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und Eisfäden wanden sich wie Guirlanden um die laublosen Aeste der Bäume- Meilen weit hin funkelten die gefrorenen Salzwiesen wie mit Diamanten bestreut - schäumend brachen sich die Wellen des Meeres an dem vereinsamten Strande.
In ihrer Kammer in der „Katzen - Herberge" stand Polly, die namenlose Waise, in dem neuen Kleide, das Miß Greylock ihr geschickt hatte. Es war eine schwarzseidene Robe und paßte der schlanken Gestalt des Mädchens wie angegossen. Kragen und Aermel waren reich mit feinen Spitzen besetzt, und ein Bouquet von gelben Maröchal Niel- Rosen prangte vorn am Hals. Lange Handschuhe verhüllten die Schwielen an Pollys fleischlosen Händen, und ihr glänzend schwarzes Haar war in reichen Flechten arrangirt. Sie hatte in ihrem Leben noch nie ein elegantes Kleid besessen, und es ist daher nicht zu verwundern, daß sie sich jetzt mit sprachlosem Erstaunen betrachtete, daß sie ihr eigenes Bild, das der kleine Spiegel zurückwarf, kaum wieder erkannte.
Mercy Poole öffnete jetzt die Thür und trat herein. Einen Augenblick betrachtete sie das Mädchen schweigend vom Kopf bis zu den Füßen, dann sagte sie trocken: „Kleider machen Leute, Polly. Die Greylocks haben eine Kutsche geschickt, um Sie nach der Kirche bringen zu lassen — das Fuhrwerk wartet vor dem Hause, Doctor Vandine wünscht Sie noch zu sehen, ehe Sie gehen. Er ist diesen Morgen sehr fieberhaft. Die Doctoren zeigen, wie ich sehe, in Krankheiten ebenso wenig Geduld wie andere Leute. Der arme Mensch! Es ist kein Geheimniß, daß er Miß Greylock liebte."
Pollys Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an. //Ja," stammelte sie und begab sich nach der Stube hinab, in welcher Doctor Dick mit seinem gebrochenen Bein sich unruhig auf seinem Schmerzenslager wälzte. Waren es die physischen Schmerzen, oder war es der Gedanke, daß Ethel Greylock auf immer für ihn verloren war, was ihn so unruhig machte? Gott allein war Zeuge des Kampfes, der in diesem Augenblick in ihm vorging.
Bei Pollys Anblick leuchteten indessen die Augen des Kranken hell auf. „Wunder aller Wunder!" rief er. „Welche Verwandlung ist das. Das ist ja eine neue Auflage des Märchens vom Aschenbrödel! Meiner Treu', Polly, so hübsch habe ich Dich noch nie gesehen! Ich vermag kaum meinen Augen zu trauen."
Polly war noch nie zuvor bewundert worden- eine tiefe Verlegenheit bemächtigte sich ihrer plötzlich. „Wie finden Sie das Kleid?" stammelte sie, indeni sie die glänzenden Falten mit ihren behandschuhten Fingern glättete.
Vandine betrachtete sie aufmerksam- sie erschien ihm wie eine neue Offenbarung. Zum ersten Mal sah er, daß ihre Augen einen prächtigen Schnitt hatten, daß sie den Teint einer Spanierin besaß, und daß eine Fürstin sie um ihre Haare hätte beneiden können. „Das Kleid?" wiederholte er. „Gewiß, es ist hübsch. Du kommst mir so verändert vor, daß ich Dich gar nicht mehr kenne, Polly. Aber bin ich denn die ganze Zeit blind gewesen? Du wirst also Miß Greylocks Trauung beiwohnen? Ach!" seufzte er, „wie mein elendes Bein mich heute schmerzt! Nun, geh' mein Kind, und weide Deine Augen an all' der Pracht und Herrlichkeit — fügte er stöhnend hinzu, „überbringe der Braut meine Gratulation und sage ihr, daß ich ihr alles Glück auf Erden wünsche. Sir Gervase ist ein prächtiger Mensch, cs steckt keine Spur von aristokratischem Hochmuth in ihm. Ja, bei Gott, er ist ebenso ihrer würdig, wie sie seiner würdig ist!"
Polly setzte nun ihren neuen Pariser Hut auf nnd warf den schönen Caschmirmantel über ihre Schultern, -worauf sie dem Doctor guten Morgen wünschte- wenige Augenblicke darauf hatte sie ihren Platz in der Kutsche eingenommen. Sie kam sich in der That selbst vor wie Aschenbrödel auf dem Wege zum Ball.
