Ausgabe 
10.4.1897
 
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schulpflichtigen Jungen, um mich als treuer Familienvater meiner Frau und den kleineren Kindern anzuschließen, welche schon seit einigen Wochen dort sind."

Er war sehr aufgeräumt, Lothar von Lossen. Bei dem ersten Blicke hatte er die schöne, junge Frau wiedererkannt, die ihm damals als blutjunges Mädchen solch ein ungewöhn­liches Interesse eingeflößt. Bald nach seiner eigenen Ver­lobung hatte er die ihre erfahren, und dann war sie für ihn verschollen gewesen; nun freute er sich des Wiedersehens. Nur um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, nicht etwa zum Frommen seines wenig poesieempfänglichen Sohnes hatte er den Byron vorgetragen, und es war ihm nicht entgangen, welchen Eindruck dieser gemacht.

Das Zusammensein mit ihr würde eine pikante Abwechslung in die Langeweile des Badelebens bringen. Jetzt konnte er sich ja dem Genüsse ihrer Gesellschaft mit Ruhe hingebeu- sie waren beide wohlversorgte Eheleute, und er brauchte keine weitergehenden Folgen einer kleinen Cour­macherei zu fürchten.

In Regine aber stritten verschiedenartige Gefühle- sie sollte wochenlang mit Losfen zusammen sein der Gedanke war so unfaßlich - er erfüllte sie mit Freude und Angst zu­gleich. Gleichviel, er durfte um keinen Preis von ihrer Erregung merken.

Ich freue mich, Ihre Frau Gemahlin kennen zu lernen," sagte sie ruhig.Wissen Sie auch, daß wir Frau Lottchen von Rechow, geborene Palzin, in Sylt antreffen werden, oder stehen Sie nicht mehr bei ihrem alten Regimente in Falkenberg?"

Bei dem NamenFalkenberg" wollte es Lossen kalt überrieseln.

Nein, Gott sei Dank," rief er in komischem Ent­setzen,dem elenden Neste habe ich seit Jahren glücklich Valet gesagt. Meine jetzige Garnison ist Frankfurt a. Main."

Auch das sagte er nicht ohne leichte Bitterkeit. Ja, auf Berlin hatte er doch verzichten müssen. Constanze Pott­müller hatte sich nicht so bildungsfähig erwiesen, als er ge­hofft. Sie paßte nun einmal nicht in die Garde, und er mußte froh sein, nur die Versetzung nach Frankfurt erlangt zu haben, welches ihm doch einigermaßen die Möglichkeit anregenden Verkehres und großstädtischer Genüsse bot, wenn auch natürlich nicht in dem Grade, wie Berlin."

Aber Sie selbst, meine Gnädigste, welchen Ort haben Sie sich zu Ihrer Residenz erwählt?"

Wir leben auf dem Lande," sagte Regine in etwas abweisendem Tone,meines Mannes Güter liegen in Ost­preußen."

Wo aber verbringen Sie den Winter?"

Auch in Hellingsthal," erwiderte sie mit einem ver­fehlten Versuche zu scherzen,mein Mann ist ein zu enragirter Landwirth, um sich von seinem Gute zu trennen, und ich bestrebe mich, mir durch Lectüre etwas geistige Anregung zu verschaffen, um nicht ganz zu verdummen in unserem abge­schlossenen Erdenwinkel."

Wider ihren Willen war doch die innere Verstimmung durchgeklungen. Des Verkehres mit Menschen zu sehr ent­wöhnt, hatte sie verlernt Empfindungen zu verbergen, die nicht zu der Kcnntniß Anderer zu gelangen brauchten. Nun wußte Lossen sofort, wie es stand. Sie fühlte sich vereinsamt, ihr Mann war ein simpler Krautjunker, der kein Verständniß hatte für ihre Interessen- desto empfänglicher würde sie dafür sein, wenn sie dasselbe auf anderer Seite fand.

Regine spürte das Bedürfniß abzulenken.

Wie wunderbar schön ist doch die Nordsee in diesem dumpfen Grollen," sagte sie und klammerte sich fest an die Schiffsbrüstung, um einem heftigen Schwanken Stand zu halten.Es ist das erste Mal, daß ich das echte Meer sehe, bisher kannte ich nur die zahme Ostsee. Ich kann nicht sagen, wie mich der Anblick dieser großartigen, bewegten Wasser­massen ergreift."

