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„Durch ein Wort Ihres verstorbenen Mannes, das ich allein kenne."
„Wenn das möglich wäre!" Für einen Augenblick überwog die plötzlich erweckte Hoffnung, der Jubel über die fern auftauchende Möglichkeit einer glücklichen Zukunft ihre Zweifel an seinen Worten, das Mißtrauen ihrer Seele gegen ihn selbst. „Wenn das möglich wäre!" rief sie noch einmal und umklammerte seinen Arm, ohne sich bewußt zu werden, daß sie es that.
Ihm aber nahm ihre Berührung den letzten Rest von Vorsicht und Berechnung. „Es ist möglich, es ist! Sie wissen, daß ich als Hausgenosse und Arzt der erste war, der am Morgen nach seinem Tode gerufen wurde. Ich konnte nichts thun, als constatiren, daß er schon vor mehreren Stunden gestorben sei, aber damals blieb ich eine kurze Zeit mit der Leiche allein. Sie wissen, daß er in seiner letzten Nacht aufgestanden ist und versucht hat, zu schreiben,- auf seinem Schreibtisch liegt ja noch das Blatt Papier, auf dem die Feder abgeglitten ist. Aber er hat doch auch etwas niedergeschrieben in jener Nacht."
Sie wollte fragen, sie rang nach Worten, aber die Stimme versagte, und ihr Athem kam laut, fast wie ein Stöhnen aus ihrer Brust. Ihre Finger umspannten fester seinen Arm, und ihre Berührung durchzitterte ihn von Neuem wie ein electrischer Strom. Auch ihm kamen die Worte immer heiserer und gebrochener vom Munde, während er weiter sprach und mit seinen Blicken den Körper der Frau gleichsam umklammerte, die ihm endlich so nahe war. „Er muß sich wieder niedergelegt haben," fuhr er fort, „nach jenem vergeblichen Versuch am Schreibtisch. Aber er hat sich ein Blatt Papier aus dem Notizbuch gerissen und hat mit Bleistift noch ein paar Worte geschrieben. Er hielt den Zettel zusammengepreßt in der Hand, ich aber habe ihn genommen und gelesen und — ich muß es Ihnen heute gestehen — ich habe ihn behalten."
„Das kann nicht wahr sein!" Sie sagte es mit einem Seufzer, alle die Zweifel, die während der letzten Minuten geschlummert hatten, waren mit einem Male wieder erwacht. Er aber tastete mit unsicheren Händen auf seiner Brust umher und holte eine Brieftasche hervor, die er eilfertig öffnete. „Sehen Sie her," sagte er und hielt ihr ein kleines, zerknittertes Blatt entgegen, das nachträglich wieder war geglättet worden.
Sie nahm es und las. Und indem sie die Handschrift ihres Mannes erkannte, verzerrt und entstellt durch die furchtbare Nähe des Todes, die ihn zum Schreiben gedrängt hatte, doch zweifellos echt und unverfälscht, kam ein befreiendes Gefühl über sie, wie sie es niemals mehr geträumt hatte. Hier war die Lösung der Zweifel auch für den Geliebten. Wie sie sich befreit hatte durch eigene Kraft, so wurde er frei gemacht durch die letzten, lösenden Worte des Sterbenden. Sie hatte vergessen, aus wessen Hände sie das Papier empfangen hatte, wer neben ihr saß. Ein weiter, sonniger Weg that sich vor ihr auf, und eine Gestalt kam ihr im hellen Lichte von Weitem darauf entgegen, die ihr theurer war über Alles in der Welt.
Wieder und wieder las sie die Worte des Todten: „Dem Sterben nahe, fühle ich, daß Du dem Leben gehörst. Mit Unrecht habe ich das Versprechen von Dir gefordert, ich mache Dich wieder frei davon. Sei glücklich." Von dem Namen ihres Mannes standen nur noch die Anfangsbuchstaben darunter, dann war ihm die erkaltende Hand erlahmt. Aber soviel der Mann da neben ihr gelogen haben mochte in seinem Leben, dieser Zettel war echt. Sie war frei und schuldlos auch in den Augen der Welt, sie durfte glücklich werden, ohne des Vorwurfs Augen auf sich gerichtet zu fühlen!
Mit jähem Wechsel, auf eine leise Bewegung des Doc- tors, der sie aus ihrer seligen Träumerei zu erwecken suchte, wandelte sich ihr die Empfindung des Glücks in die des Zorne-. Des Zornes auf ihn, der sie hatte dulden lassen
Wochen und Monate hindurch, ohne den Finger zu rühren, um sie zu erlösen von ihrer Qual.
