Ausgabe 
10.8.1897
 
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Schwester, ich liebte sie zärtlich, und dennoch sollte sie es niemals, niemals erfahren, das Geheimniß sollte in meiner Brust verschlossen bleiben und mit mir sterben.

Ich werde in der Kirche erscheinen, um Ihrer Trauung beizuwohnen," stammelte ich.Ich danke Ihnen,- ich wünsche Ihnen und Sir Gervase viel Glück und Freude!"

Nach einigen weiteren Bemerkungen verließen sie den Gasthof. Bald nachdem sie fortgefahren, kam eine Kiste mit meiner Adresse von Grehlock Woods an. Ich öffnete dieselbe und fand ein Kleid von glänzendem Seidenzeug, einen eleganten Mantel, einen Pariser Hut, feine Spitzen, Handschuhe, Bänder, sowie ein liebevolles Billet von Miß Grehlock, in welchem sie mich bat, diese Geschenke von mir anzunehmen und dieselben bei ihrer Trauung zu tragen. Mercy Poole zuckte die Achseln, Doctor Vandine aber be­obachtete völliges Schweigen. Ach, ich wußte nur zu wohl, daß es außer mir noch Jemanden gab, der die Abreise der schönen Braut tief betrauern würde!

An einem bitterkalten Wend wurde der Doctor zu einem kranken Fischer in der Nachbarschaft von Blackport gerufen, nach einem einsamen Orte weithin unter gefrorenen Bächen und Salzwiesen. Vandine war den ganzen Tag im Sattel gewesen und hatte sich eben erst zu Tische gesetzt, um sein Abendbrod einzunehmen, als der Bote kam.

Hm!" sagte der Arzt, indem er sich von der noch mv berührten Mahlzeit erhob und seinen Ueberzieher anzog - es ist augenscheinlich ein dringender Fall. Ich muß auf der Stelle fort. Heben Sie die das Essen in einer warmen Ecke für mich auf, Miß Poole! Ich werde in einer Stunde zurück sein." Mit diesen Worten eilte er in die eisige Nacht hinaus.

Eine Stunde verging und der Doctor kehrte nicht zurück. Zwei, drei Stunden verstrichen, und noch immer ließ er sich nicht sehen.

Mercy Poole legte die Katzen in ihre Körbe und schickte sich dann an, zu Bette zu gehen.Ohne Zweifel fand der Doctor den Mann so krank, daß er beschloß, die ganze Nacht bei ihm zu bleiben," waren ihre letzen Worte.Riegeln Sie die Thür zu, Polly, und gehen Sie auch zu Bette!"

Wenn ich an die gefrorene Fensterscheibe hauchte, so konnte ich sehen, daß der Schnee draußen in wilden Wirbeln umherflog. Der Wind heulte und stöhnte um den alten Gasthof, das Schild über der Hausthür ächzte in seinen Angeln. Mit schaurigem Dröhnen schlugen die Wogen an den Strand. Es war eine schreckliche Nacht, und wie ich so in den Sturm und die Dunkelheit hinausblickte, konnte ich Mercy Pooles Erklärung von dem langen Ausbleiben des Doctors keinen Glauben schenken. Schlimme Ahnungen quälten mich. Ich strengte meine Augen auf das Aeußerste an, vermochte aber keine Spur von ihm zu entdecken. Die Straßen von Blackport waren öde und verlassen- die Lichter in den Häusern waren erloschen. Es war beinahe Mitter­nacht, Wind und Schnee waren die alleinigen Herren der Stadt.

Ich hüllte mich in meine wärmsten Kleider und zündete eine Laterne an. Im Gasthof lag bereits Alles in tiefstem Schlummer. Geräuschlos verließ ich das Haus und machte mich aus den Weg, Doctor Vandine aufzusuchen.

Der schneidende Wind durchkältete mich bis aufs Mark - der Schnee wirbelte in blendenden Wolken durch die Luft. Da ich noch sehr schwach war, so vermochte ich Anfangs nur langsam vorwärts zu kommen- der Sturm benahm mir den Athem und trieb mich wie eine Wetterfahne hin und her. Mein Entschluß wankte indessen nicht- ich drückte meine Laterne fest an den Leib und eilte weiter, so schnell ich es vermochte.

