Ausgabe 
10.8.1897
 
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das gemalte Chorfenster fielen die Strahlen der Morgensonne wie ein sichtbares Zeichen himmlischen Segens auf das Brautpaar.

Jetzt begann der Geistliche mit feierlicher Stimme:

Wir sind hier vor dem Angesicht Gottes und vor dem Angesicht dieser Zeugen versammelt, um diesen Mann und dieses Weib in heiliger Ehe zu vereinigen. Wenn irgend Jemand eine Ursache weiß, warum diese Zwei nicht ehelich zusammen kommen töiinen. so spreche er jetzt oder enthalte sich nachher jeglicher Einrede!" (Fortsetzung folgt).

Liebe.

Von Anna Seyffert.

(Schluß.)

Heinrich ist aufgesprungen als sei ein Blitz vor ihm nicdergefahren, so fassungslos starrt er die liebliche Gestalt vor sich an.

Irmgard" weich und zagend, erschreckt und beruhi­gend zugleich, stiehlt sich ihr Name über seine Lippen, so wie ihn nur ein Mann ausspricht, der im Moment nicht weiß, was er mit einem geliebten Wesen beginnen soll.

Vergeblich ringt er nach Worten. Da legt sich Irm­gards kleine Hand in die seinige.

Sage mir zum Trost daß Du mich ein ganz klein wenig lieb hast"

Irmgard wie soll ich das verstehen ich muß Dir ja Schmerz bereiten, Du armes Kind!"

Ihr leises Weinen hatte etwas Erschütterndes und wieder klingt es zagend und doch bittend zu ihm herauf:Hast Du mich lieb ?"

Langsam gewinnt er die Fassung zurück. Die freie Hand, an welcher der schlichte Goldreif funkelt, der ihn an die Braut fesselt, streicht schmeichelnd über Irmgards duftiges Blondhaar.

Irmgard, ich habe Dich sehr lieb, doch versuche, mich jetzt ruhig anzuhören."

Sie läßt die Hände sinken. Ihr thränenüberströmtes Gesicht neigt sich tiefer.Ich weiß, was Du sagen willst," flüstert sie tonlos,Hanna steht zwischen uns ich bin ja auch bereit, zu entsagen"

Irmgard!" Gewaltsam rafft er sich auf.Es wäre feige von mir, wollte ich in dieser Stunde Rücklicht aus Deine oder meine Empfindungen nehmen, Dich zu täuschen suchen! Ich liebe Dich wie meine Schwester, ebenso wie Hanna Dir in unbegrenzter Zärtlichkeit zugethan ist! Das aber, was mich seit fast einem Jahrzehnt mit Hanna verbindet, kann niemals in's Wanken gerathen! Mein Herz gehört mit jeder Faser meiner Braut!"

Wie Du mich demüthigst," haucht sie mit zuckendem Munde.

Nimm es nicht so auf," bittet er weich,denn sieh', was Du für Liebe hältst, ist nur ein Ueberfließen Deiner reichen Empfindungen, die sich auf eine bestimmte Person con- centriren mußten- bald genug wirst Du Deinen Jrrthum ei-sehen, denn unsere Herzen bindet ja nichts Verwandtes, Du gehörst «och dem Lenz des Lebens an, Dein ganzes Sein umschließt das Werdende, Hanna und ich aber repräsen- tiren den Sommer, da ist Alles fertig, abgeschlossen! Sehr bald würden meine Interessen Dich langweilen oder Dir zum wenigsten unverständlich erschein n. Hanna und mich aber vereinen ungezählte Erinnerungen. So viel trübe und auch frohe Stunden, wie wir sie im Laufe der Zeit miteinander getheilt, knüpfen ein unlösliches Band um zwei Menschen, wenn anders sie nicht oberflächlich und wankelmüthig sind! Dir aber, meine Irmgard, danke ich von ganzem Herzen für das, wodurch Du mich geehrt, und ich bitte Dich ebenso innig: Zürne mir nicht!"

Ich glaube nicht, daß Hanna sich des großen Glückes bewußt ist, das sie in Deiner Liebe und Treue besitzt," ent­gegnet Irmgard wie aus einem Traum heraus.

