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Vernachlässigung meines Tagewerkes grausam gezüchtigt werden würde- allein ich sah nichts Beunruhigendes.
Stunde um Stunde verging; ich hatte noch keinen Cent eingenommen- ich entfernte mich endlich aus unserem Mertel, kehrte aber nach kurzer Zeit zurück und ging endlich nach Hause. Einer Katze gleich schlich ich die Treppe hinauf und öffnete die Thür der Dachkammer. Großmutter Serag befand sich allein darin, wie fast immer, auch heute bei ihrer Ginflasche.
„Wo ist Nan?!" rief Ich athemlos.
Sie blickte mich von der Seite an. „Wo ist das Geld, das Du eingenommen hast?"
„Ich habe keins — keinen Cent!" schrie ich. „Wo ist Nan?" fragte ich wiederholt.
In diesem Augenblick fielen meine Blicke auf den Eck schrank. Die Thür stand offen, und auf einem der Bretter gewahrte ich eine Rolle Geld — mehr als ich je in meinem Leben gesehen hatte. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und die grausame Gewißheit drang wie ein Dolchstoß in mein Herz. „Großmutter!" schrie ich, „wo hast Du das Geld her? Du hast meine Schwester an die fremden Leute verkauft — sie haben das arme Kind mit fortgenommen!"
Die Alte rührte gleichmüthig ihren Gin um. „Was geht das Dich an?" stammelte sie- dann fügte sie energisch hinzu: „Ja, sie haben sie mit fortgenommen, und ich bin den Satansbalg nun für immer los!"
Einen Augenblick stand ich wie versteinert da- dann stürzte ich auf die Alte zu und schlug ihr das Whiskyglas aus der Hand.
„Wo sind die Leute? Die Leute, die Nan mit fortnahmen? Wie heißen sie und wo wohnen sie? Ich muß es wissen!" keuchte ich hervor.
„Ich weiß nicht, wer und wo sie sind," antwortete die Alte mürrisch- „ich habe ein Recht, nach Gutdünken über das Kind zu verfügen- sie ist meine Enkelin, und ich bin zu alt, um länger für sie zu sorgen- es war eine Handlung der Barmherzigkeit, daß die Leute sie mir abnahmen."
Ich glaubte ihr nicku, daß sie Nans Großmutter sei, verschwieg jedoch meinen Zweifel und legte mich auf's Bitten. „Sag mir, Großmutter, wann waren diese Weiber hier und was sagten fie?' bettelte ich und nannte die Alte bei Schmeichelnamen.
Um mich zu beschwichtigen, antwortete sie: „Es war nur eine hier, eine dunkle Person mit verschleiertem Gesicht. Sie kam vor ungefähr einer Stunde herauf und sagte, sie suche ein kleines Mädchen, das sie auf der Straße gesehen habe. Sie wisse von einer Dame, welche die Kleine zu adoptiren wünsche- sie gab keinen Namen an, ließ sich auf keine Erklärung ein und sagte, daß Keines von uns das Kind je wieder sehen solle, daß die Kleine es aber sehr gut haben würde - sie solle wie das Kind reicher Leute gehalten werden. Ich nahm das Geld, welches sie mir bot, und sie nahm Nan und fuhr mit ihr in einer Katsche fort. Das ist Alles."
Ich wußte, daß sie die Wahrheit sprach, und so jung ich war, hatte ich doch schon gelernt, daß es in dieser Welt ein unvermeidliches Schicksal giebt, gegen das man vergebens ankämpft, dem sich Alle unterwerfen müssen. In dieser ersten Nacht meiner Trennung von Nan gelobte ich mir, sie zu suchen. „Ich werde sie finden," sagte ich mir, „und sollten auch Jahre und Jahre darüber vergehen." Dieser Gedanke gemährte mir einen großen Trost.
Am folgenden Tage stellte ich mich neben dem großen Kaufladen auf, vor welchem mich die eine der Frauen angesprochen hatte. Eine Eguipage nach der anderen kam vorgefahren, Hunderte von Damen gingen zu den großen Flügelthüren aus und ein, allein keine braune, blatternarbige Frau ließ sich mit ihrer schönen, lahmen Gebieterin am Arm erblicken, Niemand, der auch nur die emfernteste Aehnlichkeit mit derjenigen hatte, die ich so euisig suchte. Mit leeren Händen kehrte ich am Abend nach der Dachstube zurück.
