ließ mich diesen Morgen wissen, daß Alles arrangirt sei- eine solche außerordentliche Herablassung von meinem großen Feind läßt mich vermuthen, daß die Freude ihm den Kopf verdreht habe."
Ethel nahm die Glückwünsche ihrer Mutter unbefangen und ohne Erröthen hin. Ihr neues, plötzliches Glück hatte eine feierliche Stimmung in ihr erweckt. Sie war so nahe daran gewesen, dieses Glück für immer zu verlieren, daß sie selbst jetzt kaum au die völlige Sicherheit desselben zu glauben wagte.
„Ich soll den Baronet in der ersten Woche des Decembers heirathen, Mama," antwortete sie leise. „Er wünscht, England noch vor den Weihnachtsfeiertagen zu erreichen. Ist es nicht sonderbar, daß ich nach Allem, was vorgefallen ist, doch noch Lady Greylock werden soll?"
„Du bist der Position völlig gewachsen, mein Kind," versicherte Ins. „Diese englischen Heirathen werden jetzt bei amerikanischen Mädchen von guter Familie etwas Alltägliches. In der ersten Woche des Decembers!" fuhr sie mit besorgter Miene fort. „Ich wollte, es wäre früher. Ich kann es nicht erwarten, Dein Glück für immer gesichert zu sehen."
Ethel wunderte sich -m Geheimen, was ihre Mutter diesen Morgen so sorgenvoll und alt aussehen machte.
Nach einer Pause platzte Iris mit der Wahrheit heraus.
„Ich habe w eder einmal eine heftige Scene mit Hannah Johnson gehabt. Vor einem halben Jahre verdoppelte ich ihren Lohn,- heute hatte sie die Unverschämtheit, einen weiteren Aufschlag zu verlangen!"
„Du hast sie doch sicherlich auf der Stelle entlassen?" fragte Ethel trocken.
Iris warf ihrer Tochter einen Seitenblick zu und antwortete dann:
„Sei nicht albern, Ethel! Ich habe Dir wiederholt erklärt, daß ich Hannah nicht entbehren kann. Ich muß sie behalten, ich habe wirklich keine andere Wahl. Du hast keinen Begriff von meinen Anfechtungen. Das Leben wird mir täglich mehr zur Last. Ich beneide Dich, weil Du bald weit weg von diesem Ort und von diesen Leuten sein wirst. Und Deine Aussichten! Welches Mädchen vermöchte sich glänzendere zu wünschen? Godfrey Greylock kann nicht mehr lange leben, und dann fällt sein ganzes Vermögen Dir zu. Ach, dann mußt Du auch an mich denken, Ethel! Du bist sicher unter einem glücklichen Stern geboren. Vergiß indessen nie, daß Du Alles, selbst Deinen hochgeborenen englischen Gatten, meinen klugen Manöver» zu verdanken hast."
„Ich werde cs nicht vergessen, Mama," antwortete Ethel kalt.
Nach einer Pause fuhr Iris plötzlich fort:
„Was ist aus Regnault geworden?"
„Wie sollte ich es wissen?" sagte Ethel betroffen.
„Wie? Hast Du seit jenem Stelldichein bei den Salzgruben nichts von ihm gehört?"
„Nichts das Geringste."
„Nun, ich hoffe, er wird Dir keine weiteren Unannehmlichkeiten bereiten- Du kannst dessen übrigens nicht so ganz sicher sein. Er ist ein Mensch ohne Herz oder Gewissen — das heißt, er muß es sein, nach der Art und Weise zu schließen, wie er Dich behandelt hat."
Regnault! Nur mit Abscheu und Grauen vermochte Ethel jetzt an ihn zu denken. Wohin mochte er wohl geflohen sein? Sie wußte es nicht und wünschte es auch nicht zu wissen. So viel war sicher, daß er keine Macht mehr besaß, rhr Schaden zuzufügen, seit sie sich ihren Nächsten und Theuersten anvertraut hatte. Sie war jetzt so von Liebe und Sorgfalt umgeben, daß er es sicherlich nie wagen würde, sich ihr wieder zu nähern.
