Nummer des neapolitanischen Blattes „Jl Mattino" jene unglaubliche Meldung nicht nur in vollem Umfange bestätigt, sondern mit genauester Sachkenntniß alle Einzelheiten über die mörderische Wirthschaft in jenem frommen Kinderasyle mittheilt. Wenn jenes „Heilige Haus zu Mariä Verkündigung" eigens zum Zwecke der Findelkindervernichtung erbaut und eingerichtet worden wäre, ähnlich wie es etwa Maikäfervernichtungsanstalten gibt, so hätte es kaum ausgiebigere Leistungen aufweisen können, als bei der vollständig entgegengesetzten Bestimmung in Wirklichkeit der Fall ist.
„Die Zimmer der Annunziata" — so schreibt Frl. Serao — „sind eng und niedrig- fast alle Fenster schauen auf den Hof hinaus. Die Atmosphäre ist von ungesunden Gerüchen und Krankheitserzeugern überladen. Zweite Ursache: der Hunger. In dieser Anstalt, die einen Ueberschuß von 600000 Frcs. eintrug, waren die Pflegebefohlenen einem allgemeinen, beständigen, verzehrenden Hunger preisgegeben, den keine Amme je zu stillen vermochte, denn jede hatte auf einmal mindestens zwei und sogar vier Säuglinge zu ernähren. Infolge dessen litten die Bedauernswerthen unsäglich unter dem andauernden Nahrungsmangel, und je mehr bei dem raschen Wachsthum der Kleinen ihr Appetit zunahm, desto schmerzlicher empfanden sie das Unzulängliche einer halben oder Drittelsbeköstigung. Und manchmal war auch diese noch ungesunder Art. Denn auch die Säugammen wurden schlecht genährt — viel Kraut und Gemüse, Gemüse zweiter und dritter Qualität und saurer Wein. Mit ihren 18 Frcs. Monatslohn konnten sie sich keine nennenswerthen Zulagen verschaffen. Und bei dieser Verpflegung sollten sie zwei, drei bis vier Kinder mit Milch versehen. Diese Frauen wurden in kurzer Zeit bleich, mager und abgezehrt. Die meisten hielten es nicht länger als einige Monate aus, dann gingen sie fort, um nicht in Santa Casa zu sterben. Die Hausordnung verbot ihnen auszugehen. So waren sie Tag für Tag in diese Unheimlich beängstigenden Räume mit der verpesteten Luft eingeschlossen, ohne Bewegung und Unterhaltung, bei der denkbar kümmerlichsten Verpflegung, so daß sie nach und nach zu kränkeln anfingen. Und die Findelkinder wurden bald davon angesteckt und starben hinweg wie die Fliegen. Eine weitere Todesursache war der gänzliche Mangel aller hygienischen Einrichtungen und Vorkehrungen. Es fehlte vor Allem eine Einrichtung zum Wärmen des Wassers, so daß die Säuglinge im strengsten Winter mit kaltem Wasser gewaschen werden mußten. Wohl waren da zwei einfache Holzöfen, aber sie wurden niemals gebraucht. Das kalte Wasser behielt die Herrschaft. In welch schrecklicher Weise es mit den zarten Geschöpfen aufgeräumt hat, kann man sich leicht vorstellen. Bronchitis und Lungenentzündung waren die natürlichsten Folgen dieser kalten Bäder. Manchmal kam freilich auch eine kleine Badewanne mit erwärmtem Wasser in die Säle. Aber 10 Liter Wasser auf mindestens 50 Kinder ist wenig, sehr wenig.
Ein weiterer Herd der Ansteckung war die unendlich lüderliche Wäscherei, wo alles zusammen in einen Kessel geworfen, die Wäsche von Erwachsenen und Säuglingen, von Gesunden und Kranken, und dazu r och in flüchtiger Weise gereinigt, manchmal kaum einmal durchs Wasser gezogen wurde. Die nur halb getrockneten oder nur ausgedrehten feuchten Lumpen kamen dann ohne Weiteres in die Wiegen und Bettchen auf die zarten Körper der Neugeborenen. Und dazu herrschte allenthalben die schrecklichste Unordnung und Unreinlichkeit, selbst den Wäscheschränken entstieg ein ekelhafter Geruch. Auch mit den Saugflaschen wurde in lüderlichster und unreinlichster Weise hantirt. Und in der Apotheke des Asyls schaltete eine Nonne, die von den für dieses Amt erforderlichen Kenntnissen nicht die geringste besaß. Auch in Bezug auf die Kinder, die von der Anstalt nach Auswärts in Verpflegung gegeben wurden, herrschten die krassesten Uebelstände. Diese Pflegemütter hätten von Organen der Gemeindebehörden sowie von den Aerzten dec Santa Casa überwacht werden
sollen. Es geschah aber keines von Beiden. Viele Kinder sind gestorben, man weiß nicht wie, noch wann. Viele Pflegemütter haben ihren Wohnsitz gewechselt, den Pflegling mitgenommen und sind rerschollen geblieben- andere haben den Ammenlohn Monat für Monat erhoben, während das Kind schon lange gestorben war. In anderen Fällen war die Bezahlung so schlecht und unregelmäßig, daß die Ammen mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und die Pflege natürlich entsprechend vernachlässigten. Indessen war die Sterblichkeit der auswärts untergebrachten Pfleglinge doch eine viel geringere als diejenige im Findelhause selber. Allein wenn die Kinder von auswärts in das Annunzistha- haus zurückgebracht wurden, so starben auch sie. Man hat ausgerechnet, daß innerhalb sieben Jahren von etlichen Tausend armer Findelkinder, die in die Santa Casa gebracht wurden, nur 20 das Alter der Entwöhnung erreicht und überschritten haben.
