entgegenhielt, griff er nach seinem Hals, als müsse er ersticken.
„Wer hat es Ihnen gegeben?" flüsterte er.
„Das werden Sie niemals erfahren."
„Ich aber will es wissen, hören Sie wohl, ich will!
Wer hat Ihnen dies Blatt gegeben?"
„Sie erfahren es nicht, ich habe es Ihnen gesagt."
„Ueberlegen Sie es wohl!" Er war dicht vor sie hingetreten, bebend vor Angst und Zorn, mit weißem, verzerrtem Gesicht. „Ich ermorde Sie, wenn Sie es mir nicht sagen!"
„Ich habe mein Wort gegeben, zu schweigen, und ich
qeljett. , r. „
Kaum hatte er sich entfernt, als der junge Mann sich zu seiner Nachbarin herüberbeugte und hastig fragte: „Ist er fort?" Der Ausdruck seines Gesichts war ein völlig veränderter, er drückte Angst und Hast aus. Als Fran Lemke seine Frage bejahte, fing er in heftiger Sprechweise und nnt lebhaften Geberden an zu reden.
„Er gönnt mir nichts," sagte er von seinem Schwiegervater. „Er hält mich gefangen und tfirannifirt mich wie Alle. Das mußt Du so machen, das mußt Du so machen, — heißt es den ganzen Tag, als wenn ich ein unvernünftiges Kind wäre. Ich bin kein Kind. Ich weiß recht gut, was i ich will. Anstatt daß sie mir ihren Arm leihen, wollen sie meine Seele bedrücken, mich unterdrücken. Und wenn ich dann heftig werde und es ihnen gerade heraus in's Gesicht sage, dann sagen sie, ich sei krank und man müsse auf mich Rücksicht nehmen. Das empört mich am meisten. Was fehlt mir denn? Ich kann nicht sehen, das ist Alles. Aber weil ich sie brauche, darum denken sie, Alles mit mir machen zu können. Meine Frau — wie hab' ich sie geliebt! — sie will nichts mehr von mir wissen. Sie geht nicht mit mir aus, weil ich zu launisch wäre, wie sie sagt. Sie liest mir auch nichts vor. Ich habe sie manchmal gebeten. Sre fit I immer nicht aufgelegt dazu. Sie thut ihre Pflicht, o gewr^ I sie füttert mich wie ein Kind, — aber — liebe Fran, :ch fürchte mich, es zu sagen, was ich so lange schon denke — sie liebt mich nicht mehr. Sie liebt Mich nicht mehr ! Ist das nicht furchtbar? Und nicht sehen zu können, — nicht zu wissen — wenn sie nun vielleicht einen Anderen — mit mir können sie ja Alles machen, Alles!"
Die alte Frau legte dem Blinden beschwichtigend die Hand auf den Arm; der Schwiegervater war wieder an den Tisch getreten. Er hatte die letzten Worte gehört, machte der alten Frau abwehrende Zeichen und schüttelte mit dem
Herr Boje," begann die Alte nun, „haben Sie Lust, noch eine kleine, recht scherzhafte Geschichte mit anzuhören?" „Tausend für eine!"
„Ich will mich kurz fassen. An ein paar Worte von Fhnen will ich anknüpfen. Sie fragten: Was fehlt mir denn? Ich will es Ihnen sagen. Mir scheint, Sie verlangen unmögliche Dinge vom Leben. Aber ich will Ihnen keine Predigt halten- die Geschichte ist wirklich ganz lustig. Als alte Schachtel haben Sie mich ja nun doch schon wegen meiner 1 dicken Taille erkannt, also können Sie auch mehr wissen. —- I Im letzten Sommer besuchte ich meine Heimath. Da hatte I ich mir auf einer Station auch ein Stelldichein mit einem | alten Verehrer gegeben, der vor fünfzig Jahren ein Reben-
Der Blinde.
Bon Felix von Stenglin.
(Schluß.)
Boie faßte ihre Hand. „Dafür haben Sie aber schon recht rauhe Hände."
„Ja, ich habe früh anfangen müssen, zu arbeiten, und helfe meiner Mutter in der Wirthschaft."
„Ihre Mutter lebt auch noch? Muß das eine steinalte Dame sein!"
„Sie sind ungezogen. Ich habe noch gar keine Falten, bin schlank wie eine Tanne und tanze leidenschaftlich."
Der Blinde beugte sich zu seiner Nachbarin herüber und umfaßte schnell ihre Taille, so daß sie leise aufschrie.
„Ich wollte nur untersuchen," sagte er, „wie sich beim Tanzen Ihre Taille anfaßt." .
„Sie finden sie etwas stark, meine Taille? Das kommt, weil ich so vernünftig bin, mich nicht zu schnüren."
Die Wangen des Blinden hatten sich geröthet, seine Augen hatten einen übermüthig-heiteren Ausdruck.
Jetzt stand der Schwiegervater auf und sagte, er wolle den Kellner suchen, da es wirklich Zeit sei, nach Hause zu


