Ausgabe 
10.6.1897
 
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erreicht und stand vor dem Schaufenster einer Conditorei. Hungrig, müde und mit sehnsüchtigen Blicken schaute ich auf die Kuchen und andere guten Dinge, die hinter der großen Spiegelscheibe ausgehäuft lagen, als zwei junge Leute an mir vorüberstreiften.

Der Jüngere, fast noch ein Knabe, wandte sich bei meinem Anblick betroffen um und blickte mich mit seinen munteren, blauen Augen mitleidsvoll an.

Armes, kleines Ding!" sagte er;Du möchtest wohl ein wenig von dem Kuchen und dem Zuckerwerk da drinnen haben?"

Ja," antwortete ich.

Er steckte die Hand in die Tasche, zog sie aber leer heraus; er schien nichts gefunden zu haben.

Komm, Deck!" rief sein Kamerad lachend aus;wir kommen zu spät in's Hospital, die Vorlesungen haben bereits begonnen, und dann wird der Onkel ungehalten sein; Du hast kein Geld bei Dir?"

Ich habe mein Portemonaie vergessen," erwiderte der Jüngere;leihe mir einen Vierteldollar. Bei Gott! Ich habe nie ein so erbarmungswürdiges Gesicht gesehen, als das dieses Mädchens."

Der Aeltere gab ihm das gewünschte Geld, sagte aber mit überlegener Miene:

Einen Vierteldollar willst Du ihr geben? Welche Verschwendung! Wie närrisch, sich von dem Jammergesicht einer Straßenbettlerin bethören zu lassen; es gehört mit zu ihrem Gewerbe, eine klägliche Fratze zu schneiden."

Mit gutmüthigem Lächeln streckte derDick" Genannte das Geld in die Hand.

Da, mein liebes Kind," sagte er freundlich;siehst Du, um Deinetwillen habe ich Schulden gemacht; nimm das Geld und kaufe Dir Kuchen dafür. Wie heißt Du denn?" Polly."

Polly? Wie weiter?"

Das ist Alles."

Wirklich? Das ist ja ein merkwürdig kurzer Name."

Wo wohnst Du?"

Um's Himmels willen, Dick, so komme doch!" rief der Aeltere ungeduldig;hat man jemals einen so albernen Menschen gesehen, sich mit solch' einem Geschöpf in ein langes Gespräch einzulassen."

Dies waren die letzten Worte, die ich vernahm, denn in demselben Augenblick erspähte ich in dem dichten Wagen­gewühl der Straße eine höchst elegante Equipage, die lang­sam an dem Punkt, wo ich stand, vorüberfuhr. Es war ein sogenannter Landauer. Die Pferde waren prächtige Thiere in glänzendem Geschirr, der Kutscher trug eine fashionale Livräe und hatte ein steifes, pompöses Aussehen.

In der Equipage saß eine Dame mit einem Kind; sic trug eine reiche Toitette, Diamanten blitzten an ihrem Busen und in ihren Ohren, ein prächtiges Pariser Hütchen bedeckte ihre schönen Locken, die ihr hübsches, bleiches Gesicht um­wallten. Ich erkannte sie auf den ersten Blick.

Und das Kind neben ihr? Mein Herz pochte gewaltig auf und schien dann plötzlich still zu stehen. In veilchen- farbenen Sammet mit Spitzen und Stickereien gehüllt, während das Licht der Sonne auf ihre zarten, rosigen Wangen und ihre langen, goldenen Locken fiel, saß Nan wie eine Heine Lilie, als wäre sie mitten unter all diesem Luxus ge­boren, neben der Dame.

Einen Augenblick stand ich wie versteinert da; daun aber sprang ich mit einem Schrei, der die Blicke aller Um­stehenden auf mich lenkte, von dem Trottvir auf den von Wagen aller Art blockirten Damm.

Nan! Nan!" rief ich.

Das Geräusch der Straße übertönte meine Stimme; das liebe Kind hörte und sah mich nicht.

Nicht so die lahme Dame.

Nan! Nan! Nan!" rief ich wieder, so laut ich vermochte. (Fortsetzung folgt.)

Wie einst im Mai.