Hrrmsristisches.
Boshaft. Rechtsanwalt: „Wie hat Sie denn der Mann genannt?" — Kläger: „Sie alles Riesen-Rhinozeros hat er mich geschimpft!" — Rechtsanwalt: „Merkwürdig! Sie sind doch noch in den besten Jahren und haben kaum das Militärmaß !"
* * *
Zweierlei Standpunkt. Vater: „Fritzl, wirst Du jetzt gleich Deine Suppe ordentlich essen?.....Wie
manch armer Bub' wäre froh, wenn er nur die Hälfte hätte!" — Fritzl: „Ich auch!"
* * *
Verschnappt. Gast: „In solch einem großen Restaurant muß doch viel übrig bleiben?" — Wirthin: „I bewahre — einmal wirds doch aufgegessen!"
Literarisches
Die große Kunst der Wandmalerei hat einen hervorragenden Ver- treter in Prof. Hermann Prell gefunden. Zu den schönsten Schöpfungen gehören des Künstlers Fresken im Treppenhause des Museums zu Breslau. In Heft 22 der ,Moder«<« Kunst* (Verlag von Rich. Bong, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart) werden diese Wandbilder eingehend behandelt und drei von ihnen, „Der Zug des Pegasus", „Der Garten der Hesperiden" und „Der Kamps mit dem Drachen", in ausgezeichneten Reproductionen vorgeführt. Die Verkörperung der antiken und christlichen Weltanschauung, aus der noch heute unser Geistesleben seine tiefsten Anregungen schöpft, zeugt in Prells Darstellungen von einer Tiefe geistvollen Empfindens und echt malerischen Ausdrucks, wie sie nur wenigen hochbegabten Künstlernaturen eigen ist. Der „Modernen Kunst" gebührt aufrichtiger Dank, daß sie weite Kreise des Volkes mit Leistungen von solcher Schönheit bekannt macht.
* -r-
Die HauplstLdte de« Welt. Das elfte Heft dieses Prachtwerkes enthält außer der glänzenden Schilderung Konstantinopels von Pierre Loti den Anfang des Aufsatzes über Bukarest, der keinen Geringeren zum Verfasser hat als Carmen Sylva, d. i. die Königin Elisabeth von Rumänien. Daß eine auf den Höhen des Lebens wandelnde Persönlichkeit, wie eine Fürstin, uns nur ein einseitiges Bild, ausgenommen von der Höhe ihrer Stellung, bietet, diese Befürchtung liegt nahe, erweist sich aber hier als unbegründet, denn diese Fürstin ist zugleich ein Dichter, dem nichts Menschliches fremd ist, der das Leben in seinen Höhen und Tiefen erfaßt und das Menschenherz kennt, und ein edler Mensch, der auch mit den Niederen zu fühlen, ihre kleinen Leiden und Freuden zu theilen, die Seele des Volkes zu verstehen vermag. So wird man der Schilderung Bukarests den Vorwurf der Ein- eitigkeit nicht machen können, und mehr als bei irgend einem der anderen Artikel des Werkes tritt zu dem Interesse für den behandelten Gegenstand das Interesse für die Person des Verfassers; von besonderem Reiz ist Carmen Sylvas Schilderung des ersten Eindrucks, den ie bei ihrem Einzug in ihr „neues Vaterland" empfing — eine Schilderung, die ebenso characteristisch für den damaligen Zustand des Landes, wie für die Persönlichkeit der hohen Dichterin ist. — Das Heft ist mit zahlreichen hübschen Illustrationen geschmückt, darunter das Doppelbild „O-ientalischer Tanz", die Vollbilder: „Die Galata-Brücke", „Em vorbeiziehender Harem", „Ueberredungskünste", sowie zwei Porträts der Königin von Rumänien (Carmen Sylva).
Redaction: S. Scheyda.
Srud und «erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Meßen.