Großmutter bedurfte ja für den Augenblick keines Geldes- der Preis, den sie für Nan erhalten hatte, befand sich noch in dem Eckschrank. Was sie mit jenem Gelde angefangen erfuhr ich nie- ich hätte keinen Cent davon berührt, wäre ich auch am Verhungern gewesen- es war ja Blutgeld!
Am nächsten Tage durchwanderte ich die unendlich langen Straßen, schaute zu unzähligen Fenstern empor blickte in alle vorüberfahrenden Equipagen, musterte allenthalben das Volksgedränge, das sich auf den Trottoirs hm und her schob — doch nirgends entdeckte ich eine Spur von Nan.
Dies war der Anfang meines Suchens, das sich aus Wochen, Monate und Jahre ausdehnte, ohne den geringsten Erfolg zu haben. Die Zeit tröstete mich nicht um Nans Verlust- nichts vermochte ihren Platz in meinem Herzen auszufüllen.
Das Elend in der Alley nahm zu. Die Raufereien und Schlägereien wurden häufiger, die Bewohner des Mieths- hauses fluchten immer lauter auf den alten wackeligen Treppen- Großmutter Serag trank immer mehr Gin, und die Treffes die ich Pietro und den übrigen Knaben der Gasse zu liefern hatte, nahmen an Heftigkeit beständig zu. Ich hatte die Alley von jeher gehaßt- nach Nans Verschwinden verabscheute ich sie mehr, als Worte auszudrücken vermögen.
Ein Jahr verging, ein zweites und ein drittes schwand dahin, und noch immer war in meinem elenden Leben keine Veränderung eingetreten. Nach wie vor bewohnte ich mit Großmutter Serag die erbärmliche Dachstube, nach wie vor hatte ich Schläge und Mißhandlungen von ihr zu erdulden, war ich das Opfer der Sommerhitze, des Winterfrostes, des Hungers und der Entbehrungen.
Und während dieser ganzen langen Zeit setzte ich meine fruchtlosen Nachforschungen nach der Entführten beharrlich fort. Während dieser ganzen langen Zeit begab ich mich nicht ein einziges Mal an mein verhaßtes Tagewerk des Bettelns auf die Straße, ohne an sie zu denken — ohne in bie fashionablen Läden und in die Equipagen zu blicken, die an mir vorüberrollten. Immer und überall stand ich aus der Lauer nach Nan. War sie tobt oder lebte sie noch? Diese Frage legte ich mir beständig vor, und dazu gesellte sich die weitere Frage, ob sie wohl glücklich sein mochte. Litt sie Hunger und Frost, und — oh! — hatte sie Polly vergessen?
Im dritten Jahre war meine Sehnsucht nach dem Kinde noch stärker als im ersten - sie steigerte sich zu einem Fieber, das meinen vom Hunger ausgemergelten Leib und meine ruhelose Seele verzehrte.
Nie werde ich einen Tag in meinem freudlosen Leben vergessen. Die Sonne schien hell auf die große Stadt hernieder- die Straßen wimmelten von Menschen, die alle froh und glücklich in die Welt zu blicken schienen. Unser Orgeldreher hatte sich mit Pietro und dem Affen sehr früh auf den Weg gemacht- die alte Obstverkäuferin an der Straßenecke sang stillvergnügt vor sich hin, als ich an ihr vorüberging und rieb ihre rothbackigen Aepfel mit einem wollenen Tuch. Ich selbst kam mir als das einzige elende Wesen auf der ganzen weiten Erde vor.
An jenem Morgen hatte ich mich zum ersten Male geweigert, nach der Schnapsbude zu gehen und Gin für Großmutter Serag zu holen, war bei dieser Weigerung hartnäckig verblieben. Das Resultat war das gewesen, daß die Alte mich die Treppe hinabgestoßen hatte und mich jetzt jedes Glied meines mageren Leibes schmerzte- Mehr als je vermißte ich die kleinen Füße, die einst neben mir her trippelten, das zarte Händchen, das einst in meiner Rechten zu ruhen pflegte, wenn wir auf unser verhaßtes Tagewerk ausgingen. „Oh, Nan, komm zurück!" schluchzte ich einmal um das andere, als ich langsam durch die Straßen schlenderte, „nur einmal noch, nur für einen Augenblick zeige Dich meinen Blicken, dann will ich gern zufrieden sein!"
Und endlich, endlich fand dieser Aufschrei meines armen Herzens eine Antwort. Ich hatte den besseren Stadttheil


