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Bries von Tante Johanna und woher? Um diese Zeit aus Niedeck! Ob sie etwa den ganzen Winter dort zugebracht haben? Mach 'mal schnell auf, das ist ja riesig interessant!"
Das junge Mädchen öffnete mit etwas unsicheren Fingerchen. Alles Blut stieg ihr in die Wangen und die Sorge erfüllte sie, Tante Johanna möchte sich über das verhaßte Heirathsproject aussprechen, welches sie ihr so aufgeregt geschrieben.
Aber Gott sei Dank, nein, das Schreiben enthielt nur wenige Zeilen, und bat in sehr herzlichen Worten um Pias recht langen Besuch auf Niedeck.
„Wir reisen Anfangs Mai, oder, falls das Wetter günstiger ist, schon früher an den Rhein, um einen kurzen Aufenthalt in Aßmannshausen oder St. Goar zu nehmen- alsdann führt uns der Weg nach Scheveningen. Wir können Dich also sehr bequem nach dem Haag zurückbringen. Ich hoffe, Deine Eltern versagen mir nicht die unendliche Freude, meinen Liebling nach so langer Zeit einmal wieder zu sehen, — auch Onkel Willibald und meine wilde Hummel Fränzchen erwarten Dich voll Ungeduld. Niedeck ist auch im Winter schön, — freilich recht einsam."
„O, die Einsamkeit fürchte ich nicht!" lachte Pia und schlang die Arme voll stürmischen Jubels um den Vater. „Ich habe mir so lauge schon gewünscht, das sagenhafte Niedeck, von welchem alle Leute sprechen und welches doch Niemand kennt, einmal mit Augen zu schauen! Nicht wahr, Papa, Du erlaubst es, daß ich Tante Johanna besuche?"
Der Freiherr zuckte mit bitteren Lächeln die Achseln. „Wenn Du das Schloß gern sehen möchtest, mußt Du wohl jetzt schon die Gelegenheit beim Schopfe nehmen, denn ob Du jemals dort Deinen Einzug als Herrin feiern wirst, will mir doch mehr wie fraglich erscheinen. Komm mit zu Mama und ließ ihr den Brief vor, — wenn sie einverstanden ist, kannst Du Anfangs März abreisen, falls Graf Wulff-Dietrich bis dahin nicht das Haus gestürmt hat, um Deine Bekanntschaft zu machen . . .!
„Aber, Papa, glaubst Du das wirklich?!"
„Je nun, wenn sein Unfall thatsächlich das Kommen zum Hofball verhinderte und es ihm mit seiner Werbung ernst ist, holt er das Versäumte wohl mit doppeltem Eifer nach. In vier Wochen ist ein verstauchter Fuß auskurirt, und wenn nicht, kann er in dieser Zeit schriftlich anfragen und Deine Abreise verhindern, thut er nicht dergleichen, so wird unsererseits jede spätere Annäherung rundweg abgelehnt, — mag er doch sehen, wo er sich sonst die sechzehn Ahnen zusammensucht."
Pia nickte nachdenklich vor sich hin. „Gut," sagt sie, ihre schlanke Gestalt zu voller, imponirender Höhe aufrichtend, „vier Wochen magst Du ihm Frist geben, läßt er in dieser Zeit nichts von sich hören, sind wir für immer geschiedene Leute, — versprichst Du mir das, Papa?"
„Habe es ja schon gethan, natürlich verspreche ich es," polterte der Oberstlieutenant ingrimmig, „es ist eine Schande, daß wir auf den Monsieur warten müssen, — aber ungerecht dürfen wir auch nicht sein, falls er wirklich krank ist, — bedenke, es handelt sich für ihn wahrlich nicht um ein Butterbrod!"
Pias reizendes Köpfchen sank unmerklich tiefer: „Nein, es handelt sich um recht viel für ihn, ich weiß es ja!" flüsterte sie, und wie ein leises Beben des Mitleids ging es um ihre Lippen. „Wer weiß, ob der Goldteufel ihm während dieser vier Wochen nicht noch zusetzen wird!" — und langsam, gedankenvoll folgte sie dem Freiherrn durch den schmalen Flur und über die alte, ausgetretene Treppe hinab zu der Mutter.
Ihre Augen, welche soeben noch so zuversichtlich gelächelt, blickten sehr ernst.
Vier Wochen sind eine lange Zeit, und manchen helden- und ehrenhaften Entschluß hat die Zeit schon über den Haufen geworfen. Wie werden Graf und Gräfin Rüdiger Alles aufbieten, den Sohn zu der vorschriftsmäßigen Partie
zu überreden, wie werden ihm die Eltern sowohl wie der Bruder in wohlweislicher Uebertreibung Wunderdinge über ihre Schönheit berichten! Eine erste Liebe!
