Ausgabe 
10.4.1897
 
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alte Frau sagen, wenn sie einen Einblick in die verwilderten Zustände in Küche und Keller that? Aber er blieb ihr gerade nur so viel Zeit, ein Fremdenstübchen zu rüsten.

Schwiegermütterchen kam und hatte eitel Freude an ihrem Flix, an der schönen Schwiegertochter, sie konnte sich nicht satt sehen an den prächtig blühenden Enkelkindern. Aber schon das Mittagessen brachte die erste Enttäuschung. Eine Pute erschien als Braten, aber was für ein jämmer­liches Ding! Haut und Knochen und Sehnen. Die schönen Puten waren ein besonderer Stolz von Hellingsthal gewesen. Regine fing den kritischen Blick auf, mit dem Frau von Helling das elende Geflügel maß, und entschuldigte sich hastig:Die nachlässige Magd hatte im Frühlinge die kleinen Puten nicht gehütet, sondern sie im Regen herumlaufen lassen, da waren die meisten gestorben, der Rest verkümmert." Die Magd hatte wohl gewußt, daß weder von Seiten der gnädigen Frau noch der Mamsell eine Besichtigung des Geflügelstalles zu befürchten stand, da war sie auch eben ihren eigenen Ver­gnügungen nachgegangen, gerade wie diese beiden.

Als Frau von Helling später einen stillen Musterungs­gang antrat, schloß sich Regine ihr lieber gar nicht an. Sie fürchtete die Vorwürfe, die immer noch früh genug kommen würden.

Aber Schwiegermütterchen sagte gar nichts, als sie von ihrer Wanderung zurückkam,- sie sah nur so niedergeschlagen aus, daß ihr Anblick Reginen weher that als alle Worte. Gern wäre Frau von Helling der Schwiegertochter mit ihrer bewährten Erfahrung zu Hülfe gekommen/ aber diese schwieg und sie war viel zu feinfühlig, um ungebeten ihren Rath aufzudrängen.

Kurz vor der Abfahrt stand sie mit ihrem Sohne allein vor der Hausthür. Felix räusperte sich.

Liebe Mutter," begann er dann zögernd,könntest Du nicht versuchen, eine tüchtige Wirthschafterin für uns ausfindig zu machen? Du hast ja selbst gesehen, wie schlecht die arme Regine damit angekommen ist."

Sie nickte nur zustimmend, dann schwiegen Beide wieder. Vom Garten ließen sich die Hellen Kinderstimmen vernehmen. Frau von Helling legte leise ihre Hand auf des Sohnes Arm:

Wie viel Ursache zum Dank Du doch hast, mein Felix," sagte sie sanft und innig,solch' prächtige Kinder eine so liebe Frau" und doch standen dabei Thränen in ihren Augen.

Felix zog ihre Hand an die Lippen/ so warm hatte er sie noch nie geküßt. Selbst aus dem Munde der eigenen Mutter hätte ihn ein Tadel der geliebten Frau geschmerzt.

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Im Winter zog ein ungebetener neumodischer Gast in HellingSthal ein, die Influenza. Regine und die Kinder wurden davon ergriffen und konnten die Folgen nicht recht überwinden. Darum sprach der Arzt von Luftveränderung, als der Sommer kam, von einem Nordseebade. Lottchen Rechow schrieb begeisterte Briefe aus Sylt, wo sie mit den Knaben weilte, und Felix beschloß, Regine und die Kinder dorthin zu bringen, damit sie an den Verwandten gleich passenden Anschluß fänden. Er selbst konnte sich vorläufig nicht für längere Zeit von seinem Gute entfernen. Später nach der Ernte hatte er einem Freunde einen Besuch in Heidelberg versprochen, welches ihm infolge alter Erinnerungen lieb war/ hatte er doch dort als lebensfroher Saxoborusse einige Semester Jura studirt.

Die Koffer wurden gepackt und Regine sah der Befreiung aus dem ewigen Einerlei des Landlebens freudig entgegen. Wie viel Genuß bot schon die Reise! Der Nachmittag, den man in Blankenese bei Hamburg zubrachte, versetzte sie in Entzücken. Der Anblick der eleganten Villen und Gärten, der breiten Elbe, welche mit ihrem Wechsel von Ebbe und Fluth die Nähe des Meeres schon so verheißungsvoll an­deutete ; später das Herumfahren im Hamburger Hafen und Besichtigen der fremdländischen Schiffe, die von Italien,

Amerika, aus den deutschen Kolonien kamen, das war alles ein so fremdes, anregendes Getriebe, und die junge Frau fühlte sich dadurch wie von neuem Leben erfüllt. Auf ihre dringende Bitte wollte man auch die Reise nach Sylt ganz zu Schiffe machen, obgleich Felix das fröstelnde Grauen, das ihn bei dem Gedanken an eine fünfzehn- bis sechzehn­stündige Wasserfahrt beschlich, nicht unterdrücken konnte.

