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In dem Boudoir war die Frühstückstafel gedeckt, und ein pechschwarzer Page in scharlachrother Livree stand mit schneeweißer Serviette unter dem Arm zur Bedienung bereit.

Polly, Polly! Ich bin Polly!" krächzte eine heisere Stimme vom Fenster.

Es war der jetzt altersschwache grüne Papagei.

Ethel fuhr unwillkürlich zusammen.Du hast also den Vogel noch, Mama?"

Ja, um Deinetwillen gebe ich ihm das Gnadenbrod," antwortete Iris, indem sie eine Trüffel zum Munde führte. Kind! Jetzt, da wir allein sind, habe ich Dir einige Worte zu sagen. Du mußt Deine Abneigung gegen Hannah zu überwinden suchen- sie ist mir von großem Nutzen, und wenn sie auch zuweilen ein wenig übermüthig wird, wie es bei allen verhätschelten Dienstboten der Fall ist, so hat sie doch ein braves und gutes Herz. Ich bitte Dich, mache sie Dir nicht zur Feindin- sie ist eine das heißt, sie ist gefährlich, kann es wenigstens werden. Es ist mein sehn­licher Wunsch, daß Du Dich freundlich gegen sie benimmst."

Ethel riß ihre Veilchenaugen weit auf.Ich freundlich! Und gegen Hannah Johnsohn!" rief die hochmüthige Erbin- wie kannst Du nur so reden, Mama? Ich verabscheue dieses Weib! Ich kann sie nicht ausstehen, und ich begreife nicht, wie Du sie um Dich dulden kannst- warum giebst Du ihr denn nicht den Laufpaß, Mama? Eine übermüthige Dienerin hat sich stets überlebt."

Ethel, Du weißt nicht, was Du sprichst!" rief Iris. Wenn Dir mein Wunsch etwas gilt, so reize Hannah nicht- sie ist Dir nicht sehr gewogen sie hat uns Beide in ihrer ich will damit sagen, daß ich nach ihren langjährigen Diensten so auf ihren Beistand angewiesen bin, daß ich sie nicht entbehren kann."

Ich muß mich über Dich wundern, Mama!" antwortete Ethel-ich würde mich nie von irgend einem meiner Dienstboten abhängig machen."

Du hast gut reden!" rief Iris pikirt-Du bist gesund und rüstig- ich aber wage es nicht, Hannah zu ent­lassen- ich kann ohne sie nicht leben. Es ist wahr, sie ist in den letzten Jahren sehr anmaßend geworden- sie fordert ungeheueren Lohn, und da ich mtch nicht mit ihr zanken will, so gebe ich ihren Forderungen nach. Apropos, Ethel, ich muß Dich um eine weitere Gefälligkeit bitten. Dein Groß­vater schlägt Dir keinen Wunsch ab- bitte ihn, mir eine Zulage zu meinem jährlichen Einkommen zu gewähren."

Mama!"

Dich wundert es wohl, zu hören, daß ich mit fünf­tausend Dollars das Jahr nicht auskommen kann? Bedenke nur die Reisekosten und die schweren Summen, die ich ver­geblich zahlte, um von meinem Gebrechen kurirt zu werden. Unter uns gesagt, ich stecke tief in Schulden und bin nicht im Stande gewesen, auch nur einen Dollar für die Zukunft zurückzulegen."

Aber Mama! Die Sorge für Deine Zukunft kannst Du doch sicherlich mir überlassen."

Ja, mein Kind, ich darf Deinem guten Willen wohl vertrauen. Wollte Gott, Godfrey Greylock wäre erst tobt, und Du hättest erst Dein Erbe angetreten- er hat wahr­haftig lange genug gelebt."

Mama!" rief Ethel bestürzt und erschrocken aus. //Oh Mama! Wie kannst Du so etwas auch nur denken!"

Iris hatte nicht beabsichtigt, so offen zu sprechen, allein ernste Befürchtungen und trübe Ahnungen begannen sie zu quälen. Hannahs Betragen war in letzter Zeit unerträglich geworden, und ein höchst unangenehmes Gefühl der Unsicher­heit hatte sich der Herrin der Rosen-Villa bemächtigt.Du liebst ihn natürlich," sagte sie nervös-Du kannst aber nicht erwarten, daß ich Deine Gefühle theile. Nun, mein Kind, vergiß nicht, um was ich Dich bat, und nimm die erste Gelegenheit wahr, Dir als eine persönliche Begünstigung eine weitere Zulage von weiteren fünftausend Dollars jähr­lich für Deine arme Mama zu erbitten."