Novellette von M. C. Carpenter-Meyer.

------- (Nachdruck verboten.)

Komm an mein Herz,

Daß ich Dich wieder habe, Wie einst im Mai!

Nun wir Ihre Knochen wieder so weit zusammengeheilt haben, bleibt nichts mehr für uns Chirurgen, die Natur muß das Uebrige thun, lieber Freund. Ich rathe Ihnen, bis zum Sommer an die Nordsee zu gehen, Ihre Nerven sind total runter dort leben Sie so ruhig wie möglich keine Extravaganzen, keine Aufregungen kein fashionables Modebad nein, ein einsames Fischerdorf."

Mit diesem wohlmeinenden Rath entließ mich Professor B. aus seiner Klinik und ich ging in die Verbannung.

Oede und verlassen lag der Strand des kleinen Fischer­dorfes P. da, ein paar kreischende Möven, spielende Kinder, zur Zeit der Ausfahrt und Heimkehr die Fischer mit ihren Netzen und Körben, der Wechsel von Ebbe und Fluth und hin und wieder in der Ferne ein schwarzer Streifen der Rauch eines Oceandampfers.

Drei Wochen schon beobachtete ich dieses sich ewig gleichbleibende Bild und fühlte, wie die Kräfte langsam wieder- kamen trotz der frischen Märzluft, wenn nur die schreckliche Langeweile nicht gewesen wäre!

Außer mir beherbergte P. zur Zeit nur noch einen Gast, einen reichen, spleenigen Amerikaner, wie meine Wirthin sagte, der ob seines finsteren, schweigsamen Wesens den Strand- bewohneru viel Stoff zu abenteuerlichen Gesprächen gab. Gesehen hatte ich ihn noch nicht.

Da, als ich eines Nachmittags traumverloren am Strande lag, stand plötzlich ein junger Mann vor mir, der eine von mir vor einigen Tagen verlorene Brieftasche mit wichtigen Notizen in der Hand hielt und mir dieselbe mit artigen Worten reichte. Er war groß und schlank, man hätte ihn schön nennen können, wenn nicht ein so finsterer Zug auf seinem Gesicht gelegen hätte, wenn nicht die Augen so starr und unheimlich geblickt hätten.

Ich sprach ihm meinen Dank für die Tasche aus, wir stellten uns einander vor und waren bald in eifriger Unter­haltung. Es war derAmerikaner", wie sie ihn hier nannten, obwohl fein Name Bodinghausen echt deutsch klang. Wir trafen uns von diesem Tage ab öfter am Strande, ich fühlte mich trotz des großen Ernstes zu ihm hingezogen, er­zählte ihm von meinem Leben, meinem Wollen und Können, theilnahmsvoll lauschte er all meinen Plänen, manch' guten, erprobten Rath gab er, nur über sich und seine Berhältniffe sprach er seltsamerweise niemals.

War das Wetter gar zu schlecht, daß ich nicht hinaus durfte, so kam er zu mir. Wir spielten bann Schach oder Tarock und vertrieben uns die Zeit, so gut es eben gehen wollte, immer aber tag auf seinem Gesicht ein Ausdruck von Schmerz, es mußte ein schreckliches Etwas in sein Leben ein­gegriffen haben.

Woche auf Woche ging so hin. Es war Mai geworden und die ersten Sommergäste waren in P. eingezogen; auch meine Wirthin hatte noch zwei Damen aufgenommen.

Es sind feine Damen, Herr," sagte sie,eine Mutter mit ihrer Tochter, einer jungen Capitänswittwe, deren Geist durch den frühen Tod ihres Gatten umnachtet. An der See sollte die Bedauernswerthe für ihre kranken Nerven Stärkung suchen."

Gesehen hatte ich die Damen noch nicht, nur ab und zu hörte ich eine schöne, weiche Altstimme zur Begleitung einer Harfe schwermüthige Lieder fingen.

Bodinghausen und ich saßen wie gewöhnlich beim Schach, als im Nebenzimmer deutlich eine Stimme sagte:Evelyn, willst Du nicht einmal wieder fingen ?"

Befremdet sah mich Bodinghausen an; ich erzählte ihm