Bald hatte ich die Stadt hinter mir und lief auf der Landstraße weiter. In der Nähe vernahm ich den dumpfen Wellenschlag des Meeres. Rings um mich her lagen die öden, gefrorenen Salzwiesen; meine Ohren vernahmen keinen anderen Laut als das Toben des Sturmes, kein Lichtstrahl

als der meiner kleinen Laterne drang durch das Dunkel der Nacht.

Plötzlich hielt ich in meinem Laufe inne. Was mußte er von mir denken? Welches Recht hatte ich, ihn aufsuchen zu gehen, blos weil er nicht zur festgesetzten Zeit in den Gasthof zurückgekehrt war? War es nicht unziemlich, unmädchenhaft gehandelt? Ich war im Zweifel, ob ich weiter gehen oder meine Schritte zurücklenken sollte, als ich lauten Hufschlag vernahm, und im nächsten Augenblick galoppirte ein Pferd an mir vorüber und verschwand bald auf dem nach der Stadt führenden Wege.

Mein Herz pochte gewaltig. Das Licht meiner Laterne war voll auf das Thier gefallen, und ich hatte im demselben Doctor Vandines Pferd erkannt. Es war jedoch ohne Reiter.

Die Angst verlieh mir neue Kräfte. Gleich einem flüchtigen Reh eilte ich vorwärts und erhob meine Stimme so laut ich vermochte.Doctor Vandine!" rief ich aus- ich bin hier Polly! Hören Sie mich?! Antworten Sie doch! Wo sind Sie?!"

Es blieb indessen Alles um mich her still.

Ich schritt über eine Brücke, die über einen Bach sührte- und auf der anderen Seite, an einer schwarzen Biegung des Weges, fand ich ihn im Schnee liegen. Die dichten Schneeflocken fielen auf ihn, und sein bleiches Gesicht startte zum mitternächtlichen Himmel empor.

Ich stellte meine Laterne auf den Boden und kniete neben ihm nieder. Er lag wie tobt da. Ich rief ihn beim Namen, allein er antwortete nicht. Zum Glück fand ich eine kleine Flasche mit Branntwein in der Tasche seines Ueberziehers. Ich legte seinen Kopf auf meinen Schooß und goß ihm einige Tropfen von dem feurigen Getränk in den Mund, dann zog ich ihm die Handschuhe von seinen eisigen Händen und rieb dieselben in meinen eigenen.

Endlich schlug er verwirrt die Augen auf und blickte mir in's Gesicht.Großer Gott!" stöhnte er.Bist Du es, Polly?"

Ja," antwortete ich-kann ich Ihnen zum Ausstehen behülflich sein?"

Er machte einen Versuch, sich von der Erde zu erheben, fiel aber hülflos wieder zurück.Mein Pferd strauchelte und fiel mit mir fiel auf mich," sagte er mit schwacher Stimme.Ich glaubte schon, daß ich hier erfrieren müßte. Was bringt Dich aber hierher, mein armes Kind?"

Ich fürchtete, daß Ihnen etwas zugestoßen sein möchte," stammelte ich,weil Sie nicht nach dem Gasthof zurückkamen. So beschloß ich denn, Sie aufzusuchcn."

Gott segne Dich, Polly! Was fangen wir aber jetzt an? Ich kann mich nicht rühren, alle Knochen in meinem Leibe scheinen gebrochen zu sein. Eine Strecke weit von hier an der Landstraße wirst Du ein Haus finden"

Die Stimme versagte ihm. Von seinen Schmerzen und der Kälte übermannt, fiel er bewußtlos zurück.

Das Haus, von dem er sprach, befand sich eine halbe Meile jenseits der Brücke. Bald stand ich vor demselben, klopfte mit einem Stein an die Thür und ries laut um Hülfe. Zum Glück für den unglücklichen Mann, den ich auf der schneebedeckten Erde gelassen hatte, war Beistand zur Hand.

Starke Männer trugen Doctor Vandine nach dem Gasthofe zurück, und die Insassen des Hauses standen auf, um ihm die nöthige Hülfe zu leisten.

Er hat einen doppelten Beinbruch erlitten," sagte Mercy Poole trocken.Welches Unheil haben wir wohl zunächst zu erwarten, Polly?"

Ach, ich hatte keine Ahnung von dem Unglück, das bereits an die Thür klopfte!

28. Capitel.

In der Kirche.

Der Tag, an dem Ethel Grehlock mit Sir Gervase getraut werden sollte, war endlich herangekommen. Es war ein klarer, kalter Decembermorgen. Kryftallhelle Schnee-