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Die Sprecherin versetzte dem Papa, welcher sich nach seiner niederfallenden Zeitung bücken wollte, einen ungeduldigen kleinen Hieb mit der Stiefelhacke. „Es war beinah wie Elsa und Lohengrin! Nur umgekehrt. — Als sie nämlich lange genug geküßt hatten" — Fränzchens Gesicht färbte sich noch in Gedanken daran mit Zornesröthe — „sagte Hellmuth plötzlich, er müsse ihr eine Beichte ablegen, — er sei nicht Derjenige, für den sie ihn halte" — —
„Kränzchen — um Alles in der Welt"--
„Na, na, Mamachen, brauchst nicht so furchtbar zu erschrecken! daß er kein Schuster oder Schneider war, merkte man ihm doch an! — Nein, etwas ganz Anderes war er! — rathet mal! Rathet doch mal, wer dieser Hellmuth ist!" — Und das Backfischchen hopste so lebhaft auf dem selbstgewählten Sitz, daß Graf Willibald mit schmerzlicher Geberde zufaßte, um den Liebling festzuhalten.
„Aber, Kind, tote können wir so etwas rathen!"
„Nun dann hört's und bleibt Eurer Sinne Meister! Hellmuth ist kein Anderer, als Vetter Wulff-Dietrich!"
Nun sprang der Graf dennoch auf — und zwar so heftig, daß Kränzchen ein paar Schritte in das Zimmer stolperte- — aber sie war nicht übelnehmisch, sondern wandte sich den Eltern hastig wieder zu, legte die Hände auf den Rücken und beobachtete mit blitzenden Aeuglein die Wirkung dieser unvermutheten Nachricht.
„Dieser Assessor . . . dieser Hellmuth ... er ist Wulff-Dietrich? Er ist ein Niedeck?" stieß der Graf athemlos hervor: „Das ist unmöglich! solch einen Sohn kann Rüdiger nicht haben, es wäre undenkbar!"
Die Gräfin wechselte die Farbe und blickte angstvoll zu ihrem Mann auf. „Gott sei Lob und Dank, daß er unser Kind als Franziska Luxor kennen lernte!"
Fränzchen lachte. „Den Jrrthum habe ich ihm genommen."
Mit leisem Aufschrei faßte Johanna die Arme der Sprecherin: „Du — Du hast" — —
„Ihm gesagt, daß ich Franziska, seine Cousine bin! — Natürlich! wäre es ihm etwa ein Geheimniß geblieben? Pia gab sich ihm in ihrer furchtbarer Erregung zu erkennen? Sie schleuderte ihm die herbsten Anschuldigungen entgegen, sie sagte ihm auf den Kopf zu, er habe ein unwürdiges Spiel getrieben, um sich ihrer sechzehn Ahnen auf krummem Wege zu versichern, — na, es war nicht lappich, was sie dem armen Kerl Alles vorwarf! — — daß Pia mit uns reist, kann sich Wulff Dietrich an den Fingern abzählen, also wäre es ja albern gewesen, wenn ich hinter den Bergen hätte halten wollen! Warum soll er mich nicht als Cousine Franziska kennen lernen, ich sage Dir, Mama, ich habe ihn gern, forchtbar gern! nach der heutigen Scene noch viel lieber wie früher! er ist ein unanständiger Mensch, ein echter Niedeck! und er hat nicht gewußt, daß er sich in Pia verliebte, dafür lege ich beide Hände ins Feuer, es war ein wunderlicher Zufall, weiter nichts. — Nicht wahr, Papa, Du magst ihn auch gut leiden? er hat Dir als Hellmuth sehr gut gefallen, das sagtest Du selbst, und wenn Du ein Mann von Consequenz und Character bist, dann wirst Du Deine Ansicht nicht ändern, bloß aus dem Grunde, weil er Onkel Rüdigers Sohn ist!"
Der Graf schritt erregt im Zimmer auf und nieder. Hohe Betroffenheit und Unruhe malten sich in seinem Gesicht. — „Fatal, — ungeheuer fatal!" murmelte er.
Fränzchen stellte sich ihm energisch in den Weg und hielt ihn am Arm fest. „Papa, wirst Du etwa schwenken? wirst Du ihn ungerecht verurtheilen? wirst Du gegen Deine Ueberzeugung sprechen?"
Willibald schüttelte gedankenvoll den Kopf. „Nein, das kann und werde ich nicht thun, — und darum verdrießt mich die Sache doppelt!"
