Pavillon lag offen nach einem feenhaften, von Jasmin- und Rosenduft erfüllten Garten, in welchem Fontainen sprudelten. Hohe Mauern splossen den Garten ein, nirgends war ein Ausgang.
„Das ist entzückend schön!" rief Lady Agnes. „Beneidenswerth Diejenige, welche hier lebenslang verweilen kann!" „Als Selavitt?" warf Bella hin.
„Ach, wer denkt daran!" entgegnete die Lady. „Als Fürstin! Der Rajah Gora hält sich keine sclavischen Frauen. Nicht wahr, liebe ... wie ist doch Ihr Name?"
„Neva," antwortete die Aufseherin. „Nein, der Herrscher hat keine Frauen- die Dienerinnen sind von ihm gekauft."
Bella schüttelte sich. Im Orient konnte man weibliche Wesen kaufen!
Nachdem der Palast genügend in Augenschein genommen war und sich die Damen Zimmer gewählt hatten, entfernte sich Neva, um für Erfrischungen zu sorgen. Binnen zehn Minuten war eine Tafel ganz im englischen Stile reich besetzt.
Beim Mahle lenkte Lady Agnes von Neuem das Gespräch auf die Reize des Aufenthalts und das Glück, welches einer Frau da beschieden sei.
„Ich bedauere, daß ich schon verheirathet bin," sagte sie lanthin- „wie gern würde ich dies goldene Loos mit dem Aufenthalte in einer langweiligen Garnison vertauschen!" Bella schüttelte wie ablehnend den Kopf und schwieg. „Finden Sie es hier nicht schön?" fragte Lady Agnes forschend.
„Ich fühle mich auch hier nur in Ihren Diensten, Mylady," antwortete Bella ausweichend.
„Sie wissen doch, daß ich arm geworden bin!" versetzte Jene. „Würde es Ihnen da schwer werden, sich von mir zu trennen?"
Bella zuckte zusammen.
//Ich hoffe nicht, daß Sie mich von sich weisen, Mylady, in diesem fremden Lande . . ."
Lady Agnes lachte.
„Nun, einstweilen sind wir Gäste eines reichen Fürsten! Amüsiren wir uns! Ich erwarte, daß Sie nicht nufreundlich thun, trenn er kommt."
„Er wird begreifen, daß wir uns hier nicht in einem Salon Englands befinden," entgegnete Bella mit Betonung.
„Er wird, wie immer, ganz Gentleman fein, wir werden von unseren Londoner Abenden plaudern," sagte die Lady.
Bella blieb indessen wortkarg und sinnend. Die Andeutung ihrer Gebieterin über eine mögliche Trennung öffnete ihr den Blick in eine trostlose Zukunft. Es blieb ihr nichts übrig, als sich an die Gunst zu klammert/, einer launenhaften und leichtsinnigen Frau dienen zu dürfen, Die bereits begann, sie als überflüssig zu bezeichnen. Was sollte ans ihr werden? Diese Frage erhielt Bella in einer ängstlichen Spannung.
Die Erwartung der Lady erfüllte sich nicht- der Rajah kam nicht! Es vergingen fast zwei Tage, ohne daß die Damen, außer Neva und den Dienerinnen, Jemand zu Gesicht bekamen. Auf neugierige Fragen der Lady Agnes erklärte die Aufseherin, daß außer dem Rajah nie ein Mann den Frauenpalast betreten dürfe, und auf die Frage nach dem Beherrscher wußte die Dienerin nur mit stummem Achselzucken zu antworten. Lady Agnes fühlte sich endlich trotz des Wohllebens, das sie umgab, unruhig und unbehaglich. Sie suchte ihr Unbehagen durch wortreiche Unterhaltung mit Bella zu verscheuchen, und als Letztere darauf nicht einzugeheu vermochte, ließ sie dieselbe in ihrem Zimmer, das ein Stockwerk höher lag, allein.
