Ausgabe 
10.6.1897
 
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von den neuen Mitbewohnern und dem schrecklichen Schicksal der jungen Frau.

Der Zug von Bitterkeit und Verzweiflung auf seinem Gesicht trat noch schärfer als sonst hervor und leise sagte er: Glückliches Wesen!"

Starr sah ich ihn an war auch er vielleicht einer jener glücklichen Unglücklichen?

Doch ehe ich mein Befremden äußern konnte, ertönten von drüben her sanfte, volle Harfentöne und eine schwer- milchige Stimme sang:

Stell aus den Tisch die duftenden Reseden, Die letzten rothen Astern trag herbei, Und laß uns wieder von der Liebe reden Wie einst im Mai!"

Es klang wunderbar durch die Abendstille, leise und geheimnißvoll rauschte die See, es wu-de wach, was tief im Herzen geschlummert: Wünsche, Erinnerungen, Hoffen und Sehnen regten sich ein waches Träumen.

Es blüht und funkelt heut auf jedem Grabe, Ein Tag im Jahre ist den Tobten frei; Komm an mein Herz, daß ich Dich wieder habe Wie einst im Mai! Wie einst--"

Schrill, mit einem entsetzlichen Schrei, ein Schrei, der das ganze namenlose Seelenleiden des unglücklichen Weibes verrieth, brach die Sängerin ab. Stumm, dem Gesänge lauschend, hatte ich am Fenster gesessen, jetzt erst blickte ich auf mein Gegenüber. Bodinghausen war anscheinend kraftlos in seinen Sessel zurückgesunken meine Gegenwart schien er vergessen zu haben.

Komm an mein Herz, daß ich Dich wieder habe wie einst im Mai Evelyn!"

Leise, mit flehender Stimme wiederholte er die letzte Strophe des schwermüthigen Liedes.

Ich wandte mich zum Fenster zurück ich sühlte, hier war ich großem, schwerem Leid begegnet das Lied oder die Sängerin mußte in irgend einer Beziehung zu ihm stehen.

Nebenan blieb Alles still, auch Bodinghausen rührte sich nicht- lange saßen wir so stumm, da legte sich eine Hand auf meine Schulter, Bodinghausen stand vor mir und sagte: Verzeihen Sie, die Erinnerung war mächtiger als ich. Ich danke Ihnen für Ihre Nachsicht, die Sie mir stets bewiesen, lassen Sie mich Ihnen zum Dank meine Geschichte erzählen. Es dauert nicht lange und Sie werden mich dann besser verstehen und auch mich wird es erleichtern, wenn ich einmal einem Manschen mein Herzleid offenbaren kann."

Er nahm mir gegenüber Platz und begann mit leiser, ruhiger Stimme:

Wie Sie mich kennen und sehen, bin ich ein gebrochener Mann, einer, der keine Hoffnung, keine Zukunft, keine Wünsche und kein Begehren mehr hat aber ich war es nicht immer es gab auch für mich eine Zeit, in der mir die Welt so schön und das Leben so verlockend erschien.

Meine Eltern waren arm, Arbeiter in einer großen Fabrik. Wir lebten das Leben derEnterbten", dennoch waren wir glücklich bis meine Mutter starb; mit ihr schwand der Sonnenschein aus unserm Hause. Mein Vater gerieth in schlechte Gesellschaft und ehe noch ein Jahr ver­gangen, war Alles dahin und die Noth bis auf's Höchste gestiegen. Da starb auch der Vater. Ein wohlhabender Mann, der Mitleid mit mir empfand, nahm mich darauf zu sich. Er meinte eS gut mit mir und gab mir Alles mit auf den Weg, was in seiner Macht stand. Ich erhielt eine gute, gründliche Erziehung und trat dann in sein Geschäft ein­er wollte meine Zukunft sichern. Aber es kam anders er starb plötzlich. Seine Erben entledigten sich meiner- ich war ihnen eine Last- zum zweiten Male stand ich allein. Es ging mir wie V-elen überall, wo ich mich um eine Stelle bewarb, ward mir der gleiche ablehnende Bescheid.