Lossen nickte.

Ja, man fühlt sich dabei so ameisenklein, und doch dehnt sich die Seele so weltenweit, wie Heine es ausdrückt," sagte er ernst.

Regine war betroffen- er hatte wieder die richtigsten Worte gefunden für das, was sie empfand.

Das eigene Ich mit all seinen kleinlichen Sorgen und Mühen sinkt in nichts zusammen," sagte sie langsam,man fühlt sich nur noch wie ein Tropfen im Meere der Unendlich­keit, und es ist, als spräche aus dem Rauschen eine vertraute Stimme, welche wir in einem früheren Leben wohl verstanden haben, die uns wieder eine Zukunft verheißt, in der sich alle Räthsel der Natur für uns enthüllen werden.

Gegen Felix würde sie solche Gedanken nicht geäußert haben- bei Lossen kam es ganz natürlich.

Sie würden die rechte Frau gewesen sein für Loti's Island-Fischer," meinte dieser mit leisem Lächeln,Sie würden Ihrem Gatten die Liebe zum Meere nachgesühlt haben und hätten es ihm vielleicht sogar verziehen, daß ihm diese Liebe selbst über die zu seinem Weibe ging."

Niemals!" sagte sie hastig,ich wäre ebenso eifersüchtig gewesen als Gaud, hätte das Meer noch bitterer gehaßt, wenn es mir ein so heiß ersehntes, kaum erlangtes Glück zerstörte!"

Sie vergaß ganz, wo sie eigentlich war, mit wem sie sprach. Nur das wonnige Gefühl beseelte sie, daß da Jemand neben ihr stand, der auf ihre Ideen einging, neue in ihr anregte.

Eine kleine Hand schob sich plötzlich in die ihre, und ein verängstigtes Kindergesicht blickte zu ihr empor.

Mütterchen, komm schnell," flüsterte Karin, der arme Papa will sterben!"

Felix! Wo war er geblieben, wie kam es, daß sie ihn gar nicht vermißt hatte! Auf das Aeußerfte erschrocken folgte sie der Kleinen in die Cajüte, unfähig, sich die natür­liche Ursache dieser Erkrankung klar zu machen. Da lag ihr unglücklicher Gatte bleich, theilnahmlos, ein klägliches Opfer der Seekrankheit. An das Sterben ging es freilich noch nicht bei ihm - aber fast wäre ihm ein Sarg auf festem Boden willkommener erschienen, als dieses bequeme Ruhesopha aus der erbarmungslos schaukelnden See. Zu helfen gab es da freilich wenig. Regine saß schweigend neben ihm und marterte sich mit heimlichen Vorwürfen, daß sie nicht seinem Wunsche gefolgt war und den Landweg genommen hatte. Erst am Tage nach der glücklichen Ankunft auf Sylt fing Felix an, sich von den Folgen der stürmischen Ueberfahrt zu erholen. Auf Karin aber hatte der Anblick seines Zu­standes einen tiefen Eindruck gemacht.Nicht wahr, Mütterchen," fragte sie ganz überwältigt von dem Erlebten,die See­krankheit ist doch gewiß der schrecklichste Tod?"

(Fortsetzung folgt.)

Herrschaften und Dienstboten.

(Schluß.)

Jeder Mensch, zumal der in abhängendrr Stellung, ist empfänglich für warme Theilnahmr, die man seinem nicht gerade glänzenden Geschick entgegenbringt. Ohne aufdringlich zu sein oder gerade bevormundend aufzutreten, zeige die Frau dem dienenden Mädchen, zumal dem ganz jungen, mütterliche Fürsorge, lasse sie den Pflichten ihrer Religion genügen, ge­währe ihr Zeit, ihre Habseligkeiten in Ordnung zu halten, gönne ihr von Zeit zu Zeit ein bescheidenes Vergnügen, das dem jungen Blut wieder freudige Schaffenskraft gibt, und halte sie zur Sparsamkeit an - sorge auch nach Umständen dafür, daß das Mädchen ihre Sparpfennige sicher anlege und sich ein kleines Capital zu erwerben suche, das ihm in späteren Tagen eventuell zur Schließung einer Ehe, Gründung eines kleinen Geschäftes oder zur Altersversorgung verhelfen soll. Fortgesetzter Wechsel von Dienstboten oder Herrschaften lassen