„Warum geben Sie mir dies erst heute?"
Er beugte sich im Sessel zurück vor der glühenden Entrüstung in ihren Augen. Aber er gab sein Spiel nicht verloren. „Weil ich Sie liebte," sagte er leise.
„Das ist keine Entschuldigung für einen Diebstahl."
„Die Liebe hat schon größere Sünden entschuldigt. Sehen Sie, als ich dies fand, da war mein Wunsch, Sie zu besitzen, schon ganz so glühend wie heute. Ich wußte, daß Sie Ihren Mann geliebt hatten, und daß ich warten mußte ruhig und geduldig. Aber indem ich dieses Blatt Papier an mich nahm, glaubte ich Sie von jeder anderen neuen Liebe frei zu halten. Wenn dann die Zeit gekommen war, wenn ich mir langsam Ihre Liebe erobert hatte, dann wollte ich Sie auch von dem letzten Scrupel durch diese Worte hier befreien, wie ich es heute nun wirklich thue. Und ich wäre schon eher zu meinem Ziele gelangt, wenn ich nicht selber so unklug gewesen wäre, Ihnen meinen Neffen ins Haus zu bringen, den schönen Geist, an dessen Gefährlichkeit für die Frauen ich niemals gedacht hätte. Jetzt aber —"
„Sie sind ein Schurke!" Sie hatte sich erhoben, nicht hastig und leidenschaftlich, sondern mit ruhiger Hoheit und stand ihm gegenüber, die Hände auf der Platte des Tisches gestützt. Als hätte sie ihm einen Schlag ins Gesicht gegeben, so taumelte er empor, den Sessel zurückstoßend, und hob die Fäuste, als wollte er sie zerschmettern.
„Ein Schurke, sage ich! Und auch den Beweis will ich Ihnen nicht schuldig bleiben, wenn Sie ihn haben wollen. Sie sind ein Dieb, das Papier in meiner Hand hier beweist es. Sie sind ein Verräther, denn Sie haben das Vertrauen eines Freundes verrathen. Denken Sie an Ihre Vergangenheit und hören Sie genau auf das, was ich sage. Sie sind ein Betrüger, denn durch Betrug haben Sie sich in den Besitz des Vermögens gesetzt, von dem Sie leben, und von dem Ihnen kein Pfennig gehört, weil der Mann noch lebt, dessen Tod Sie erdichtet haben. Mit Hilfe meines unglücklichen Bruders, den Sie verführten und ins Elend brachten!"
Die Hände waren ihm herabgesunken, als lähmte ihn das Gewicht der Anklagen, die auf sein Haupt niederfielen. Bei der Erwähnung ihres Bruders aber belebten seine erstarrten Züge sich wieder und erfüllten sich mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Bosheit und Haß.
„Der Hund! Er also hat geschwatzt! Hätte ich ihn hier vor mir!" Es war etwas so Mörderisches in seinem Blick, daß sie unwillkürlich zurückwich. Aber in ihrer muthigen Rede ließ sie sich nicht beirren und hemmen.
„Ein Mord fehlt freilich noch in der Liste Ihrer Verbrechen. Dazu waren Sie doch wohl zu klug, wenn Sie auch sonst ein dummer Schurke gewesen sind. Wie alle Schurken, denn sie berechnen die anderen Menschen nach sich und lassen bei ihren Exempeln immer die Treue und Wahrhaftigkeit aus der Rechnung. Hätten Sie sonst jemals glauben können, daß ich nach wenigen, kurzen Wochen dem Manne untreu werden könnte, dem meine Seele und mein Leben gehört? Hätten Sie sonst —"
„Was soll das Alles? Warum sagen Sie mir das?" Er hatte sich von seinem Schrecken erholt, und seine ohnmächtige Wuth wandte sich nun gegen sie.
„Weil es mich ersticken würde, wenn ich es noch länger auf der Seele behielte. Aber auch nicht ohne Zweck, ohne äußeren Zweck. Sie haben gehört, was ich von Ihnen weiß, und ich brauchte nur zum Gerichte zu gehen, um Sie noch heute zum Gefangenen zu machen. Wenn ich es unterlasse — vorläufig nur, merken Sie sich das — dann geschieht es aus Rücksicht auf Georg, nicht auf Sie selbst. Aber ich stelle meine Bedingungen. Sie verlassen nach Verlauf von acht Tagen diese Stadt, um niemals hierher zurückzukommen. Sie —"
Ein höhnisches, heißeres Lachen unterbrach sie, aber sie achtete nicht darauf und fuhr fort: „Sie ersetzen der Ver-


