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ü[§ F^u Ina dies L^bendigwerden des Todten erblickte, wie er zu ihr sprach mit solcher Gebärde der Bitte und des Vorwurfs, da brachen auch ihre Kraft und ihr Muth zusammen. Den Schlüssel warf sie von sich, und mit dumpfem Aufschrei taumelte sie gegen die Wand zurück, die sie vor dem Sinken bewahrte. Doch als sie dann die Hände wieder von ihrem Gesicht entfernte, mit denen sie die Augen verhüllt hatte, war die Erscheinung verschwunden, das Zimmer verdunkelt, und aus dem Spiegel der Scheiben starrte ihr nm das eigene, bleiche Gesicht entgegen. Von draußen aber tönte neues Geheul des Sturmes und neues Geprassel mächtig herein - der Wind hatte den stehengebliebenen Theil des Schornsteins umgestürzt und schleuderte die Steine in den Hof hinunter.
Sie versuchte nicht mehr, gegen das Gefühl einer wahnsinnigen Angst in ihrem Herzen anzukämpfen- nur fort von dieser Stelle, wo sie das Furchtbare erblickt hatte, wo die Pforten des Jenseits vor ihr sich aufgethan hatten, wo diese Schreckensgestalt vor ihr emporgestiegen war! Eine Gestalt, einstmals geliebt, jetzt nur noch gefürchtet, vor der sie floh, vom Entsetzen gepeitscht, über den Corridor hinweg in ihr Zimmer hinein, dessen Thür sie hinter sich verschloß, um dann ohnmächtig niederzusinken auf dem Teppich des Bodens.
Siebentes Capitel.
Nachdem Frau Henninger aus ihrer tiefen Ohnmacht erwacht war, kam ihr nur langsam die Erinnerung an das Geschehene zurück. Zuerst grübelte sie in dumpfem Sinnen, ob das Brausen , daß sie vernahm, in ihren Ohren sei oder von außen komme. Dann unterschied sie die Stimme des Windes, erkannte das vertraute, erhellte Gemach und erhob sich mühsam, mit schmerzenden Gliedern vom Boden. Aber erst als ihr Blick nun auf das Bild ihres Mannes an der Wand siel, trat mit plötzlicher Deutlichkeit das Erlebniß des Abends ihr vor die Seele, und zugleich erwachte wieder jenes zitternde Grausen, das sie vorhin empfunden hatte, und das ihr fremd gewesen war bis zu dieser Stunde. Sie hatte sich gegen Aberglauben und Nervenerschütterung gefeit geglaubt durch die Kraft ihres gesunden Geistes, um nun zu erfahren, daß es Ereignisse giebt, vor denen diese Kraft zerbricht und zersplittert wie ein leichtes Rohr.
Sie schalt sich thöricht, feige und schwach, aber das nervöse Beben der Glieder wollte nicht nachlassen, und sie wagte die Augen nicht wieder zu dem todten Abbild des Verstorbenen zu erheben, weil sie fürchtete, daß etwas Furchtbares geschehen könne, wofür sie keinen Namen hatte. Stundenlang ging sie im Zimmer hin und wieder, den Kopf gesenkt, die Lippen in lautlosem, unendlichem Selbstgespräch bewegend. Und auch, als sie endlich den Muth gefunden hatte, in ihr Schlafgemach hinüberzugehen, — erschreckt von der Dunkelheit, die ihr aus Gängen und Winkeln des alten Hauses entgegensah, gejagt, wie von einer drohenden Menschenstimme, durch das heulende Toben des Sturmes — wagte sie es nicht, ihre Lampe zu löschen. Angekleidet warf sie sich auf ihr Bett und lag mit offenen Augen, bis der Morgen sich nahte. Nun endlich schlief sie ein, und in einem unruhigen Schlummer, der keine Träume brachte, suchte die gequälte Seele sich neue Kraft.
Als Frau Ina die Augen öffnete, war das erste, das sie erblickte, ein heller Sonnenstrahl, der ihre Hände umspielte. Sie lächelte ihm zu wie einem guten, hilfreichen Freund, und dieses Lächeln war nicht verschwunden, als sie nach einer Weile ruhigen, gesammelten Nachdenkens sich erhob. Sie trat an das Fenster, das auf den Garten hinter dem Hause ging, stieß es auf und athmete tief. Aus der finsteren Sturmnacht war ein Frühlingstag geboren worden, hell, friedlich, ruhig, mit noch durchfeuchteter, aber von Lebenswärme erfüllter Luft. Auf den braunen, gelockerten Beeten regten die Schneeglöckchen ihre weißen Kelche, die Staare schwatzten in den Zweigen der hohen Akazien, und aus der Goldschmiedswerkstätte klangen, von der Hellen Stimme des
Gesellen fröhlich herausgeschmettert, die Worte eines Liedes zu ihr her.