, Die Herbsttage verflossen Ethel in ungetrübtem Glück. Die Wälder prangten in so wundervoller Farbenpracht, wie sie nur in Amerika zu schauen ist. Kühle Winde wehten übers Land und vom feinsten Azurhimmel strahlte die Sonne in mildem Glanze hernieder- ein goldiger Schimmer ver-
: klärte die ganze Landschaft, die Ethel mit ihrem Geliebten nach allen Richtungen hin durchmandelte. Er wich nie von ihrer Seite, während im Hause Vorbereitungen zu einer Hochzeit getroffen wurden, wie in Blackport noch keine qe- feiert worden war.
Wahrlich, Ethel war glücklich in diesen Tagen! Jede Wolke war von ihrem Horizont verschwunden- die Vergangenheit war vergessen, die Gegenwart schien ihr ein Paradies, die Zukunft blendete sie mit ihren goldenen Verheißungen. Doch, während sie sich ihrem Glück ganz hingab zog sich ein Sturm, schwärzer als Tod und Grabesnacht über dem Haupte der nichts ahnenden Erbin von Greblock Woods zusammen!
Eines Abends spät sagte Sir Gervase seiner Braut zärtlich gute Nacht und schritt dann auf die Terrasse h-naus um vor dem Schlafengehen noch eine Cigarre zu rauchen! Es war jetzt im November, und die Nacht war frostig und kalt. Die laublosen Kastanienbäume erhoben sich wie Skelette mitten unter den Tannen uns Fichten. Das imposante Herrenhaus sah höher und dunkler aus als je. Fast schien es ihm, als ob das Haus und der Park den ihnen bevor stehenden Verlust ahnten, und als ob sie flch darum schon jetzt in Trauer gehüllt hätten. Bald sollte sie ihn nach ihrer neuen Heimath über dem Meere begleiten und all den vertrauten Scenen ihrer Kindheit und Jugend Lebewohl sagen.
„Sir Gervase Greylock!" ließ sich plötzlich eine Stimme vernehmen. Die Gestalt eines Weibes, in Hut und Shawl gehüllt, erschien am Ende der Terrasse und schritt auf den Baronet zu. „Ich habe Ihnen etwas zu sagen," fuhr sie mit geheimnißvoller Geberde fort.
Sir Gervase warf seine Cigarre weg und fragte:
„Wer sind Sie?"
„Eine Freundin," sagte die Frau.
„Das ist gut, aber etwas unbestimmt. Ich muß Sie bitten, sich deutlicher auszusprechen."
Als er sich der Gestalt näherte, trat dieselbe erschrocken einige Schritte zurück und stammelte:
„Es thut nichts zur Sache, wer ich bin. Es genüge Ihnen, zu wissen, daß ich Ihnen etwas von größter Wichtigkeit mitzutheilen habe."
„Wen oder was betrifft die Mittheilung?"
„Das Mädchen, das Sie zu heirathen im Begriffe sind — Miß Greylock."
„Ah!" sagte der Baronet trocken. „Die Sache kommt mir viel zu geheimnißvoll vor. Ueber diesen Gegenstand kann ein Fremder mir schwerlich etwas zu sagen haben, was ich zu hören wünsche."
„Seien Sie dessen nicht zu sicher, Sir."
Der Baronet wandte sich um und schickte sich an, nach dem Hause zurückzukehren.
Das Weib lief ihm nach.
„Weilen Sie, Sir! Seien Sie nicht gar zu stolz! Nun, da Sie es durchaus wissen wollen, wer ich bin, so will ich Ihnen sagen, daß Sie mich schon früher gesehen haben, an Bord des Dampfers und in der Rosen - Villa. Ich gehöre zu Mrs. Greylocks Haushalt."
Mit einigem Zögern schob sie ihre Caputze zurück.
Der Baronet blickte nun in Hannah Johnsons dunkles, heimtückisches Gesicht.
„Ich erinnere mich," sagte er endlich, „Sie sind Mrs. Greylocks Dienerin."
„Ja, so nennt man mich. Ich habe seit vielen Jahren bei Mrs. Greylock gewohnt. Was ich über sie und Miß Ethel, weiß, ist des Wissens werth."
Der Baronet blickte sie scharf an.
„Ich bin von Mutter und Tochter schlecht behandelt worden," fuhr sie fort- „ich Haffe Beide. Ueberdies sehe ich nicht gern einen Menschen blindlings in eine Falle gehen. Ich bin selbst eine Engländerin und kenne den Stolz solcher Männer, wie Sie, Sir Gervase Greylock. Ich weiß, daß
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