Was bedeutet sie sonst wohl einem Manne? Vielleicht philosophirt Wulff - Dietrich voll grausamer Skeptik auch: „Ein großer, wilder Schmerz der Jugeud ist Poesie!"
Die Gräfin wird ihm schon jede Scrupel ansreden und ihm versichern: „Wie viel Tausende von Mädchen müssen ohne Liebe, mit bitterer Entsagung eines Jugendtraumes heirathen und sie werden dennoch glückliche Frau!"
Denn erste Lieb' Du gehst vorbei. Schneller wie ein Sturm im Mai, Bleibst kein ständiger Gast.
Frau Melanie würde eine solche Anschauung zuzutrauen sein, denn sie hat wohl sicher nicht aus glühender, zärtlicher Liebe geheirathet und ward ihrer Ansicht nach doch eine glückliche und beneidenswerthe Frau!
„Wahrlich beneidcnswerth?" Pia beneidete sie nicht. Wulff - Dietrich wird aber sicherlich die Ansicht der Mutter und die Ueberzeugung von Vater und Bruder für maßgebender halten, als den sentimentalen Geiühlserguß eines jungen Mädchens, welches in seiner Naivetät gar keinen Begriff von dem Werth des Geldes und eines gräflichen Majorats hat.
In seiner ersten Aufwallung des Mitleids hat er sich vielleicht versagt, auf den Hofball zu kommen, nun aber, wo er von allen Seiten auf das Heftigste bearbeitet wird, wo ihm selber vielleicht die Reue kommt und er einen Vorwand sucht, sich ihr dennoch zu nähern, ob er auch jetzt noch, vier Wochen lang, standhaft bleiben wird?
Es ist so bequem für ihn, zu sagen: „Ich wollte ja zurücktreten, aber der Willen meines Vaters zwingt mich zu der Heirath, welche ich selber, ungefragt, aus tausend schwerwiegenden Gründen schließen muß!"
Ja, wer weiß es überhaupt, ob nicht Graf Wulff- Dietrich von Anbeginn solchen diplomatischen Plan ersonnen, der anscheinend auf geradem Wege ihrem Wunsch entgegenkommt, um ihn auf krummen Pfaden desto sicherer zu durchkreuzen ?
Pia erbleichte bei diesem Gedanken, welcher ihr ganz plötzlich, ganz überraschend in diesem Augenblick gekommen.
Ein Beben geht durch ihre Glieder und die schönen strahlenden Augen sprühen in all der Erregung auf, welche ihrem Wesen nun einmal angeboren ist.
Bis jetzt war ihr Graf Niedeck gleichgültig, ja, sie hat sogar seit dem Hofball ein Gefühl warmherzigen, dankbaren Interesses für ihn empfunden. Sie hat seine Person mit einem Glorienschein edelster Ritterlichkeit umgeben.
Wenn er sie aber getäuscht hätte, — wenn sein Nicht- kommen nur ein kurzes Nachgeben gewesen, wenn er nun aus irgend eine Weise dennoch sein Ziel zu erreichen und sie zu gewinnen trachtete, — oh — Pia würde ihn hassen darum! Sie hat noch nie einen Menschen gehaßt, — aber dann, ja, dann würde sie es lernen! — Das Stubenmädchen kommt ihnen mit einer Visitenkarte entgegen.
„Der junge Herr Graf zu Niedeck."
Ein leiser, halberstickter Aufschrei von PiaS Lippen.
„Welcher Graf?" herrscht der Oberstlieutenant betroffen.
„Der Herr Lieutenant von den Dragonern hier!" knixte das Mädchen mit einem triumphirenden Blick auf das gnädige Fräulein, welches seine Liebe zu dem schönen Verehrer doch auch gar zu nett verrathen hat.
Der Freiherr runzelt enttäuscht die Brauen und knäuelt die Karte in der Hand. Er überlegt einen Augenblick.
„Sagen Sie, es thut uns sehr leid; die Damen machen Toilette für das Theater und ich sei nicht zu Hause."
Ueberrascht zieht sich das Mädchen zurück, das halte sie nicht erwartet.
„Zappeln lassen!" knurrt Nördlingen voll Genugthuung- Pia aber preßt aufathmend die Hand gegen das Herz.
Oh, entsetzliche vier Wochen, welche Qual werdet ihr für mich sein!


