„So verzichte um ihretwillen auf das Majorat I"
Er schritt erregt vor ihr auf und nieder. „Das habe ich heute Morgen gethan, als ich den Eltern mittheilte, daß ich mich an dem heutigen Tage mit Miß Lilian Luxor verloben würde! da habe ich zu Gunsten meines Bruders auf die Erbfolge von Niedeck verzichtet. — Ich opfere Alles — um ihretwillen, und Alles vergeblich I glaube mir, Fränzchen, mein Herz hat nie an diesem unglückseligen Majorat gehangen, und heute Morgen, als ich seine fürstlichen Renten von mir warf, habe ich mich dennoch reicher gefühlt wie ein König! Nicht jener Brief, den ich schrieb, hat mich arm gemacht, sondern die grausamen Worte, welche ein Mädchenmund zu mir gesprochen, machten mich zum Bettler an allem Glück!"
Mit großen starren Augen schaute Fränzchen zu ihm auf, den Kopf vorgeneigt, als habe sie nicht recht verstanden, und dann ging eine große Veränderung in ihrem Gesicht vor sich.
Bewunderung, Staunen und Rührung malten sich darin, und sie hob ungestüm die Arme und schlang sie jählings um seinen Hals.
„Wulff-Dietrich!" rief sie erregt: „Beim Himmel, Du bist ein braver Mensch, und Du verdienst sie! Erzwingen kann ich Dir ja Pias Liebe nicht, aber ich will Dir nicht mehr im Wege stehen, ich will nicht weniger edel sein wie Du! — laß mir kurzeZeit, das meine zu thun, — und dann komm wieder und wirb noch einmal umPia —, und ist ihre Liebe sodann so groß und wahr, wie sie sein muß, um diese Stunde an Dir zu sühnen, sollt Ihr Beide glücklich werden!"
Er blickte ihr beinah streng in die Augen. „Willst Du ihr etwa sagen, daß ich verzichtet habe? nur das nicht, Fränzchen, diese Demüthigung ertrage ich jetzt nicht mehr!"
Sie zuckte die Achseln. „Nein, das sage ich nicht, denn sie würde es doch nicht glauben und uns einer neuen Jntrigue beschuldigen."
Eine laute Stimme rief den Namen des Assessors Hellmuth.
Wulff Dietrich trat hastig auf den Gartenweg und winkte dem Hausknecht, welcher herzugelaufen kam.
„Eine Depesche, gnädiger Herr!"
Einen Moment herrschte tiefe Stille, die Schritte des Mannes verklangen. „Die Antwort meiner Eltern," lächelte Wulff Dietrich besser- mechanisch öffnete er das Papier und überflog die kurzen Zeilen, dann rang sich ein dumpfer Laut über seine Lippen, wie vernichtet sank seine hohe Gestalt zusammen. „Mein Bruder Hartwig . . ." er konnte nicht weiter sprechen und reichte das Blait aufstöhnend der jungen Gräfin.
„Hartwig beim Rennen gestürzt und soeben verschieden. Komme sofort zurück."
Fränzchen preßte die Lippen zusammen und schwieg.
„Nun ist der Verzicht ungültig geworden. Nun trage ich für ewige Zeit den Fluch, der Majoratsherr von Niedeck zu sein!" flüsterte Wulff-Dietrich durch die Zähne, drückte mit umflorten Augen Fränzchens Hand und schritt durch die grauwehenden Nebel davon. Schwer und kühl fielen die ersten Regentropfen.
Capitel 21.
Fahr wohll ich kann nicht zwei Mal knie'n — Um alles Heil der WeltI
Strachwitz.
Das Gewitter war nicht heraufgekommen.
Fern hinter den Bergen verklang das leise Rollen des Donners und die Blitze zuckten nur selten, wie matter Flackerschein am Himmel auf. Die vordem so düstere Wolkenwand hatte sich zertheilt und hing nun als einförmig grauer Schleier auf die Berghäupter nieder, in feinen Streifen floß der Regen, langsam aber unaufhörlich, jeden Blick in die Ferne hemmend und das strahlende Landschaftsbild der letzten Tage in schmutzig-düstere Nebel tauchend, daß es bis zur Unkenntlichkeit verändert schien.
„Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter! grau
wie der Himmel liegt vor mir die Welt!" Wie der leise, wehmuthsvolle Klang dieser Worte hallte es durch das Rieseln und Rauschen, und wo gestern Nacht die silberglänzenden Fluthen des Rheins ein Schifflein geschaukelt, darin der „glückseligste Mann des römischen Reiches" alle Gluthen seiner jungen Liebe in die Welt hinausgeschmettert, wo sie die duftenden Blüthen gewiegt, welche die weiße Mädchenhand dem Geliebten zu treu-innigem Gruß hinabgestreut, — da wälzten sich heute bleifarbene, trübe Wassermassen einem fernen Ziele zu, — so schwermüthig und düster, als habe nie ein Mondesstrahl hier zu süßem Liebesglück geleuchtet.
Fränzchen war athemlos vor Erregung in das Zimmer ihrer Mutter gestürmt.
„Ist Pia hier?"
„Nein, mein Liebling, sie macht wohl noch Toilette!" „Ist Papa nebenan?"
„Jawohl, — was hast Du, Kind, Du glühst ja wie im Fieber!"
Fränzchen legte hastig den Finger an die Lippen. „Ich habe Euch etwas Hochinteressantes zu erzählen," flüsterte sie: „ich will erst die Thüre abschließen, und dann kommst Du mit nebenan zu Papa!"
Die Gräfin erhob sich sehr überrascht, und sah, wie ihr Töchterchen mit ein paar tolpatschigen Sprüngen nach der Flügelthür eilte, sie kraftvoll zu verriegeln. Die Dielen zitterten, als sie zurückeilte. „So, nun komm, Mama, — es ist furchtbar wichtig!"
Graf Willibald saß im Schaukelstuhl und las Zeitungen. Er hob befremdet den Kopf, als Fränzchen an ihm vorübersauste, um auch in diesem Zimmer die Thüre zu verschließen.
„Aber, Kind, was soll denn das . . .?"
„Bst! — Damit uns Niemand behorchen kann! komm her, Mütterchen! — ganz nah — setz Dich hier dicht neben uns," mit derbem Schwung ließ sich Comteßchen auf die Knie des verblüfften Vaters nieder und stieß hochathmend durch die Zähne: — „Eben kam die Bombe zum Platzen!"
„Welche Bombe?!"
„Na — zwischen Pia---und ... . Herrn
Forstassessor Hellmuth!"
„Ah wahrhaftig? — also doch?!"
„Ja- ich stak im Gebüsch und hörte von A bis Z zu — ach Du liebe Zeit" — Fränzchen breitete mit eckiger Bewegung die langen Arme aus und seufzte schwärmerisch: „Es ist doch etwas Schönes um so eine Liebeserklärung, furchtbar rührend! es ging mir so auf die Nerven, daß mir ganz schwach wurde--"
„Eine Liebeserklärung, jetzt — um diese frühe Stunde — — und bei solchem Wetter im Garten?"
„I wo werden sie denn! — mit dem Paraplue einen Kniefall machen bei dem Dreck!! — nein, das ganze Drama spielte sich vor dem Regen ab!"
„Und Du wußtest davon?"
„Ich weiß Alles! seidem ich gesehen, daß er keinen Trauring trug, traute ich ihm Alles zu!"
„Na — hat Pta denn etwa „Ja" gesagt?" runzelte der Graf ungeduldig die Stirn.
„Feste! — ohne sich im Mindesten zu sperren! gleich ein dickes unterstrichenes Ja mit endlosen Küssen!"
„Um Himmelswillen — was werden ihre Eltern sagen!" wollte Willibald entsetzt aufspringen, aber er vergaß die geliebte Last auf seinen Knien und sank kraftlos in den Sessel zurück.
Die Gräfin aber faßte, aufs Höchste betroffen,Kränzchens Hände und wollte sie voll innigen Mitleids an sich ziehen. „Ich fürchtete es! O du armes, armes, geliebtes Kind!"
Das Backfischchen machte eine resolute Bewegung.
„Hört doch erst weiter! —der Krach kam ja doch hinterher!" „£>... inwiefern?"
„Das ist ja eben das Unfaßliche . . . Märchenhafte . - • Unglaubliche . . .! Factisch, in einem Roman kann es gar nicht toller passtren! also zugehört!"


