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Bella harte, ganz von ihrer Gebieterin abhängig, weder einen Willen noch eine Frage.

An dem mit dem Geheimschreiber verabredeten Tage erschienen vor dem Hause drei Palankine, zwei prachtvoll aus­gestattete für Lady Agnes und Bella Kranzler, ein etwas einfacherer für Miß Briggs, jeder von vier herculischen braunen Dienern getragen. Zwanzig bewaffnete Trabanten standen zur Bedeckung bereit. Vor dem Thore harrten Reserveträger, welche neben den andern zur Ablösung herschritten. Der Abgesandte des Rajah schloß in einem Palankin den Zug. Die Träger liefen fast immer im Trabe, so daß es schnell wie in Karossen vorwärts ging. An allen Herbergen der Straße waren neue Träger aufgestellt. Es wurden den Damen Erfrischungen gereicht. Die Reise ging Tag und Nacht ohne Unterbrechung vor sich.

Bella, welche den ihr bekannten Geheimschreiber nicht zu Gesicht bekam, war voll Staunen über die Präciffon der Anordnungen und wurde nicht müde, die landschaftliche, oft wechselnde Scenerie von Palmen, Brodfrucht-, Drachen- und Trakholzbäumen, baumhohen Farren und Bambusgräsern, Weizen-, Flachs-, Mohn- und Reisfeldern zu beschauen. Große Flüge wilder Pfauen, kleiner grüner Papageien, Turteltauben und Reiher belebten Wald und Feld, Heerden von Büffeln und Buckelrindern grasten auf grünen Flächen. Um die Lehmhütten verstreuter Dörfer prangten Magnolien, Akazien mit duftreichen goldigen Blüthenbällen, Feigen- und Talipot- bäume.

Plötzlich, nach drei Tagen und Nächten, erblickte Bella mit erschrockenem Staunen den alten Geheimschreiber, welcher an den Palankin der Lady Agnes herantrat, und an ihr Ohr schlug der NameJeypur". Der Alte deutete auf eine am Horizont auftauchende riesige Gruppe von Kuppeln und Thurmspitzen. Bella würde sogleich aus ihrer Sänfte ge­sprungen und zu ihrer Gebieterin hingeeilt sein, wenn nicht die Träger gleich Pferden, welche die heimische Krippe wittern, ihren Lauf noch mehr als bis dahin beschleunigt hätten.

Was sollte das bedeuten? Warum hatte ihr die Lady das Reiseziel nicht genannt? Was wollte diese in Jeypur? Sie preßte die Lippen zusammen und ein harter Zug fester Entschlossenheit trat in ihr edles Gesicht. O, sie wollte im rechten Augenblicke zeigen, daß sie noch nicht zu einer willen­losen Sclavin herabgekommen sei! Eine fieberhafte Spannung ergriff ihr ganzes Wesen, als bald darauf ein Reitertrupp auf den Zug lossprengte. War das der Rajah? Nein, fie sah voran dem Trupp, auf milchweißem Pferde mit reichster Beschirrung, einen jungen Mann- er trug einen rothen, taillenlosen Rock, weiße, unten geschlossene Pantalons, eine goldgestickte, perlenbesetzte Schärpe um den Leib und eine Art phrhgischer Mütze auf glattgeschorenem Kopfe. Das Gesicht dieses Reiters war stark gebräunt, die Brauen waren zusammengewachsen und gaben dem ohnehin strengen Aus­drucke etwas Finsteres. Ohne eine von den Damen anzu­sprechen, betrachtete er sie mit stechenden, trotzigen Blicken. So sprengte er mit den andern Reitern an ihnen vorbei und schien sich dem Zuge anzuschließen.

Auch Lady Agnes war auf den jungen Ritter aufmerksam geworden, aber erst als der Zug einmal hielt, konnte sie ihre Neugier befriedigen.

Wer ist das?" fragte sie den Geheimschreiber.

Prinz Dholib, der jüngere Bruder des Rajah," ant­wortete der Alte.

Ein finsterer Bruder man könnte sich vor ihm fürchten!" bemerkte die Lady, wobei sie jedoch lächelte. Der Alte wagte keine Erwiderung, sondern senkte stumm die Augen und trat hinweg. Sie lächelte auch, als Bella an sie heran­kam und noch ehe letztere ein Wort sprechen konnte, sagte sie leichthin:Dieser Prinz scheint die Ehre, uns im Namen des Rajah zu empfangen und zu escortiren, eigentümlich aufzufaffen."

Gehen wir zum Rajah von Jeypur?" fragte Bella.