Bist Du nicht ein wenig verschwenderisch, Mama?" fragte Ethel ernst.

Mag sein, mein Kind - allein das ist eher mein Unglück, als meine Schuld- ich war mit dem Geschmack und den An­sprüchen einer Herzogin geboren. Du solltest mir keinen Borwurf machen, Ethel, denn Du hast durch unsere Aus­söhnung mit Godfrey GreylockAlles gewonnen- selbst Hannah Johnsohn hat sich in meinem Dienst ein hübsches Vermögen erspart. Ich allein bleibe arm, bekümmert, unglücklich. Doch," fuhr sie fort, indem sie plötzlich einen anderen Ton anschlug,ich will nicht weiter über diesen unangenehmen Gegenstand reden- ist der englische Baronet angekommen, und hat Dein liebevoller Großpapa den Tag der Trauung bereits festgesetzt?"

Ethel erröthete, faßte sich aber rasch und sagte:Auf beide Fragen kann ich mit Nein antworten, Mama."

Iris lehnte sich in ihrem Feuteuil zurück und brach in ein schallendes Gelächter aus.Höre mich an, Kind," rief sie-ich habe die Bekanntschaft Deines hochgeborenen eng­lischen Freiers bereits gemacht, des Auserwählten Deines stolzen Großvaters, des verzauberten Prinzen, der Dich über das Meer nach dem Stammsitz seiner Ahnen führen soll."

Ethel stutzte.Wie soll ich das verstehen, Mama?"

Es traf sich ganz zufällig auf dem Dampfer. Wir reisten zusammen von Liverpool ab- er fing an, mich zu beobachten, noch ehe wir den Hafen verlassen hatten. Ich werde nie seekrank, wie Du weißt, und traf daher beständig auf dem Verdeck und in den Salons mit ihm zusammen. Am zweiten Tage der Reise entdeckte er meinen Namen, kam mit einer Karte in der Hand zu mir und fragte mich mit der ausgesuchtesten Artigkeit, ob ich nicht eine seiner amerikanischen Cousinen sei. Er war während der ganzen Reise mein beständiger Gefährte- seine Aufmerksamkeit gegen mich ging sogar so weit, daß die übrigen Damen an Bord grün vor Eifersucht wurden und allen Ernstes glaubten, daß er mich zu der Seinigen zu machen beabsichtige."

Ethel fuhr erschrocken auf.Er ist also angekommen, Mawa? Er ist wo ist er?"

Das weiß ich wirklich nicht," erwiderte Iris, indem sie ihre Chocolade schlürfte-wir trennten uns an oer Werfte von Boston- ich sah ihn seither nicht wieder. Und ich soll die Schwiegermutter dieses Mannes werden! Diese Idee erscheint zu lächerlich, wenn ich an seine neuntägige Cour­macherei an Bord des Dampfers bente !"

Ethel schob ihren Teller von sich- ihr Appetit war bahin.Es freut mich, baß Du ben Baronet liebenswürbig unb unterhaltenb gefunben hast, Mama- es freut mich, baß er Dich bewunderte- hätte er dies nicht gethan, so hätte er einen kläglichen Mangel an Geschmack gezeigt."

Es ist artig von Dir, dies zu sagen, Ethel. Ich war indessen wüthend über seine völlige Gleichgültigkeit in Bezug auf Dich. Nach unserer ersten Unterhaltung nannte er Deinen Namen nicht einmal mehr- er richtete keine Fragen an mich, zeigte weder Interesse noch Neugierde hinsichtlich des Mädchens, das Godfrey Greylock ihm buchstäblich verzeihe mir den Ausdruck buchstäblich an den Hals ge­worfen hat. War das nicht kalt und sonderbar? Ich sagte damals zu Hannah, daß ich befürchtete, es möchte nichts aus der Partie werden."

(Fortsetzung folgt.)

Die Greuel im Kinderashl zu Neapel.

Vor einiger Zeit ging durch verschiedene Zeitungen eine Notiz, die mit dürren Worten berichtete, daß in dem Findel­hauseSanta Casa dell' Annunziata" in Neapel letztes Jahr von 853 Säuglingen 850 gestorben und also nur drei mit dem Leben davongekommen seien. Nun kommt eine italienische Schriftstellerin von Namen, Mathilde Serao, die in einer