Endlich setzte die Lady sich hin und schrieb ein Billet an den Rajah: „Ich habe mein Wort gehalten, Sahib. Gestatten Sie, daß ich Ihnen Ihre schöne Blume präsentire! Lady Agnes Colt." Dies Billet coutiertirte sie und übergab es Neva zur Beförderung an den Herrscher. Nach mehreren Stunden kam die Aufseherin und meldete ihr, daß am Ein
gänge des Palastes ein Diener harre, sie zu geleiten. Mylady machte in fliegender Hast Besuchstoilette und folgte dann der Aufseherin. Der Diener geleitete sie, ohne ein Won zu sprechen, über den Palasthof nach einem anderen Bauwerke von alterthümlicher Pracht, in einen weiten Saal zu ebener Erde. Hier traf sie den alten vertrauten Geheimschreiber des Rajah, der hinter einem niedrigen, mit Papieren bedeckten Tische hockte. Bei ihrem Eintritte blickte er durch eine große Brille auf sie, ohne seinen Platz zu verlassen. Sein Verhalten entsprach in Nichts mehr der früher gezeigten Unterwürfigkeit, sondern war streng angemessen.
„Ich habe Befehl, Mylady, Ihnen diese Anweisung auf die Bank von England, zahlbar in Caleutta, zu überreichen," sprach er. „Sie können doch zwei Millionen Rupien. nicht in Gold von hier schleppen! Da Sie abzureisen wünschen, ist ein sicheres Geleit bestellt, das Sie nach Berar bringt. Von dort führt sie die Dampfbahn nach Caleutta, oder wenn Sie es vorziehen, nach Bombay."
Lady Agnes war wie niedergedonnert.
„Wie, ich soll den Rajah nicht zu Gesicht bekommen, nicht sprechen?" sagte sie tonlos, nach langer Pause.
Der Geheimschreiber zuckte nur stumm ablehnend die Achseln. Lady Agnes griff eonvulsivisch nach der Geld- attweismig und unterzeichnete die ihr vorgelegte Quittung.
„Es ist nicht gentlemanhaft, es ist die tiefste Beleidigung des englischen Namens, aber ich werde sofort abreisen!" sagte sie schneidend, und ohne weitere Worte verließ sie den Saal. (Fortsetzung folgt.)
Das Nixmkleeblatt.
Von Anna Seyffert.
------- (Nachdruck verboten.)
„Also Fehde den Männern, den herzlosen Tyrannen, die uns Mädchen nur als einen Spielball ihrer Launen betrachten !" rief die blonde Helma und in dieser feindseligen Stimmung sah sie so eroberungslustig und siegesgewiß drein wie eine Germania. „Kühl wie die Fluth dort draußen sollen unsere Herzen sein! Wir folgen dem Zuge unserer Zeit- Freiheit, Selbständigkeit ist unsere Parole! — Einverstanden, Lola?"
„Apart und bewundernswerth warst Du immer, Helma, jetzt aber bist Du großartig! . . . Ein Nixenkleeblatt, famose Idee! Wir werden es den Herren der Schöpfung beweisen, daß wir Muth und Kraft genug besitzen, ohne sie fertig zu werden!"
„Ja, wir wollen ihnen trotzen, und damit uns auch ein äußeres Bundeszeichen verbindet, habe ich drei Ringe gestiftet, die unsere Hände statt des drückenden Verlobungsreifes schmücken sollen!"
Die schöne Männerfeindin zog ein Schächtelchen hervor und entnahm demselben drei silberne Ringe in Form einer Schlange, deren funkelnde Augen aus winzigen Opalen bestanden.
Helma und Lola waren ganz voll Begeisterung und die dritte im Bunde, die kleine, schüchterne Margot, wurde nicht um ihre Meinung befragt. Bewundernd schaute Margot jetzt wie immer zu ihren beiden, sie um Haupteslänge überragenden Freundinnen empor, gehorsam streckte sie den Finger vor, der sich jedoch die tückische Schlange nur widerwillig gefallen ließ, denn er war rund und rosig wie Margots ganzes Figü-chen.
Helmas Stirn zog sich ein wenig kraus. „Hat sich mein Finger seit gestern verändert? Die Schlange ist zu groß!"
Aergerlich schlenkerte sie mit der Linken, die Fingerspitze nach unten gerichtet, da flog auch schon in weitem Bogen das Ringlein auf den im hellen Sonneuglaitz saft weiß- leuchtenden Dünensand bis vor die nahestehende Cabiite. Diese öffnete sich und ein mit weißem Straudanzuge bekleideter Herr sprang, ohne die kleine Treppe zu benutzen, auf