Die Kirche, ein altes graues Gebäude, befand sich nur
wenige hundert Schritte von der Hauptstraße von Blackport entfernt. Ungewöhnliches Leben und Gedränge herrschten an diesem Morgen in dem sonst so stillen Gotteshause. Eine ganze Reihe prächtiger Equipagen waren bereits vorgefahren. Reiche Teppiche lagen vor dem Portal der Kirche. Das Innere des heiligen Gebäudes war auf das Luxuriöseste mit Blumen geschmückt. Große Guirlanden wandten sich um die Säulen und um die Kanzel- riesige Bouquets von Orchideen, Myrthen, Orangenblüthen, Jasmin, Wachskamelien, duftenden Tuberosen und Königslilien schmückten den Altar und füllten den Taufstein.
Ganze Schaaren elegant gekleideter Damen und Herren, eingeladene Gäste, hatten bereits die vorderen Sitze eingenommen. Die strahlenden Toiletten, die kostbaren Fächer, das Blitzen der Juwelen, das Hin- und Herhuschen der Kirchendiener mit Hochzeitsbändern in den Knopflöchern, alle diese Dinge erschreckten und verwirrten Polly. Sie wählte sich einen Sitz in der Nähe des Einganges aus, wo sie Alles sehen konnte, ohne gesehen zu werden- inmitten einer solchen Versammlung kam die namenlose Waise sich wie ein gemeines Unkraut unter kostbaren Treibhauspflanzen vor.
Endlich schlug die zu der feierlichen Ceremonie festgesetzte Stunde. Der Geistliche stand in seinem weißen Ornat bereits vor dem Altäre. Sir Gervase nnd sein Trauzeuge waren an ihrem Platze- allein die Braut und ihre Angehörigen waren noch nicht erschienen. Alle Gesichter waren der Thür zugewandt, alle Ohren gespitzt, um die Ankunft der Braut zu vernehmen.
Polly neigte das Haupt und flüsterte ein leises Gebet für das künftige Glück der Braut, die sie nur vor Gott ihre Schwester zu nennen wagte. Plötzlich setzte sich Jemand neben ihr nieder. Als Polly die Augen wieder aufschlug, erblickte sie die dicke Gestalt und das dunkle, pockennarbige Gesicht Hannah Johnsons.
Sie fuhr betroffen zurück. Welcher Zufall hatte diese ihr in tiefster Seele verhaßte Kreatur in ihre unmittelbare Nähe gebracht? Die Beiden blickten einander einen Augenblick scharf an- doch schon im nächsten Moment wandten sich die Blicke aller Anwesenden der Thür zu. Die Braut und ihre Angehörigen betraten das Gotteshaus und schritten langsam und feierlich dem Altar zu.
Heiße Thränen rollten über Pollys Wangen nieder.
Da war Miß Pamela in grünem Atlaskleid und einem Hut mit grauen Straußenfedern. Da war Godfrey Greylock, stolz, triumphirend und mit minder strengem Gesichtsausdruck als gewöhnlich. Da hinkte Iris Greylock in einem Kleid von schwerem Sammet, mit Spitzen und Diamanten geschmückt, auffallend gepudert, herbei — jenes Weib, das für Polly der Inbegriff aller Falschheit und Gewissenlosigkeit war. Da waren die hübschen, lächelnden Brautjungfern in rahmfarbenen Kleidern und da war, alle Anderen an Schönheit überstrahlend, Ethel Greylock in einem prächtigen Brautkleid von einer Wolke venetianischer Spitzen eingehüllt, mit Diamantsternen, die ihren durchsichtigen Schleier an ihr Haar befestigten, und Orangenblüthen, die ihren Busen schmückten — fast überirdisch in ihrer Schönheit und der Pracht ihrer goldenen Locken, die ihr Haupt umwallten — sie, die Schwester Pollys, die als kleines Kind mit dieser in der Harmony-Alleh gelebt und gelitten und deren Verlust das ältere Mädchen lange, lange Jahre hindurch tief betrauert hatte.
Ach! Polly wußte nur zu gut, daß die Lebenspfade, die in dem alten Miethshause parallel gelaufen waren, einander nach diesem Tage nie wieder begegnen würden. Sie erblickte ihren Liebling zum letzten Mal. Nan ging neuem Glücke, neuer Herrlichkeit in der alten Welt drüben entgegen, während Polly fest entschlossen war, das Geheimniß ihrer Schwester treu zu bewahren, Vandines edelmüthiges Anerbieten anzunehmen, eine Schule zu besuchen und ihr Bestes zu thun, um irgend einen bescheidenen Platz im Leben würdig zu füllen.
Sie standen jetzt vor dem Altar und hatten ihre Plätze vor dem Geistlichen im weißen Ornat eingenommen. Durch