Fränzchen lachte nervös: „Warum nicht gar! es hat so sein sollen. Ich freue mich, daß es Gott sein Lob und Dank noch einen so vortrefflichen Niedeck giebt. — In
meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht so gefreut, wie heute! — Die Liebe zu meinem Geschlecht ist mir angeboren, sie liegt mir im Blut. Es war mir ein, gräßlicher Gedanken, daß die einzigen Verwandten, welche wir noch haben, des Namens so unwürdig sein sollten! ich habe mich geschämt, wenn ich an die Rüdigers dachte. — Nun habe ich mich überzeugt, daß ich doch nicht einsam und verlassen stehe, daß es noch einen Niedeck giebt, auf den ich zählen und auf den ich stolz sein kann!"
Willibald zuckte mißtrauisch die Achseln. „Und wenn Du Dich irrst? Wenn er dennoch in geschickter Weise unsere Reisepläne erforschte und sich Pia unter der Maske 'vergewissern wollte?"
Fränzchen warf mit blitzenden Augen den Kopf in den Nacken. „Nein! tausendmal nein! und dieses „Nein!" kann ich Dir beweisen!"
„Beweisen? — Ah, da wäre ich doch gespannt!"
„Wulff - Dietrich hat auf das Majorat verzichtet, weil er der Meinung war, daß seine Braut Miß Lilian Luxor heiße?"
„Undenkbar! — sagte er das?"
„Ja, das sagte er."
„Je nun, — nicht nur Papier — sondern auch die Sprache ist geduldig. Solch ein Ungeheueres glaube ich erst dann, wenn man es mir schwarz auf weiß vorlegt, und das müßte ja geschehen, wenn er zu Gunsten Hartwigs verzichten wollte!"
„Hartwig ist tobt!"
„Hartwig — tobt? — unmöglich!" fuhr ber Graf beinahe entsetzt auf.
Fränzchen aber nickte ernsthaft vor sich hin: „Grabe, als wir barüber sprachen, baß sein Verzicht vielleicht bas einzige Mittel sei, Pia von ber Aufri.rtigkeit seiner 8 ebe zu überzeugen, kam bte Depesche, baß Hartwig beim Rennen gestürzt unb soeben verschieben sei. — Ich las bte Nachricht selbst."
Mit weitoffenen Augen starrte Willibalb bie Sprecherin an, — bann sank sein Kopf tief auf bte Brust unb langsam, wie im Traum, nahm er seine Promenabe durch die Stube wieder auf.
Minutelang herrschte tiefes Schweigen, nur Johanna seufzte leise auf: „Wie entsetzlich — ein Kmd so jählings, — so grausam zu verlieren!" und sie breitete die Arme in auswallendem Gefühl nach Fränzchen aus und zog sie fest und innig an die Brust. „Was soll nun werden?" flüsterte sie. „Glaubst Du, daß Pia ibn wahrlich liebt?"
Das Backfischchen strich sich schwerathmend die Haare aus ber Stirn. „Ja, sie liebt ihn!"
„Die Zeit heilt manche Wunbe, — ich hoffe, PiaS Stolz unb Trotz wirb bie Neigung übertotnben!"
Fränzchen brückte bas Gesicht gegen bte Schulter ber Mutter unb antwortete nicht.
„Wirb Wulff-Dietrich sogleich abreisen?"
Die Comtesse nickte. — „Als mein Frennb!" klang es von ihren Lippen.
„Es ist gut, daß Pia ihn nicht Wiedersehen wird. Jede Gelegenheit dazu ist nun wohl genommen, und die Entfernung wirkt auf die Liebe tote der Sturm auf das Feuer, — er entfacht das große, aber das ftetne löscht er aus. — Und Pias Liebe war noch nicht groß, — sie hatte kaum Wurzel geschlagen." Fränzchen hob das Gesicht. Es lag ein fremder Zug voll stolzer Energie darin. Die dunklen Augen blickten so feucht verschleiert und doch so trotzig, wie bei einem Kinde, welches weinen möchte und sich dennoch seiner Thränen schämt.
„Wir wollen's abwarten, Mama!" nickte sie kurz, und dann richtete sie sich hoch auf und wandte sich zu dem Vater: „Pia ahnt nicht, daß ich sie belauscht habe, — und weiß es auch nicht, daß ich mit Wulff - Dietrich einen Freundscbaftspact als Vetter und Cousine geschloffen. Sie soll es auch nicht wissen, denn sie wäre in ihrem großen