Fast verzweifelt, kam ich auf den Gedanken, nach Amerika zu gehen, als Steward auf einem Dampfer gelangte ich hinüber und erlebte auch hier dieselben bitteren Enttäuschungen, bis endlich der Zufall mir zu einer guten Stellung verhalf.

Mein Chef war einer der californischenGoldkönige". Er hatte im Laufe der Zeit großes Vertrauen zu mir gefaßt und übertrug mir oft Privatangelegenheiten, die mich in sein Palais führten. Hier sah ich Evelyn Johnstone, seine einzige Tochter, die Erbin seiner Millionen, zum ersten Male. Sie liebte das Deutsche, da ihre Mutter eine Deutsche war, be­sonders, und ließ sich oft von mir über Deutschland erzählen, ich mußte ihr deutsche Bücher und Noten besorgen und sie auf dem Clavier zum Gesang begleiten.

Die Stellung der jungen Amerikanerin ist viel selbst­ständiger, viel freier, aber gerade dadurch viel unantastbarer als die unserer deutschen Mädchen, und der arme deutsche Clerk wurde als ein Mann, der seine Augen zu Evelyn Johnstone erheben könnte, von Mr. Johnstone überhaupt nicht gerechnet anders jedoch dachte Evelyn

Ich hatte, wie so oft, ihren Gesang begleitet, als sie noch ein Notenblatt auf das Clavier setzte.

Nur dieses noch, Mr. Bodinghausen, cs war meiner Mutter Lieblingslied und ist auch das meine."

Ich spielte und sie sang:

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, Die letzten rothen Astern trag herbei, Und laß uns wieder von der Liebe reden

Wie einst im Mai.

Gieb mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke, Und wenn man's sieht, mir ist es einerlei, Gieb mir nur einen Deiner süßen Blicke

Wie einst im Mai!"

Und als sie geendet da war's um uns geschehen Evelyn lag in meinen Armen wir hatten uns ja so lieb!

Nur wer den Stolz der amerikanischen Goldkönige kennt, kann ermessen, was unserer Liebe sicheres Schicksal. Evelyn gestand ihrem Vater die Liebe zu dem einfachen deutschen Clerk ein. Mr. Johnstone ließ mich in sein Privatcomptoir rufen.

Mr. Bodinghausen," sagte er,Evelyn hat mir gesagt, daß Sie sie lieben, ich achte Sie hoch, aber meine Tochter wird nur einen Mann heirathen, der reich genug ist, ihrer Millionen nicht zu bedürfen können Sie ihr das bieten, so sollen Sie mir als Schwiegersohn willkommen sein. Und nun leben Sie wohl."

Er reichte mir die Hand und übergab mir ein kleines Packet- es enthielt mein volles Jahresgehalt und einen Brief Evelyns. Sie schrieb:

Wir müssen uns trennen, Geliebter, versuche nicht, mich wiederzusehen. Gott geleite Dich - ich muß ohne Dich leben, aber werde bleiben bis zum Tode

Deine getreue Evelyn." (Schluß folgt.)

Hunroristisches.

Schöner Trost. Frau N. bemerkt erst nach dem Umzuge in ihre neue Wohnung, daß die Wasserleitung sich außerhalb des Hauses im Hofe befindet. Sie läßt den Wirth rufen und hält ihm vor, daß er ihr diesen Uebelstand absichtlich verschwiegen habe.Aber denken Sie doch daran, meinte dieser,was Sie im Sommer für kühles Wasser haben werden!"Ja, aber im Winter muß ich immer durch den Schnee waten, um Wasser zu holen." ,/^'cht doch, haben Sie gar nicht nöthig. Im Winter ist die Lei­tung regelmäßig zugefroren!"

Redaction: L. Schryda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch & Scheyda) in Gießen.