Und wenn Du wärst mein eigen, Wie lieb sollt'st Du mir sein — chviel war zu verstehen, und sie erkannte das alte Liebeslied voller Sehnsucht und Hingebung. Und in dem Sonnenschein des jungen Tages, der die Schatten besiegt hatte, unter dem Ton der gesunden, heiteren Stimme, die jene Worte wie eine Mahnung zu ihr herüberzusenden schien, verschwanden aus ihrem Geiste die letzten Schatten der vergangenen Nacht, verhallten die letzten Klänge von Sturm und Grausen, die noch in ihrer Seele zurückgeblieben waren. Sie hatte sich wiedergefunden, der Glaube an die eigene Kraft war ihr zurückgekehrt, der graue Nebel war zerrissen, der sich für kurze Zeit um die klaren Augen gelegt hatte- stolz hob sie den Kopf und athmete noch einmal aus voller Brust.
Nein, es gab keine Geister! Keine drohenden Schatten- gestalten, die aus finsteren Tiefen emporstiegen oder aus überirdischen Sphären sich niedersenkten, den Menschen zu leiten. Was sie gesehen hatte am vergangenen Abend, es mußte eine Täuschung oder ein Betrug gewesen sein, — sie grübelte in dieser Stunde nicht viel darüber nach. Das Gefühl der Freude über die Befreiung von einem fremden, geheimnißvollen Einfluß überwog für den Augenblick alle anderen Empfindungen in ihrer Brust- denn aus diesem Gefühl wiedererrungener Freiheit und ungehinderter Selbstbestimmung durfte auch ihre Liebe erfrischt und gekräftigt, sieghaft sich erheben.
Sie wäre am liebsten gleich zu Georg hinübergegangen und hätte ihm zugerufen: „Der letzte Kampf ist bestanden, jetzt gehöre ich Dir erst ganz," aber sie wollte nicht unter dem Eindruck eines momentanen Gefühls handeln, wollte der neu- gewonnenen Festigkeit der Empfindung Zeit lassen, sich zu bewähren. Auch fühlte sie die geheime Hoffnung sich regen, er werde gerade an diesem Tage, nach solcher Nacht wieder den vertrauten Weg zu ihr finden, würde kommen, sie zu beruhigen, ihr beizustehen, wenn sie eines Beistandes bedurfte. Aber der Tag ging hin, ganz erfüllt mit hellgoldigem Früh- lingslicht, ohne daß der Geliebte erschien oder ihr Botschaft sandte. Am Nachmittag ertrug sie die Ungewißheit nicht mehr und schickte das Stubenmädchen zu ihm hinüber mit der Bitte um sein Kommen.
Aber Johanna kam zurück mit der Nachricht, daß der Assessor schon vor ein paar Stunden fortgegangen sei- ver- muthlich mache er einen seiner langen, einsamen Spaziergänge. Frau Henninger nickte nur, und zum ersten Mal an diesem Tage zog eine finstere Wolke über ihre Stirn. Bald aber zeigte ihr Gesicht wieder den Ausdruck ruhiger, heiterer Entschlossenheit. Sie nahm Hut und Mantel und verließ gleichfalls das Haus, um den hohen Wall zu ersteigen. Sie wußte genug von Georgs Gewohnheiten, um zu vermuthen, daß er von dort zurückkehren werde, und als sie den Platz am Kriegerdenkmal erreicht hatte, erblickte sie auf einer Bank, abgewandt von ihr, die gesuchte Gestalt des geliebten Mannes.
Leise trat sie nahe zu ihm heran und betrachtete ihn schweigend, wie er in dem reinen Abendlichte dasaß, ohne zu bemerken, was um ihn her vorging. Sie erschrak über den Anblick dieses abgemagerten, bleichen Gesichtes, das ihr niemals zuvor so alt und leidend erschienen war, wie in dieser Hellen, frühlingsklaren Beleuchtung. Wie traurig und düster war der Ausdruck dieser Züge, wie groß der Gegensatz der gebeugten, vergrämten Menschengestalt zu der erwachenden, von keimendem Leben erfüllten Natur!
„Guten Abend, Georg," sagte Frau Henninger mit halblauter Stimme und legte die Hand sanft auf seine Schulter. Wort und Berührung ließen ihn jäh zusammenfahren, aber nur einen halben, scheuen Blick warf er von unten herauf ihr zu.
„Darf ich mich zu Dir setzen?" fragte sie in demselben milden Ton, in dem sie die ersten Worte gesprochen hatte. Er nickte nur und rückte von ihr fort an das Ende der Bank,