Wenn Du bereits gelernt hättest, im menschlichen Ant­litz zu lesen, so würdest Du anders sprechen! Nur in dem Frohgefühl eines großen Glückes vermag ein Weib sich zu einer so herrlichen Rose zu entfalten wie meine Hanna!"

Wie hast Du mich beschämt"

Nur auf den rechten Weg zurückgesührt habe ich Dich, Du kleine Träumerin! Und nun schicke ich Dir Hanna, in ihrem Herzen magst Du Dein Leid begraben!"

Irmgard ist allein. Sie faltet die Hände und richtet den Blick nach oben, von wo ungezählte Sterne gleich freund­lichen Augen sie zu grüßen schienen.

Sie fühlt es, eine Krisis in ihrem jungen Leben ist überstanden glücklich überstanden! Vorher war es, als befände sie sich in einem Bann und jetzt erst ermißt sie die Größe des Unheils, das Hanna getroffen haben würde, wenn Heinrich sich willenlos dem Zauber dieser Stunde hingegcben hätte! Er aber hat schnell und geschickt den Conflict in Irm­gards Herzen gelöst noch brennt die Wunde, aber sic wird heilen, vernarben, das empfindet sie schon jetzt, trotzdem ihr sterbensweh zu Muthe ist und immer noch heiße Thränen den Blick umdunkeln.

Und in der That, ein guter Stern hat ihr in dieser Stunde gestrahlt, denn das Leid, das sie schuf, war nur scheinbar vorhanden, die Erkenntniß aber, die sie zeitigre, wird Irmgard für alle Zeit beschützen vor den bösen Geistern des Zweifels und des Argwohns. Die Liebe hat sich ihr in ihrer ganzen Größe und Reinheit offenbart und deshalb wird Irmgard auch an die Liebe und Treue des Mannes glauben, dem ihr Herz sich einst zu eigen giebt.

Gemeinnütziges.

Mockturtlesuppe (falsche Schildkrötensuppe). Einen ausgesucht schönen, großen, weißen Kalbskopf, von dem man nur die Haare abbrühte, die Augen sowie das Innere der Ohren entfernte, halbirt man, nimmt die Zunge, das Gehirn heraus, blanchirt ihn, kocht ihn nebst der Zunge in gesalzenem Wasser weich, schneidet die abgehäutete Zunge in kleine Filets, das übrige Eßbare vom Kopf in Würfel, giebt etwas Fleisch­brühe darauf und stellt Alles im Wasserbade warm. Das Gehirn wird blanchirt, in zierliche Scheiben geschnitten und diese kurz vor dem Anrichten, mit Ei und Zwieback panirt, auf beiden Seiten in Butter hellbraun gebacken. Auch ganz kleine runde Klößchen macht man aus einer schmackhaften Geflügel- oder einer anderen Farce, kocht sie in Fleischbrühe gar und kocht, auch kurz vor dem Anrichten, einige Eier (7 bis 8 Miliuten) und schneidet sie in Scheiben. Die braune Fleischbrühe verkocht man noch eine halbe Stunde mit drei Eßlöffeln voll gelber Mehlschwitze, 1/i Liter Madeira und Prise Cayennepfeffer, legt alle Ingredienzen, Gehirn, Eier, Fleisch u. s. w. möglichst warm in die Terrine, schmeckt nach dem Salze und richtet die Suppe darüber an.

Kalbfleisch-Haricot (Französisch). 3 bis 4 Kilo recht dicke, saftige Kalbscotelettes verkürzt man etwas, taucht sie n zerlassene Butter, bedeckt sie mit kräftiger Bouillon und dämpft sie langsam weich. Unterdessen kocht man ein Liter junge Erbsen, zwei in kleine Röschen zertheilte Stauden Blumenkohl, zerschnittene Carotten, weiße Rüben, acht bis zehn kleine Schalotten, jungen Kohlrabi, zwei Gurken und zwei in Viertel geschnittene kleine Stauden Kopfsalat, auch Spargel in guter Fleischbrühe. Kurz vor dem Anrichten grebt man das Gemüse zu dem Kalbfleisch, würzt es durch Salz und Pfeffer und läßt Alles 8 bis 10 Minuten dämpfen, legt das Fleisch in die Mitte der Schüssel, das Gemüse herum und garnirt das Gericht mit gerösteten Gries- oder Farceklößen.

Redactian. A. Echeyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrci (Pietsch & Schcyda) in Gießen.