Gewiß, Liebe! Er lud mich ein. Gut, wir werden

sehen!" Damit lehnte sie sich lächelnd in ihren weichen Sitz zurück und wehte sich mit dem Fächer Luft zu.

Bella mußte ihren Platz wieder einnehmen.Wir werden sehen!" dachte auch sie, aber mit Groll über ihre abhängige Stellung. Wer noch vor kaum einem Jahre gewagt hätte, sie zum Spielzeug einer fremden Laune zu machen! Nun mußte sie sich willenlos in die fremde Welt schleppen lassen! Die Frau, welcher sie sich an den Hals geworfen hatte, würdigte sie nicht einmal einer vertraulichen Erklärung!

Je näher sie den Thoren der Residenz kamen, desto zahlreicher zeigten sich Hindu in den verschiedensten Trachten. Alle waren in geräuschvoller Bewegung. Man feierte das Durgafest zu Ehren derGemahlin des Gottes Siva", das wochenlang dauert und zu einer Menge von Schmausereien und Ausschreitungen dient. Dabei werden von den Priestern fortwährend Schafe und Ziegen geopfert. Viele von den Begegnenden betrachteten den Palankinzug mit feindseligen Blicken. Nach einer Weile bewegte sich der Zug durch mäch­tige Gitterthore und über weite Höfe. Bella sah mit ver­wunderten Augen eine Reihe von Palästen mit Kuppeln, Thürmen und Pavillons, hohen, vergoldeten Gittern und kunstvoll gemeißelten Marmorbalustraden. Der Unterbau der Paläste schien von rothem Porphyr oder Sandstein zu sein, alles Uebrige von weißem und farbigem Marmor.

In einem der Höfe hielt der Zug. Der alte Geheim­schreiber trat an die Sänfte der Lady Agnes und bat sie, mit ihrem Gefolge auszusteigen. Sie befanden sich dicht am Eingänge eines Palastes, neben welchem Bewaffnete postirt waren. Hier bemerkte Bella zum ersten Male wieder den herculischen Leibtrabanten des Rajah, der ihn in England begleitet hatte. Er schien zur Wache zu gehören. Die Damen mußten leichte vergoldete Tragsessel besteigen und wurden in den Palast getragen. Ueber eine weite luftige Marmortreppe mit einer durchbrochenen Balustrade ging es aufwärts. Auf einem Treppenabsatz standen braune Dienerinnen in blendend weißen Gewändern unter Führung einer Matrone von fast weißer Hautfarbe bereit. Alles, was Bella erblickte, war von reichster Pracht, die Wände waren mit Jaspis, Agath, Lapis-Lazuli und Karneol eingelegt, die Decken vergoldet. Zwischen langen Reihen von Säulen, deren Weiß der Farbe des Schnees glich, lagen die Eingänge zu weiten luftigen Gemächern. In einem großen Saale, wohl fünfundzwanzig Meter über dem Erdboden, wurden die Tragsessel nieder­gelassen und auf einen Wink der obersten Dienerin verschwan­den die Träger schnell und geräuschlos.

Respectvoll wendete sich die Matrone an die Damen: Ich bin die Aufseherin des Senana" (Frauenpalastes), sagte sie in englischer Sprache/doch sind hier keine Bewohnerinnen, ich habe nur den leeren Palast gehütet und bin allein noch übrig von der weiblichen Dienerschaft des verstorbenen Herrschers. Alle die Dienerinnen, die Sie sehen, sind Neu­linge. Ich habe Befehl, die Damen als Gäste zu bedienen und deren Befehle zu empfangen. Alle Gemächer in diesem Palaste stehen Ihnen zur Verfügung. Sie können sich Woh­nung und Aufenthalt wählen, wie es Ihnen beliebt."

Ich bin entzückt," erwiderte Lady Agnes.Kommen Sie, liebe Bella, wir wollen diesen Aufenthalt für Götter in Augenschein nehmen!"

Bella folgte fast theilnahmslos und verstimmt.

Die Aufseherin schritt voraus, indem sie Fragen be­antwortete und Einrichtungen erklärte. Auf zwei Seiten des Palastes hatten Reihen von Gemächern offene Balkone, von denen man über weite Gärten und Palmenhaine Hin­schauen konnte. Eine Flucht breiter Marmorstufen führte hinab zumSchich - Mehal", dem Frauenbad, einem großen Pavillon ganz aus Glas; in den Gängen, Nischen und Bassinraum waren Spiegel angebracht, welche die Bilder der darin Wandelnden von allen Seiten zurückwarfen. Die Tragsäulen waren von weißem Marmor, mit Gold instruirt und mit edlen Steinen ausgelegt. Das Wasserbecken schimmerte im Reflex der Spiegel wie flüssiges Silber. Der Bade-