Welches Hochgefühl erfüllte Regine, als sie am nächsten Morgen die Ufer der Elbe immer weiter zurücktreten sah, bis sie den Blicken endlich ganz entschwanden, und das weite, herrliche Meer mit seinen graugrünen Wogen sie auf seinen Rücken nahm und sie dahin trug. Mit vollen Zügen schlürfte sie die salzige, erquickende Luft ein und spähte den weißen Möoen nach, die das Schiff begleiteten. Was kümmerte es sie, daß die Brise immer heftiger wehte! Den Hut hatte sie längst abgenommen, um ihre Stirne in dem frischen Winde zu baden, und nun beobachtete sie mit Begeisterung das stetige Anwachsen der Wellen. Wie sie ihr Spiel trieben mit dem großen, kräftigen Dampfer, wie sie ihn auf und ab schaukelten, je nachdem ihnen die Laune stand.

Eine wundersame Empfindung kam über Regine. Es war ihr, als sei sie ganz allein auf dem Schiffe, als wäre sie mit dem Schiffe eines geworden, und sie freute sich des Kampfes, den es zu bestehen hatte mit den Wogen, um sich die Bahn zu erobern, als sei sie selbst die Ringende und ihre Energie allein trage sie vorwärts.

Da schlugen schöne, wohlbekannte Worte an ihr Ohr, die zu ihrer Stimmung paßten, wie keine anderen. Jemand declamirte in ihrer Nähe Byrons herrlichen:Address to the Ocean, diese Unvergleiche Hymne auf das Meer.

Auf Regine fiel es wie der Bann eines Zaubers/ die Stimme erinnerte sie an etwas Schönes, längst Vergangenes/ sie wußte selbst nicht genau, warum dieselbe sie so berührte. Aber erst als die Verse beendet waren, wandte sie sich um und suchte den Sprecher.

Wie ein heißer Schreck durchzuckte eS sie plötzlich, daß sie sich schnell zurückdrehte und, wie schwindelnd, mit der Hand die Lehne einer Bank ergriff nein, es war kein Traum. Jener schöne, große Mann mit der weißen Stirne und den dunkeln Augen war der Gegenstand ihrer ersten Liebe, war Lothar von Lossen.

Neben einem etwa siebenjährigen Knaben stand er dort, in elegantes und doch zweckentsprechendes Civil gekleidet, mit der leichten weißen Leinenmütze auf dem dunkeln Haare, deren Schirm die Augen vor dem Blenden schützte, und schien nur zu dem Kinde jene Worte gesprochen zu haben. Denn es war merkwürdig leer geworden auf Deck/ alle die zahlreichen Passagiere schienen allmälig verschwunden zu sein. Regine rang nach Fassung.

Da stand er schon neben ihr und musterte sie mit einem seltsamen bewundernden Blicke:

Ich weiß nicht, meine gnädigste Frau, ob ich noch die Ehre in Anspruch nehmen darf, von Ihnen gekannt zu sein," sagte er, sich tief verbeugend, und doch sprach aus seiner Art und Weise eine gewisse, sichere Zuversicht, nicht vergessen zu sein. Das gab Regine die nöthige Haltung. /

Gewiß erinnere ich mich Ihrer noch, Herr von Lossen," sagte sie kühl und fühlte ärgerlich das aufsteigende Roth in ihren Wangen,wir verlebten vor Jahren einige angenehme Stunden zusammen bei meinem Verwandten Palzin."

Das klang nicht sehr ermuthigend. Aber eben jene Röthe des lieblichen Antlitzes stärkte Lossens Selbstvertrauen.

Darf ich fragen, welches Ihr Reiseziel ist, meine gnädigste Frau, und wie lange es mir vergönnt sein wird, die Fahrt mit Ihnen gemeinsam zu machen?" fragte er weiter. Regine mußte Rede stehen.

Wir begeben uns nach Westerland auf Sylt, wo ich einige Wochen mit meinen Kindern zuzubringen gedenke.

Lossen lachte erfreut.

Das ist ja ein herrliches Zusammentreffen," rief er munter. Eben dorthin strebe ich auch mit meinem ältesten.